Die amerikanischen Währungshüter um Notenbankchef Ben Bernanke haben nach der Anhebung des Leitzinses am Dienstag einen weiteren Zinsschritt im Mai in Aussicht gestellt.
Nur eine Reihe von überraschend schlechten Konjunkturdaten dürfte die Notenbank Fed davon abbringen, den Zielzinssatz für Tagesgeld am 10. Mai von 4,75 auf 5 Prozent zu erhöhen. In diesem Sinne haben zahlreiche Beobachter das Kommunique des geldpolitischen Rats der Federal Reserve von Dienstag interpretiert.
Wie in einem Teil der gestrigen Auflage berichtet, hat der Rat den Leitzins am Dienstag zum 15. Mal in Folge um einen Viertelprozentpunkt heraufgesetzt, von 4,5 auf 4,75 Prozent.
Leitzinserhöhung auch in der EU
Die Rendite der richtungweisenden Staatsanleihe mit zehn Jahren Laufzeit ist auf die Nachricht von möglichen weiteren Zinsschritten hin gestiegen. Am Mittwoch lag sie daraufhin im frühen Handel bei 4,80 Prozent, dem höchsten Stand seit Juni 2004. Auch in vielen anderen Ländern hat die Aussicht auf steigende Leitzinsen die langfristigen Renditen nach oben getrieben.
Von der Europäischen Zentralbank (EZB) wird weithin erwartet, daß sie ihren Leitzins nun bereits Anfang Mai ein weiteres Mal anheben wird, von derzeit 2,5 auf dann 2,75 Prozent. Einzelne Stimmen halten wegen deutlicher Warnungen aus dem EZB-Rat vor Inflationsgefahren sogar einen Zinsschritt am 6. April für möglich.
Das hat die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe am Mittwoch auf 3,76 Prozent steigen lassen, den höchsten Stand in zwölf Monaten. Auch in Japan, Großbritannien und der Schweiz haben sich die langfristigen Renditen in jüngster Zeit erhöht.
ING: Positive Wirtschaftdaten im Frühling
„Die Fed hat in ihrer schriftlichen Begründung die Einschätzung vom Januar bekräftigt, wonach eine weitere Straffung der Geldpolitik notwendig werden könnte, um Chancen und Risiken für Wachstum und Preisstabilität in der Waage zu halten“, sagte Rob Carnell von der Investmentbank ING.
Carnell rechnet mit „großer Wahrscheinlichkeit“ mit einem Zinsschritt im Mai, weil bis dahin noch mit positiven Wirtschaftsdaten zu rechnen sei. „Danach aber wird sich vor allem der Immobilienmarkt stärker abkühlen und die Fed von einer weiteren Leitzinserhöhung abhalten.“ Derzeit überwögen aber in der Fed noch die Sorgen über die Inflation jene über eine Wachstumsschwäche.
Ganz ähnlich sieht dies auch David Greenlaw, der die Fed für die Investmentbank Morgan Stanley beobachtet: „Ich rechne damit, daß die Arbeitsmarktdaten für April einen weiteren Zinsschritt um einen Viertelprozentpunkt rechtfertigen.“ Danach werde die Fed zunächst eine Pause einlegen.
UBS: schwache Konjunkturdaten
Weil sich aber im weiteren Jahresverlauf die Inflation beschleunigen werde, müsse die Fed zu einem späteren Zeitpunkt die Geldpolitik weiter straffen. Der Führung des neuen Chairman Bernanke seien die etwas ausführlichere Schilderung der aktuellen Verfassung der Wirtschaft und ein kleiner Konjunkturausblick in der schriftlichen Mitteilung geschuldet, sagte Greenlaw weiter.
Das deute womöglich auf Bernankes Bemühungen um eine größere Transparenz und Glaubwürdigkeit der amerikanischen Geldpolitik hin. Etwas anders schätzt Maury Harris, Chefvolkswirt von UBS in New York, die Lage ein.
„Ich hatte keinen so deutlichen Hinweis auf eine weitere Leitzinserhöhung erwartet“, sagte der Investmentbanker. Eine Straffung der Geldpolitik im Mai sei nun zwar möglich, doch ist Harris recht sicher, daß schwache Konjunkturdaten in den kommenden Wochen dies verhindern werden.
Sorge vor einer Rezession
Vor allem auf dem Immobilienmarkt sei mit einer spürbaren Abschwächung zu rechnen. „Die Fed wird die Zinsen nicht weiter anheben und Anfang 2007 mit der Lockerung der Geldpolitik beginnen“, lautet die zentrale Prognose von Harris. Er sagt voraus, daß sich das Wachstum von der aktuellen Jahresrate um 4 Prozent auf 2,5 Prozent im zweiten Halbjahr abkühlen werde.
Eine Mahnung zur Vorsicht erhielt die Fed aus der Politik. Der Vorsitzende des gemeinsamen Wirtschaftsausschusses von Senat und Repräsentantenhaus, Jim Saxton, warnte vor den möglichen negativen Folgen einer sehr flachen Zinsstrukturkurve, wie sie derzeit am amerikanischen Kapitalmarkt zu beobachten ist.
Die flache Zinsstruktur - der geringe Unterschied zwischen kurz- und langfristigen Zinsen - gebe Anlaß zur Sorge, weil dies früher häufig der Vorbote einer Rezession gewesen sei. „Das verlangt den Währungshütern in den kommenden Monaten besondere Vorsicht ab“, sagte Saxton.
