http://www.faz.net/-gv6-urdf

Verschwörungstheorie : Die Schutztruppe von der Wall Street

Skeptischer Blick: An der Wall Street blühen die Verschwörungstheorien Bild: AP

Trotz eines schwierigen Umfelds erreicht der Dow Jones fast sein Allzeithoch. Für Anhänger von Verschwörungstheorien ist das ein gefundenes Fressen. Sie glauben an geheime staatliche Stützungskäufe am amerikanischen Aktienmarkt.

          An der Wall Street scheint die Angst der Anleger wundersam verflogen zu sein. Noch vor wenigen Wochen hatte ein Schwächeanfall der asiatischen Börsen einen kräftigen Kurssturz des Dow-Jones-Index ausgelöst. Danach fürchteten Börsianer eine Rezession wegen der Krise im amerikanischen Immobilienmarkt. Überdies gilt ein deutlicher Rückgang beim Wachstum der Unternehmensgewinne als sicher.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Diese Gemengelage führte zu zeitweilig starken Kursschwankungen. An dem Umfeld hat sich nicht viel geändert, aber die Börse zeigt sich widerstandsfähig. Der Dow Jones hat sein Allzeithoch fast wieder erreicht, und auch der breiter gefasste Marktindex S&P 500 rückt immer näher an seine alte Rekordmarke aus dem Jahr 2000 heran.

          „In diese Märkte ist schon oft eingegriffen worden“

          Für Anhänger von Verschwörungstheorien ist das ein gefundenes Fressen. Seit Jahren hält sich an der Wall Street das Gerücht von einer Art Eingreiftruppe der Regierung, die bei Gefahr eines Börsenkrachs mit Stützungskäufen für Stabilität an den Aktienmärkten sorgt. „In diese Märkte ist bei zahlreichen Anlässen eingegriffen worden“, hieß es in einem Bericht der respektablen kanadischen Fondsgesellschaft Sprott Asset Management.

          Marktmanipulation sei ein Merkmal der Börsen in Amerika geworden. Die amerikanische Notenbank und das Finanzministerium können zwar an den Devisenmärkten intervenieren, um die Stabilität des Wechselkurses zu sichern. Ein Eingriff in die Aktienmärkte gilt aber als tabu.

          Mannschaft für den Schutz vor einem Börsensturz

          Im Zentrum der Spekulationen steht die ein Jahr nach dem großen Börsenkrach von 1987 vom damaligen Präsidenten Ronald Reagan ins Leben gerufene „Arbeitsgruppe Finanzmärkte“. Geführt wird dieses Gremium vom Finanzminister. Weitere Mitglieder sind der Vorsitzende der amerikanischen Notenbank Fed sowie die Chefs von Börsenaufsicht und Terminmarktaufsicht. Als Aufgabe der Arbeitsgruppe wurde formuliert, Integrität, Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit der Finanzmärkte sowie das Vertrauen der Investoren sicherzustellen.

          Das Gremium soll sich dazu mit Vertretern der Börsen und großen Marktteilnehmern beraten. Verschwörungstheoretiker glauben jedoch, dass die eigentliche Aufgabe dieses Gremiums der Schutz vor einem neuerlichen Einbruch des Aktienmarktes ist. Im Jargon der Wall Street heißt die Arbeitsgruppe daher „Plunge Protection Team“, also Mannschaft für den Schutz vor einem Börsensturz.

          Fed-Gouverneur für Eingriff bei einer Börsenkrise

          Die Theorie besagt, dass beteiligte Wertpapierhäuser im Auftrag der Regierung Terminkontrakte auf den S&P 500 kaufen, falls der Markt einzubrechen droht. Diese Spekulationen fußen auf einem Meinungsbeitrag im „Wall Street Journal“ aus dem Jahr 1989, in dem der ehemalige Fed-Gouverneur Robert Heller für einen Eingriff der Fed bei einer Börsenkrise argumentierte.

          Die Notenbank hat zwar die Möglichkeit, einer Krise mit Zinssenkungen entgegenzuwirken. „Anstatt die gesamte Volkswirtschaft mit Liquidität zu überfluten und damit die Gefahr von Inflation zu erhöhen, könnte die Fed den Aktienmarkt direkt unterstützen, indem sie Terminkontrakte auf Aktienindizes erwirbt und so den Gesamtmarkt stabilisiert“, schrieb Heller damals.

          „Habe das Gefühl, Sie werden mich weiter ignorieren“

          Die Gerüchte werden auch von einer zurückhaltenden Informationspolitik der Regierung geschürt. Die Boulevardzeitung „New York Post“, deren Wall-Street-Reporter John Crudele von der Existenz der Börsenschutztruppe überzeugt ist, hat im vergangenen Jahr in einer offiziellen Anfrage die Veröffentlichung von Sitzungsprotokollen der Finanzmarkt-Arbeitsgruppe angefordert.

          Anfang April hatte er in einem offenen Brief an Finanzminister Henry Paulson dieser Forderung Nachdruck verliehen. „Ich habe das Gefühl, Sie werden mich weiter ignorieren“, klagte Crudele. Dass Paulson vor seiner Berufung zum Finanzminister im vergangenen Jahr Vorstandschef der Investmentbank Goldman Sachs war, gibt den Gerüchten weiter Auftrieb.

          „Informelles Abkommen zwischen großen Banken“

          Als einer der Momente, in denen die Eingreiftruppe aktiv geworden sein soll, gilt die Zeit nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Der Journalist George Stephanopoulos, früherer Berater des Präsidenten Bill Clinton, gab kurz nach den Anschlägen die Existenz eines „Plunge Protection Teams“ zu. „Es gibt ein informelles Abkommen zwischen den großen Banken, einzugreifen und Aktien zu kaufen, wenn es ein Problem zu geben scheint“, sagte Stephanopoulos damals.

          Seither hat er keine Stellungnahme mehr abgegeben. Fed-Chef Ben Bernanke bezeichnete die Hauptaufgabe der Arbeitsgruppe Finanzmärkte bei einer Anhörung als Beratung und Erstellung von Berichten. Von einer Befugnis im Fall eines Börsenkrachs sei ihm nichts bekannt.

          Weitere Themen

          Der König der Wall Street

          Jamie Dimon : Der König der Wall Street

          Der Vorstandschef von JP Morgan sitzt nach Rekordzahlen fester im Sattel denn je. Strafen gegen die Bank und Kritik haben ihn nicht zu Fall bringen können.

          China im Goldrausch Video-Seite öffnen

          Währungsreserven : China im Goldrausch

          Gold gilt für viele Menschen immer noch als Inbegriff von Sicherheit – auch für Notenbanken. China hat seine Bestände zuletzt sogar verfünffacht. Und wie steht es mit Deutschland?

          Alles Hightech, oder was?

          Börsentreiber : Alles Hightech, oder was?

          Hinter den Kursgewinnen an Amerikas Börsen stecken momentan vor allem Technologieunternehmen. Ein deutscher Anleger braucht indes nicht unbedingt über den Atlantik zu blicken.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.