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Wilhelm Hankel „Mein Bundesschätzchen ist tot“

Bundesschatzbriefe waren einmal richtig populär. Nun beerdigt die Regierung diese Wertpapiere. Im Interview der Sonntagszeitung trauert der Erfinder Wilhelm Hankel um seine Idee.

© Mart Klein Vergrößern Wilhelm Hankel war 1969 Ministerialdirektor unter Wirtschaftsminister Karl Schiller - und hat den Bundesschatzbrief erfunden

Professor Hankel, Sie gelten als Vater der Bundesschatzbriefe. Jetzt schafft die Bundesregierung diese Wertpapiere ab. Was sagen Sie dazu?

Ich bin traurig. Vor allem aber betrübt mich, dass es so eine kleine Trauergemeinde gibt. Das Bundesschätzchen hätte es verdient, dass mehr Bürger ihrer Empörung über die Abschaffung Luft machen.

Was war denn 1969 bei der Erfindung der Schatzbriefe die Idee?

Es ging darum, Bürger an den Kapitalmarkt zu führen. Und sie zugleich mit ihrem Scherflein teilhaben zu lassen am Staat.

Wie lief das ab, als Sie die Wertpapiere entwickelt haben?

Das war ein Projekt der Große Koalition: Karl Schiller war Wirtschaftsminister, Franz Josef Strauß Finanzminister. Beide Ministerien gemeinsam haben die Schatzbriefe entwickelt. Strauß sagte damals in einem Interview auf die Frage, wer denn nun der Erfinder sei: „Wenn es gut läuft, war ich es. Läuft es schlecht, war es dieser blasse Ministerialdirektor aus dem Wirtschaftsministerium.“ Das war ich.

Was wollte man erreichen?

Die Bundesschätzchen sollten ein Gegenmodell zum Volkseigentum der früheren DDR werden. Wir im Westen wollten die Soziale Marktwirtschaft nicht nur im Supermarkt erleben und im Wettbewerb der Industrie. Sondern auch am Kapitalmarkt. Das Bundesschätzchen war gedacht als Türöffner für einen sozialen Kapitalmarkt - einen Kapitalmarkt der kleinen Leute.

Hatte das Folgen für die Konstruktion?

Ja, entsprechend war das Bundesschätzchen ausgestattet. Es war sicher wie das Sparbuch - bot aber höhere Erträge. Und es vermied alle Risiken, die sonst mit einem Anleihepapier verbunden sind: Kursschwankungen und das Auf und Ab der Börsenkonjunktur.

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Gab es Feinde dieses Projekts?

Oh ja. Und zwar gerade da, wo man sie am wenigsten vermutet hätte. Nämlich unter den Banken. Mit dem Bundesschätzchen war ja zugleich ein Einbruch in die Erbhöfe des deutschen Kapitalmarkts verbunden. Denn das damals fast allmächtige Bundesanleihekonsortium, in dem die Großbanken den Ton angaben und die Finanzbedürfnisse des Bundes gleichsam im Kartell-Club regelten, bekam auf einmal Konkurrenz. Bis dahin hatte jeder seine Quote, und die Banken bestimmten die Konditionen, zu denen der Bund Geld bekam. Natürlich gewährten sie sich einen entsprechenden eigenen Nutzen in Gestalt der Marge. Und in diesen gehegten Kapitalmarkt brach das Bundesschätzchen ein.

Gab es eine Einführungsfeier?

Ja, es gab eine öffentliche Einführung. Und zugleich einen Prospekt, in dem die Leitlinien vorgestellt wurden. Ziel sei die Förderung des Anleihe-Sparens. Aber zugleich auch die Heranführung der Bürger an den Staat. Der Bürger sollte über den Bundesschatzbrief an Staatsausgaben und -investitionen teilhaben können.

Infografik / Bundesschätzchen Adé © F.A.Z. Vergrößern

Dahinter steckte eine bestimmte Vorstellung vom Staat?

Das Bundesschätzchen gehörte zu einem Staat, der sich auf seine Bürger stützt und nicht nur auf die Banken. Ich erwog damals sogar den Verkauf nicht nur über Bankfilialen, sondern über die Schalter von Bundespost und Bundesbahn und die Supermärkte. Das haben aber die Banken und der Finanzminister verhindert.

War der Bundesschatzbrief trotzdem gleich ein Erfolg?

Es war ein großer Erfolg. Sowohl im Zufluss der Mittel als auch in der Popularität. Der Bundesschatzbrief wurde für viele Jahre zu einer wichtigen Finanzierungsquelle für den Bundeshaushalt. Aber irgendwann einmal schlug die Stimmung um. Es ist im Rückblick schwer, den genauen Zeitpunkt zu nennen. Der Bundesschatzbrief bestimmte ja auch das Zinsklima am Kapitalmarkt. Und infolgedessen hing sein Erfolg sehr stark davon ab, dass er anständig verzinst war. Man konnte ihn später leicht aushungern, indem man ihn kärglich ausstattete. Und das ist dann geschehen.

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