Eine Erhöhung des amerikanischen Leitzinses um einen Viertelprozentpunkt auf 5 Prozent an diesem Mittwoch ist an den Finanzmärkten eine ausgemachte Sache. Gespannt warten die Marktteilnehmer gleichwohl auf die schriftliche Begründung, die der geldpolitische Rat der Federal Reserve (Fed) zu der Entscheidung liefern wird. Von ihr erhoffen sie sich Aufschlüsse darüber, welchen Kurs die Fed unter Führung ihres neuen Chairman Ben Bernanke in den kommenden Wochen und Monaten steuern wird.
Bernanke hat vor einigen Wochen die Möglichkeit einer Pause in der Runde von nun bald 16 Zinsschritten angedeutet. Der Währungshüter verband diese Äußerung zwar mit dem Hinweis, daß so ein Innehalten nicht notwendigerweise das Ende der geldpolitischen Straffung sein müsse. Dennoch sind seither nicht nur der Dollar an den Devisenmärkten unter Druck geraten, sondern auch die Kurse der Anleihen. Die Rendite der maßgeblichen amerikanischen Staatsanleihe mit zehn Jahren Laufzeit wurde am Dienstag mit 5,13 Prozent berechnet, rund 25 Basispunkte höher als Anfang April. Die Inflationsprämie, die am Vergleich mit der Rendite der inflationsgeschützten Anleihe abzulesen ist, hat sich von 2,7 auf 2,8 Prozentpunkte erhöht.
Die ,Wohlfühlzone'
„Die Marktakteure befürchten offenbar, daß die Fed im Kampf gegen die Inflation ins Hintertreffen gerät“, sagt Jan Hatzius von der Investmentbank Goldman Sachs in New York. In der Tat deute kurzfristig einiges auf eine Beschleunigung des Preisauftriebs hin, beispielsweise die schneller steigenden Stundenlöhne in der Industrie oder auch die höheren Benzinpreise. „Es bedarf nicht mehr viel, um die Kerninflationsrate zur Jahresmitte über jenen Bereich von 1 bis 2 Prozent zu treiben, welche Bernanke als ,Wohlfühlzone' bezeichnet“, sagt der Bankökonom. Der geldpolitische Rat stehe vor der großen Herausforderung, sich nach zwei Jahren mehr oder weniger angekündigter Zinsschritte die Flexibilität einer Zinspause im Juni zu verschaffen, ohne zugleich weitere Zinsschritte in den Augen der Marktakteure auszuschließen.
„Die Fed wird sicher darauf hinweisen, daß die Inflationsrisiken größer geworden sind“, sagt Hatzius. Aber die Notenbank erwarte auch, daß sich das Wirtschaftswachstum in der zweiten Jahreshälfte abkühlen werde, was den Inflationsdruck tendenziell verringern dürfte. „Und die Fed wird vermutlich die Sprachregelung dahin gehend ändern, daß ein Zinsschritt Ende Juni nur dann erfolgen wird, wenn die bis dahin eingehenden Konjunkturdaten dies geboten erscheinen lassen.“ Hatzius rechnet nach Lage der Dinge damit, daß der Leitzins tatsächlich nicht weiter als auf 5 Prozent steigen wird.
„Ein Ende der Zinsrunde“
Ähnlich sieht es auch Maury Harris, Chefvolkswirt der Investmentbank UBS: „Der Leitzins wird auf 5 Prozent steigen und dort den Rest des Jahres bleiben.“ Gleichwohl stehe Bernanke unter einem gewissen Druck, die geldpolitische Straffung fortzusetzen, um sich an den Märkten nicht den Ruf einer „Taube“ einzuhandeln, die den Kampf gegen die Inflation nicht ganz so ernst nehme. Darum werde in der schriftlichen Begründung auf jeden Fall der Hinweis enthalten sein, daß die Fed die Inflation im Zaum halten werde, sagt Harris. Es sei nicht ganz auszuschließen, daß Bernanke die Zinspause noch ein wenig hinausschieben müsse, um seine Glaubwürdigkeit als Hüter einer stabilen Währung zu festigen. Die UBS-Ökonomen rechnen damit, daß sich die Indizien für eine Abkühlung des Immobilienmarktes in den kommenden Wochen weiter mehren und es zu einer Verlangsamung des Wachstums insgesamt kommen wird. Das Bruttoinlandsprodukt, das im ersten Quartal mit einer Jahresrate von 4,8 Prozent gewachsen ist, werde im laufenden zweiten Quartal 2,8 und in den beiden folgenden Quartalen jeweils 2,5 Prozent steigen. „Insofern erwarte ich nicht nur eine Zinspause, sondern ein Ende der Zinsrunde“, verdeutlicht Harris.
David Rosenberg, Chefökonom von Merrill Lynch in New York, sieht den Schritt auf 5 Prozent im Zielzinssatz für Tagesgeld ebenfalls als den letzten im aktuellen Zyklus von Erhöhungen. „Aber die Fed wird sicher nicht geradeheraus sagen, wann das Ende erreicht ist. Statt dessen wird sie alles versuchen, um deutlich zu machen, daß eine Pause nicht das Ende bedeuten müsse“, sagt Rosenberg. Die Fed, das hätten Äußerungen Bernankes und der Präsidentin der Federal Reserve Bank von San Francisco, Janet Yellen, deutlich gemacht, sei sich der Wirkungsverzögerung geldpolitischer Maßnahmen sehr wohl bewußt. Darum sei es nach einer geldpolitischen Straffung von zusammen 400 Basispunkten innerhalb von zwei Jahren durchaus verständlich, eine Abkühlung der Konjunktur zu erwarten, so wie die Fed es tue. „Sollte die Wirtschaft letztlich doch schneller als 3 bis 3,5 Prozent wachsen, dann sähe die Sache freilich ganz anders aus“, sagt Rosenberg.
