17.07.2010 · Niedrige Kreditzinsen bergen für Privatleute auch Risiken. Sie sollten besonders auf die Laufzeit der Kredite und die Höhe der Sollzinsen achten anstatt auf niedrige Raten und jährliche Sondertilgungen.
Von Volker LoomanDie derzeit niedrigen Kreditzinsen sind für viele Privatleute in mehrfacher Hinsicht gefährlich. Das mit Abstand größte Risiko ist die Überschuldung wegen mangelhafter Bonität. Die zweite Gefahr ist die langjährige Verschuldung, wenn die Tilgung zu niedrig ist. Und die dritte Gefahr ist die Überteuerung der Kredite. Das wird in folgendem Beispiel deutlich: Ein Anleger ist 37 Jahre alt. Er benötigt für den Kauf einer Wohnung, die etwa 200.000 Euro kostet und selbst genutzt werden soll, noch 150.000 Euro. Kredite in dieser Größenordnung kosten zurzeit etwa 4,2 Prozent, wenn die Zinsen für 15 Jahre festgeschrieben werden. Die monatliche Rate liegt bei 650 Euro, wenn die Tilgung auf 1 Prozent eingestellt wird. Das mag auf den ersten Blick verlockend sein, weil die 650 Euro möglicherweise der ersparten Miete entsprechen, doch bei genauem Hinsehen ist der Kredit voller Tücken.
Der heikelste Punkt ist die Bonität des Anlegers. Falls die 650 Euro nur mit Müh und Not zu stemmen sind, besteht die Gefahr, dass der Kreditnehmer beim ersten Windstoß umkippt. Wenn der Mann in fünf Jahren ein neues Auto braucht oder in zehn Jahren einige Zeitlang arbeitslos sein wird, kann er in finanzielle Schieflage geraten. Entweder ist das Auto nicht bezahlbar oder der Wohnungskredit wird notleidend. Auch droht in ferner Zukunft - konkret in 15 Jahren - die Gefahr, dass die Anschlusszinsen höher als die heutigen Vertragszinsen sind. Bei einem Prolongationszins von 6 Prozent wird die neue Monatsrate mit hoher Wahrscheinlichkeit auf mindestens 719 Euro klettern, und das kann dem Anleger, wenn die Kasse nicht mehr als 650 Euro hergibt, zum Verhängnis werden.
Arbeitsleben in zwei Halbzeiten teilen
Auch die weiteren Umstände bieten Anlass zum Nachdenken: Der Anleger ist 37 Jahre alt. In diesem Alter ist eine Anfangstilgung glatter Wahnsinn. Sollzinsen von 4,2 Prozent und Tilgungen von 1 Prozent führen zu Laufzeiten von 39 Jahren, so dass der Privatmann die Kreditraten bis zum 76. Geburtstag auf den Tisch der Hausbank blättern müsste. Es mag Frohnaturen geben, die darin kein Problem sehen, doch nüchterne Betrachter werden sich fragen, was diese Kreditnehmer mit ihrem Geld machen.
Wenn über die monatliche Kreditrate hinaus keine finanziellen Überschüsse vorhanden sind, sollte die Wohnung überhaupt nicht gekauft werden, weil sie die Möglichkeiten des Anlegers übersteigt. Das führt zwangsläufig zu der Frage, wie viel Geld für die Verzinsung und Tilgung des Kredites zur Verfügung stehen sollte. Die Antwort ist einfach, doch die Konsequenzen sind schwierig. Der Anleger steht vor zwei Aufgaben: Er möchte die Wohnung kaufen, und er will, ja er muss, freies Kapital für die Altersvorsorge ansparen. Vor diesem Hintergrund bietet sich an, das restliche Arbeitsleben in zwei Halbzeiten zu teilen. Erst wird der Kredit getilgt, dann wird das freie Vermögen aufgebaut.
Überhöhte Sollzinsen für flexible Tilgungen
Im vorliegenden Fall wird der Anleger noch 30 Jahre arbeiten. Folglich stehen ihm für die beiden Aufgaben jeweils 15 Jahre zur Verfügung. Die Vorgabe der Laufzeit hat bei einem Darlehen von 150.000 Euro und einem Sollzins von 4,2 Prozent pro Jahr insgesamt 180 Raten von jeweils 1125 Euro zur Folge. Soll die Kreditrate ein Viertel des verfügbaren Einkommens nicht übersteigen, ist ein Nettoeinkommen von 4500 Euro notwendig. Das sind brutto 7500 Euro, so dass klar wird, dass niedrige Zinsen ein Geschenk sein mögen, aber keine Einladung an Leute sein dürfen, die weniger verdienen. Sonst droht der finanzielle Kollaps.
Das einfache Konzept, erst die Schulden vom Tisch, dann die Raten fürs Alter auf das Konto, leuchtet vielen Menschen ein. Trotzdem setzen viele den Plan schlampig in die Tat um. Die übliche Lösung ist zurzeit eine Anfangstilgung von 1 oder 2 Prozent und die Möglichkeit, jedes Jahr bis zu 5 oder 10 Prozent der Schuld außerplanmäßig tilgen zu dürfen. Das scheint für viele Privatleute die optimale Lösung zu sein, doch in Wahrheit führen sich diese Menschen an der Nase herum. Sie zahlen für ihre flexiblen Tilgungen überhöhte Sollzinsen, und sie bringen in acht von zehn Fällen nicht die Disziplin auf, die Sondertilgungen zu leisten. Das hat fatale Folgen, die gehörig ins Geld gehen.
Hoher Preis für die Flexibilität
Wer die aktuellen Sollzinsen der Banken beobachtet, wird schnell erkennen, dass zwischen Darlehen mit geringer und hoher Tilgung erhebliche Differenzen liegen. Die ersten Kredite kosten bei einer Zinsbindung von 15 Jahren etwa 4,2 Prozent, und die zweiten Kredite sind für 3,75 Prozent zu bekommen, falls die Schulden während der Zinsbindung in voller Höhe getilgt werden. Das bietet Leuten, die Freude am Rechnen haben, interessante Perspektiven. Die volle Tilgung der 150.000 Euro erfordert bei einem Sollzins von 3,75 Prozent insgesamt 180 Raten à 1091 Euro. Die Summe der Raten beträgt 196.380 Euro. Folglich liegt die Summe der Zinsen bei 46.380 Euro.
Wird aber ein Standardkredit mit geringen Startraten und Sondertilgungen gewählt, sind dafür 4,2 Prozent pro Jahr zu entrichten. Bei einer Anfangstilgung von 2 Prozent wären Monatsraten von 775 Euro notwendig. Außerdem müssten jedes Jahr zusätzlich 4277 Euro bezahlt werden, um den Kredit im Laufe von 15 Jahren zu tilgen. Das führt zu einem Gesamtbetrag von 203.655 Euro, so dass die Summe der Zinsen bei 53.655 Euro liegt. Das sind 7275 Euro mehr als bei der ersten Hypothek und damit ein hoher Preis für die Flexibilität niedriger Anfangsraten und jährlicher Sondertilgung.
Konkurrenz belebt das Geschäft
Besonders teuer wird es, wenn die Sondertilgungen übersehen oder vergessen werden. Sollte der Kredit mit nur 2 Prozent getilgt werden, wird die Schuld im Laufe der 15 Jahre auf 87.461 Euro sinken. Folglich werden Zinsen von 76.961 Euro anfallen. Das ist in mehrfacher Hinsicht ärgerlich. Erstens ist der Betrag hoch, zweitens sind die Schulden nicht vom Tisch, drittens drohen Zinserhöhungen, und viertens stellt sich die Frage, was der Anleger mit den Sondertilgungen gemacht hat. Wenn das Geld für sinnvolle Dinge ausgegeben worden ist, mag die Welt in Ordnung sein. Sollten die 64.000 Euro aber in Form von Zwanzig-Euro-Scheinen im Konsum versickern, sind das miserable Startbedingungen für die Altersvorsorge.
Schlecht wäre auch der Vorsatz, das vorhandene Geld nicht zur Tilgung der Schulden zu verwenden, sondern in andere Kapitalanlagen zu stecken. Es gibt Schlauberger, die hartnäckig der Meinung sind, die Kombination von Tilgen und Sparen sei sinnvoll. Der Schuss wird in der Regel aber nach hinten losgehen, weil für die hohen Kreditkosten entsprechende Zinserträge erwirtschaftet werden müssen. Unter Berücksichtigung der gegenwärtigen Abgeltungsteuer von 25 Prozent müssten im vorliegenden Fall jedes Jahr rund 7,5 Prozent vor Steuern erwirtschaftet werden.
So hohe Sätze sind mit sicheren Geldanlagen auf keinen Fall zu erzielen. Hier winken zurzeit zwischen 3 und 4 Prozent, doch so niedrige Zinsen führen bei den parallelen Kreditzinsen von 4,2 Prozent ins finanzielle Abseits. Vor diesem Hintergrund ist in Haushalten, in denen keine Erbschaften anfallen werden, die Halbierung der restlichen Arbeitszeit die beste Lösung. In der ersten Halbzeit wird getilgt, und in der zweiten Halbzeit wird gespart. Das Konzept ist einfach, praktisch und gut. Auch den Banken ist diese Lösung nicht unangenehm. Die Marge ist bei beiden Modellen ähnlich, so dass die Kreditgeber bei der hohen Rückzahlung nicht schlechter dastehen. Kritisch wird die Sache für die Kunden, wenn sich die Hausbank weigert, bei voller Tilgung faire Rabatte einzuräumen. Da bleibt den Anlegern nur der Gang um die Häuser, frei nach dem Motto: Auch andere Banken bieten Geld, und Konkurrenz belebt das Geschäft!
Rechnen können genügt alleine nicht
Walther Schmidt (silitoe)
- 17.07.2010, 18:40 Uhr
Einfache Lösung sind auch mehrere Kredite
Karsten Krug (kkrug)
- 17.07.2010, 20:41 Uhr
Kolossales klumpenrisiko
Martin Enzinger (FlorianGeyer)
- 18.07.2010, 00:21 Uhr
Rechnen alleine reicht nicht 2
Thomas Mirbach (lurkius)
- 18.07.2010, 14:28 Uhr
Auch andere Aspekte berücksichtigen
Jürgen Fuchs (fuchsju)
- 18.07.2010, 15:47 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |