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Erdogan gegen Trump : „Wir fordern euch heraus“

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Erdoğan im Juli Bild: AP

In der Währungskrise greift Präsident Erdogan abermals die Vereinigten Staaten an. Sein Finanzminister kündigt einen Rettungsplan an, den der Präsident konterkariert. Die Lira befindet sich im freien Fall.

          Inmitten einer heftigen Währungskrise hat der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan den Nato-Partner Amerika abermals heftig angegriffen. „Ihr versucht, 81 Millionen Türken für einen Pastor zu opfern“, sagte er am Sonntag, ohne die Vereinigten Staaten direkt zu erwähnen, in der Stadt Trabzon. „Aber wir haben euren Plan durchschaut und wir fordern euch heraus.“ Was die Vereinigten Staaten mit Provokationen nicht erreicht hätten, versuchten sie nun mit Geldpolitik zu erreichen, sagte Erdoğan. Es sei „ganz klar ein Wirtschaftskrieg“.

          Die beiden Länder streiten über den amerikanischen Pastor Andrew Brunson, der wegen Terrorvorwürfen in der Türkei festgesetzt ist. Von diesem Montag an werden deshalb die amerikanischen Zölle auf Stahl aus der Türkei verdoppelt. Die türkische Lira wertete am Montagmorgen abermals stark ab. Für einen Dollar wurden zeitweilig 7,24 Lira bezahlt. Am Freitag waren es noch 6,43 Lira, vor einer Woche wenig mehr als 5 Lira. Derzeit handelt der Dollar wieder unter 7 Lira.

          Erdogan will weiter Zinsen senken

          Insgesamt hat die Währung seit Jahresbeginn zum Dollar mehr als 70 Prozent an Wert verloren, zum Euro rund 61 Prozent. Für diesen werden derzeit 7,75 Lira bezahlt. Der türkische Finanzminister Berat Albayrak hat nun einen Aktionsplan angekündigt, um die Märkte zu beruhigen. Die Institutionen würden am Montag die notwendigen Maßnahmen ergreifen und mit den Märkten kommunizieren, sagte der Minister der Zeitung „Hürriyet“. Das „neue Wirtschaftsmodell" blieb allerdings vage - was den Absturz der Lira weiter beschleunigte.

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          Staatspräsident Erdogan dagegen bestand am Wochenende weiter auf seiner äußerst umstrittenen Politik: Die Lösung sei, die Zinsen zu senken und mehr zu produzieren, sagte er. Damit sabotierte er das angekündigte Maßnahmenpaket schon im Vorfeld. Der Präsident liegt damit seit Jahren diametral entgegengesetzt zur gängigen Wirtschaftslehre, wonach Zinserhöhungen die Währung stärken und die Inflation bekämpfen. Diese hat in der Türkei inzwischen die Marke von 15 Prozent überstiegen.

          „Industrielle müssen Nation am Leben erhalten“

          Unternehmer, von denen bisher viele zu Erdogans Unterstützern zählen, sehen das aber zum Teil anders. Die Zeitung „Sabah" zitierte den Chef der Istanbuler Industriekammer, in der einige der wichtigsten Industriellen des Landes organisiert sind, mit der Bitte um dringende Maßnahmen der Regierung. Der Lira-Verfall setze die finanzielle Stabilität des Landes aufs Spiel.

          Erdogan verneinte am Wochenende dagegen, dass die Türkei in einer Krise stecke. „Das ist keine Wirtschaft, die bankrott geht, die untergeht oder die durch eine Krise geht", sagte er in einer Ansprache in Rize. Einheimische Unternehmer sollten sich von der erschwerten Wirtschaftslage nicht beeinflussen lassen. Es sei nicht nur die Pflicht der Regierung, die Nation am Leben zu erhalten: “Es ist auch die Pflicht der Industriellen und der Händler", so Erdogan.

          Er warnte die Firmen davor, Bankrott anzumelden: "Wenn ihr das macht, begeht ihr einen Fehler!" Erdogan verlangte außerdem, dass die Industriellen keine Fremdwährungen ankaufen sollten - das könnte die türkischen Banken noch mehr unter Druck setzen.

          Wie in früheren Reden forderte er alle Türken auf, Dollar und Euro in Lira umzutauschen. Es sei närrisch zu denken, ein Land wie die Türkei könne durch ein Problem mit Wechselkursen aufgehalten werden. Außerdem forderte er die Bevölkerung auf, ihre Gastfreundschaft gegenüber Touristen weiter zu verbessern. „Denn sie bringen Euch Dollar (...).“ In den vergangenen Tagen verhielten sich die Türken allerdings nicht wie von Erdogan gewünscht. Sie holten eher ihre Dollar von der Bank. Mittlerweile wird nach Einschätzung einiger Analysten an den Märkten schon die Möglichkeit einer Staatspleite durchgespielt.

          „Heimtückische Verschwörung“

          Die Türkei will dennoch den Konflikt mit den Vereinigten Staaten austragen. Auch eine Kooperation mit dem Internationalen Währungsfond (IWF), die viele Beobachter anregten, lehnt Erdogan ab. „Wieder sehen wir uns einer politischen und heimtückischen Verschwörung gegenüber, aber so Gott will, werden wir auch diese überwinden“, sagte Erdoğan. „Wir wissen sehr gut, dass die, die uns ein Geschäft mit dem IWF vorschlagen, uns eigentlich vorschlagen, die politische Unabhängigkeit unsere Landes aufzugeben“, sagte er.

          In seiner Ansprache in Rize sagte der Präsident am Samstag, die Kugeln, Granaten, Raketen in diesem Wirtschaftskrieg seien „Dollar, Euro oder das Gold". Er drohte damit, denen „die Hände zu brechen, die diese Waffen abfeuern".

          Schon am Freitagabend hatte der türkische Präsident in einem Gastbeitrag für die New York Times den Konflikt gesucht. Sollte die amerikanische Regierung die Souveränität der Türkei nicht respektieren, „dann könnte unsere Partnerschaft in Gefahr sein“, schrieb er und drohte, seine Regierung werden ansonsten damit beginnen, „nach neuen Freunden und Verbündeten“ zu suchen.

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