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Vor der Zinsentscheidung : Die Fed vermisst die Inflation

Vor dem Zinsentscheid: Ein Fußgänger passiert die amerikanische Notenbank Fed. Bild: Bloomberg

Amerikas Zentralbanker kommen zusammen, um über den nächsten Zinsschritt zu entscheiden. Ausgerechnet jetzt bleibt die Inflation in den Vereinigten Staaten wieder unter den Prognosen.

          Gerade als sich die amerikanische Zentralbank anschickt, die Leitzinsen um weitere 0,25 Prozentpunkte anzuheben, verschwindet die Inflation. Am Dienstag ist der für die Geldpolitik zuständige Offen-Markt-Ausschuss der Fed zur zweitägigen Sitzung zusammengekommen, um über die nächste Zinserhöhung zu entscheiden. Die allgemeine Erwartung ist, dass die Zentralbank den Zins für die Übernachtausleihungen zwischen Banken in die Bandbreite zwischen 1 und 1,25 Prozent anhebt. Zudem rechnen Beobachter mit Hinweisen, wie die Fed sich von den Anleihen trennen will, die sie im Zuge des Quantitative-Easing-Programms aufgehäuft hat.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Ein robuster Arbeitsmarkt mit einer seit 2001 nicht mehr gesehenen Niedrigarbeitslosenquote von 4,3 Prozent und ein lebhaftes Wachstum im zweiten Quartal legen einen Zinsschritt nahe. Wenn da nur die Inflation nicht wäre. Die ist wieder einmal hinter den Prognosen der Fed zurückgeblieben.

          Im April mussten die Geldpolitiker eine Kerninflation von gerade einmal 1,5 Prozent registrieren. Die Fed orientiert sich für die Messung der Kerninflation an dem Preisindex für die persönlichen Konsumausgaben, bei dem die oft schwankungsfreudigen Preise für Lebensmittel und Energie herausgerechnet wurden. Der Wert von 1,5 Prozent liegt deutlich unter der Zielmarke der Fed von 2 Prozent.

          Neue Denkschulen nach Finanzkrise?

          Und deutlich unter der Erwartung der Zentralbanker. Dabei ließ sich das Jahr aus ihrer Perspektive vielversprechend an. Nach 1,7 Prozent im Dezember kletterte die Inflation im Januar auf 1,8 Prozent. Die Richtung deutete aufwärts. Doch im März und April fiel sie wieder zurück. Eine Erhitzung der Konjunktur, die Zinsschritte erzwingen könnte, ist nicht zu erkennen. Das ist bei wirtschaftlichen Verhältnissen, die Vollbeschäftigung signalisieren, verwunderlich.

          In der alten Wirtschaftswelt, die angehenden Volkswirten in den ersten Semestern vermittelt wird, gibt es einen engen Zusammenhang zwischen Arbeitsmarkt- und Lohnentwicklung. Je näher die Wirtschaft der Vollbeschäftigung kommt, desto stärker steigen die Löhne und mit ihnen die Preise. Doch in der überdurchschnittlich langen Erholungsphase nach der schweren Finanzkrise lief es anders: Die Löhne stagnierten weitgehend und mit ihnen die Inflation – und das trotz extrem lockerer Geldpolitik und einem gewaltigen Anleihekaufprogramm.

          „Die Antwort der Volkswirtschaft auf dieses wichtige Experiment der Geldpolitik ist Stille“, schreibt John Cochrane vom Hoover-Institut: Kaum Inflation und sogar weniger Schwankungen. Die Modelle der alten Monetaristen und der alten Keynesianer hatten ein solches Ergebnis nicht ausgespuckt.

          Hängt die Fed überkommenen Denkschulen an? „Der wiederholte Optimismus, die Inflation werde sich bald der Zielmarke (von 2 Prozent) annähern, ist ein echtes Problem für eine Zentralbank mit einem Inflationsziel“, schreibt der renommierte Fed-Watcher und Ökonom Tim Duy. In dieser Hinsicht habe die Fed wieder und wieder enttäuscht. Die Zentralbank habe nun in elf aufeinander folgenden Jahren die Stärke der amerikanischen Konjunktur überschätzt, breitet der Ökonom Bradford DeLong aus.

          Wenn die Geldpolitiker eine Münze geworfen hätten, wären sie nur in der Hälfte der Fälle mit ihren Prognosen übers Ziel hinausgeschossen und hätten die Stärke der Wirtschaft unterschätzt. Deshalb sei es nun an der Zeit, die Methoden der Vorhersagen und der Entscheidungsfindung einer Überprüfung zu unterziehen.

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          Die Geldpolitiker sollten sich die Frage stellen, ob das aktuelle System sie animiert, übergroße Inflationserwartungen zu hegen. Berkeley-Professor DeLong vermutet, dass sich die Fed-Banker zu stark an Arbeitsmarktkennziffern orientieren. Tim Duy nimmt die Fed-Banker dagegen in Schutz. Würden sie ihre eigenen optimistischen Vollbeschäftigungs-Prognosen für bare Münze nehmen, hätten sie die Leitzinsen schon viel schneller nach oben gehievt.

          Kann Trumps Reformagenda tatsächlich umgesetzt werden

          Zu den Unsicherheiten in theoretischen Fragen gesellt sich eine neue Sorge. Investoren, die noch zu Beginn des Jahres Feuer und Flamme für den Regierungswechsel und die neuen Mehrheitsverhältnisse im Weißen Haus waren, wirken jetzt verschreckt. Die Sorge wächst, dass Präsident Donald Trump seine Vorhaben nicht oder nur in kleinen Teilen verwirklichen kann. Das große Infrastrukturprogramm für eine Billion Dollar beschränkt sich etwa im Moment auf die Ankündigung, die Flugaufsicht zu privatisieren.

          Ein geschlossener Entwurf für eine umfassende Unternehmenssteuerreform einschließlich der Rückholung der im Ausland geparkten Milliardengewinne liegt nicht vor. Einzig in der Deregulierung scheint die Regierung schneller voranzukommen. Die Zeit wird langsam knapp, denn Amerika steuert schon auf die nächsten Wahlen im kommenden Jahr zu, wodurch ein Drittel der Senatoren-Posten und alle Sitze im Repräsentantenhaus neu besetzt werden. Neue Präsidenten haben vor diesem Hintergrund in der Regel für ihre großen Reformprojekte nur 18 Monate Zeit. Sechs Monate davon sind verstrichen.

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          Quelle: F.A.Z.

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