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Zehn Jahre nach der Krise : Die Banken sind immer noch nicht sicher

Dieses Bild ging um die Welt: Ein Lehman-Mitarbeiter trägt 2008 seine persönlichen Habseligkeiten aus der Bank. Bild: AFP

Zehn Jahre nach der Finanzkrise sollen die Banken eigentlich sicherer sein als früher. Doch die Mittel zur Erreichung des Ziels – wie italienische Pfandbriefe etwa – taugen nicht oder nur bedingt.

          Nie wieder! Nie wieder soll der Steuerzahler für Banker bluten, dies hat sich die Politik geschworen. Noch mal sind die Banken nicht vom Staat zu retten, so haben die Regierenden versprochen, ob sie nun Merkel, Schäuble oder Steinbrück heißen. Gemeinsam haben sie die Regulierer losgeschickt, in bester Absicht. Nur reicht das eben nicht. Oder wirkt im Extrem kontraproduktiv. Um so einen Fall soll es hier gehen.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Banken brauchen mehr Liquidität, das ist eine Vorgabe, um den Finanzsektor einzuhegen: Eine volle Kasse hilft gegen manche Widrigkeit im Geschäftsleben, das ist gewisslich wahr. Zwei Gründe kennt das Lehrbuch für Insolvenzen: Eine Firma ist überschuldet bis unters Dach und muss ihren Betrieb aufgeben. Oder, zweitens, ihre Bilanz ist halbwegs solide, im entscheidenden Moment aber ist sie nicht flüssig: Dies ließ die Investmentbank Lehman Brothers zusammenkrachen, im katastrophalen September 2008. Die Wall-Street-Bank war nicht überschuldet, aber nicht flüssig - zahlungsunfähig. Das ganze Finanzsystem bebte daraufhin, den abgebrühtesten Bankern wurde schummerig. Düsterste Prophezeiungen den Kapitalismus betreffend wurden ausgestoßen (die zum Glück nicht eingetreten sind).

          Man gelobte allseits Besserung. Das naheliegende Mittel: Banken brauchen mehr Eigenkapital. Sollen sie treiben, was sie wollen, und notfalls im Ruin enden - solange dies die Allgemeinheit nicht schädigt, alles fein. So läuft das in einer Marktwirtschaft, wenn sie funktioniert: Wer etwas riskiert, wird dafür belohnt, sofern sein Kalkül aufgeht. Wenn nicht, steht er dafür gerade und verliert im Zweifel alles.

          Auf die Liquidität kommt es an

          Der Kapitalpuffer ist aber nicht genug, siehe Lehman: Auf die Liquidität kommt es an! Nie wieder wollen Finanzaufseher sich vorwerfen lassen, sie hätten irgendwas übersehen. Lieber regulieren sie das Objekt zu Tode. Noch im September 2008 haben sich die Aufseher die Liquidität vorgenommen und seither in Stufen ein System eingeführt, um die Banken an die Kandare zu nehmen. Drei Buchstaben machen in dem Zusammenhang Karriere: LCR, das steht für „Liquidity Coverage Ratio“, übersetzt mit „Liquiditätsquote“ oder „Liquiditätsdeckungsanforderung“. Viele Leute in vielen Banken verbringen gegenwärtig viel Zeit in LCR-Workshops, und es wachsen die Zweifel, was das bringt - und ob nicht die unbeabsichtigten Konsequenzen der Regulierung alles nur noch schlimmer machen.

          Das Ziel ist es, die Banken zu mehr Cash zu zwingen. Ein vernünftiges Ansinnen, möchte man meinen. Nur hat die schöne Idee in der Praxis unerwünschte Folgen, zumal sie mit gehörigem bürokratischen Aufwand verbunden ist, noch dazu, wenn die Vorgaben nicht als Ausfluss göttlicher Weisheit vom Himmel fallen, sondern Ergebnis eines politischen Prozesses sind. Und als zentraler Spieler eine Europäische Zentralbank auftritt, in der Bankenaufsicht und Geldpolitik aufs unerfreulichste verquickt werden, was den berechtigten Verdacht weckt, dass das Finanzsystem dadurch nicht robuster wird, sondern im Gegenteil die Stabilität gefährdet wird.

          Das Problem mit der Liquiditätsquote beginnt mit der Frage: Was genau ist liquide? Ließe man nur das Bargeld in der Kasse zu, dann wäre den Banken die Geschäftsgrundlage entzogen. Müssten sie alles, was Sparer zu ihnen tragen, in der Kasse horten, könnten sie gar nicht erst anfangen mit dem Betrieb. Gleichwohl müssen sie flüssig sein, wenn ihre Gläubiger etwas abheben wollen. Wie aber misst man diese Fähigkeit?

          Was lässt sich leicht zu Geld machen?

          Die LCR versucht es mit einem Bruch: im Zähler das leicht zu verflüssigende Vermögen, der Bestand an liquiden Aktiva, wie Fachleute sagen, im Nenner die zu erwartenden Abflüsse innerhalb von 30 Tagen. Seit Anfang dieses Jahres muss jede Bank eine Quote von 80 Prozent nachweisen, in der Endstufe, vom 1. Januar 2018 an, muss die LCR 100 Prozent betragen. „Banken können dann theoretisch auch 30 Tage überleben, wenn ihre Kunden in Stressphasen viel Geld abziehen“, erläutert Heike Dengler von der Prüfungsgesellschaft EY (Ernst & Young), die den Finanzsektor zu der Frage berät.

          Die Schwierigkeit besteht nun in der für sachfremde Einflussnahme offenen Definition: Wie leicht ist eine bestimmte Art von Vermögen zu Geld zu machen? Wie sehr ist sie liquide? Objektiv ist das nicht für alle Zeiten zu klären, warnen die Gelehrten. An einem Tag ist selbst die Immobilie, das Haus am See, ein jederzeit loszuschlagender Schatz, am nächsten, wenn sich herausstellt, das Gewässer nebenan ist vergiftet, will es keiner haben. Dann ist da gar nichts mehr liquide (abgesehen von der giftigen Brühe im See).

          Die Regulierer haben also festgelegt, was flüssig ist und was nicht. Die Güteklasse eins und zwei heißen „High Quality Liquid Assets“ (HQLA). Und da wird es nun willkürlich, um nicht zu sagen absurd. Für eine Staatsanleihe wird die - politisch erwünschte - Fiktion entworfen, dass sie prinzipiell zu 100 Prozent liquide ist, auch von zeitweise klammen Ländern wie Portugal. Selbst Griechenland-Papiere sollen wieder diesen Stempel bekommen. Wenn der italienische Pfandbrief mit nahezu gleicher Qualität eingestuft wird wie die deutsche Bundesanleihe, dann lässt sich der Wille dahinter erahnen.

          Auch eine Daimler-Aktie genügt nicht sofort

          Wenn darüber hinaus beschlossen wird, dass die Anleihen grundsolider Adressen wie einer Société Générale überhaupt nicht oder einer Münchner Rück, sofern die Restlaufzeit länger als zehn Jahre ist, zu null Prozent in die beste Güteklasse eingehen dürfen, wird es erst recht komisch. Auch eine Daimler- oder Siemens-Aktie genügt den HQLA-Ansprüchen nicht sofort, obwohl sekündlich über die Börse handelbar.

          Im Ergebnis bedeutet dies, dass Banken Papiere von Staaten halten müssen, von denen jedermann weiß, dass sie weniger solide und weniger liquide sind als Konzerne, die ihre Schulden noch immer zurückgezahlt haben. Die Schuldenmacherei der Staaten wird begünstigt, der Sicherheit des Finanzsystems dient dies ganz sicher nicht. Die Märkte werden verzerrt. Damit die Banken keine Ausreden haben, wird ihnen die Bürde auferlegt, nachzuweisen, welche Anleihen aus der Menge der vom Regulierer festgelegten HQLA auch wirklich verkäuflich sind, erläutert EY-Expertin Heike Dengler: „Leichter gesagt als getan.“

          Zudem entstehen Anreize für Banken, in höheres Risiko zu gehen: Wenn halbwegs rentierliche Anlagen aus Gründen der Liquiditätsquote nicht mehr in Frage kommen, weicht die Bank aus, bewegt sich an die riskanteren Ränder, zu den gefährdeteren Papieren, um so die Durchschnittsrendite auf ein erträgliches Maß zu heben.

          Liquidität ist nicht gleich Cash

          So war dies nicht gedacht. Am Ende ist es eine Folge dessen, dass die Liquidität mittels LCR zum überragenden Ziel erklärt wird. Außerdem: Wenn schwerfällig handelbare Papiere von Banken aussortiert werden, lösen diese sich nicht in Luft auf - im Zweifel greifen Hedgefonds und andere weniger beaufsichtigte Spieler zu: Das Risiko ist nicht weg, es steckt nur woanders - im Zweifel im nicht regulierten Bereich.

          Zudem gaukelt die Regulierung Sicherheit nur vor: Liquidität ist nicht gleich Cash. Märkte können blitzschnell einfrieren. Greifen Angst und Panik um sich, stockt der Handel, niemand kauft oder verkauft mehr. Dann ist gar nichts mehr liquide. Da mag das Papier den schönsten Gütestempel „High Quality“ tragen.

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