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Wirtschaft und Politik : Die zwei Seiten Ungarns

Blick auf das Parlament in Budapest: Selbst die nationalistische Politik bremst die Wirtschaft nicht aus Bild: Bloomberg

Der Ruf der Regierung ist schlecht, der Wirtschaft aber geht es recht gut. Schwache Aktienkurse könnten Investoren nun zu einem preiswerten Einstieg verleiten.

          Ungarn kleckert nicht, es klotzt. Budapest kann nicht nur mit der ältesten U-Bahn-Strecke Europas nach jener in London aufwarten, sondern auch mit einer der modernsten. Seit März verbindet die neue Linie M4 die Fernbahnhöfe Kelenföldi und Keleti in den beiden Stadthälften Buda und Pest. Die Fahrer sind nur für Notfälle an Bord, nach der Pilotphase soll die Metro vollautomatisch ohne Personal auskommen. 450 Milliarden Forint, etwa 1,5 Milliarden Euro, hat der Bau gekostet, 40 Prozent davon stammten aus den Töpfen der EU.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Im In- und Ausland wird gemault, Projektierung und Bau hätten sich viel zu lange hingezogen. Das überteuerte Vorhaben sei letztlich ein Prestigeobjekt und Wahlgeschenk der regierenden Fidesz-Partei unter Ministerpräsident Victor Orbán gewesen.

          Tatsächlich eröffnete der Regierungschef die Linie nur eine Woche vor den Parlamentswahlen, welche die Fidesz haushoch gewann. An Ungarn und seiner Führung scheiden sich nicht nur in Fragen der Infrastruktur die Geister. Orbáns Politik ist heftig umstritten, Kritiker halten sie für nationalistisch, undemokratisch und wenig rechtsstaatlich.

          In Ungarn sind fremde Bankiers nicht erwünscht

          Ausländische Investoren geben sich zutiefst verunsichert, was erklärlich ist. So wurden die Landnutzungsrechte ausländischer Bauern und Forstbetriebe in Ungarn eingeschränkt. Die neuen Sondersteuern auf Supermarktketten treffen vor allem die Großen der Branche wie Spar, Tesco oder Auchan – und die stammen nicht aus Ungarn. Die Erhöhung der Steuern auf Fernsehwerbung von 40 auf 50 Prozent richtet sich praktisch nur gegen RTL-Klub, das zu Bertelsmann gehört. Auch in der Energie- und Telekommunikationswirtschaft geraten Ausländer besonders stark unter Druck.

          Während die Regierung in diesen Fällen bestreitet, die Fremden bewusst verprellen zu wollen, macht sie daraus in der Finanzwirtschaft keinen Hehl. Wirtschaftsminister Mihaly Varga sagt offen: „Es ist wünschenswert, dass sich die Mehrheit des ungarischen Bankwesens in lokaler Hand befindet.“ Soeben hat die Regierung angekündigt, die Mehrheit an der Budapest Bank zu erwerben, die bisher zur amerikanischen Gruppe GE Capital gehörte. Das Geldhaus ist immerhin das achtgrößte im Land.

          Banksteuer: Ungarn ist EU-Spitze

          Zuvor hatte der Staat schon die MKB-Bank von der BayernLB erworben, die, wie ein Eingeweihter berichtet, „heilfroh ist, aus dem ungarischen Bankenchaos endlich raus zu sein“. Andere, größere Akteure wollen sich nicht so leicht vertreiben lassen, darunter die Erste Group, die RBI sowie UniCredit/Bank Austria aus Österreich oder auch Intesa Sanpaolo aus Italien und KBC aus Belgien.

          Gerade die Österreicher sind nach dem eigenen EU-Beitritt Ungarns 2004 derart stark in den ostmitteleuropäischen Markt eingestiegen, dass sie sich nicht ohne schmerzhafte Blessuren zurückziehen können. Lange haben sie hier gut verdient, zahlen aber jetzt die Zeche dafür. Nicht nur gilt in Ungarn die höchste Banksteuer der EU.Schwerer wiegt, dass die Regierung die Banken für die massenhafte Vermittlung von Hypothekenkrediten in Fremdwährung bluten lässt, welche die Schuldner nach dem Wertverfall des Forint in der Finanzkrise nicht mehr bedienen konnten.

          Mehr als 3 Milliarden Euro müssen die Banken den Kunden zurückerstatten. Hinzu kommt, dass die Kredite Anfang 2015 zu einem vorgegebenen Wechselkurs in Forint umgewandelt werden müssen.

          Wirtschaftsdaten lesen sich gut

          Es gibt aber noch eine andere Medaillenseite der ungarischen Wirtschaftsrealität, und die schimmert viel heller. Im zu Ende gehenden Jahr ist das reale Bruttoinlandsprodukt um geschätzt 3,2 Prozent gewachsen, das schafft kaum ein anderes Land in Osteuropa – in Mittel- und Südosteuropa erst recht nicht. Ähnliches gilt nach Erwartungen von Raiffeisen Research für das Industriewachstum von 7 Prozent.

          Trotz guten Wirtschaftsdaten – die Politik der Regierungspartei hat auch Auswirkungen auf den Bux.
          Trotz guten Wirtschaftsdaten – die Politik der Regierungspartei hat auch Auswirkungen auf den Bux. : Bild: F.A.Z.

          Die Staatsschuld von 78 Prozent des BIP ist geringer als im Euroraum. Mit dem Defizit von weniger als 3 Prozent würde sich Ungarn für den Euro qualifizieren. Die Arbeitslosenquote ist hoch, aber in Jahresfrist von 10 auf 7,1 Prozent gefallen. Getrieben wird die Wirtschaft von öffentlichen Bauprojekten, aber auch von Erfolgsbranchen wie der Autoindustrie.

          Ungarische Politik bleibt ein Risikofaktor

          An den Aktienmärkten schlagen sich diese vergleichsweise guten Daten noch nicht nieder. Der Leitindex BUX ist seit Jahresbeginn um mehr als 6 Prozent gefallen, im Vergleich etwa zu einem Plus von 2 Prozent im Dax. Analysten erklären das mit der Unsicherheit angesichts des Ukraine-Konflikts und der wechselseitigen Konflikte zwischen Russland und der EU. Mit beiden ist Ungarn eng verflochten.

          Das Positive an den schlechten Notierungen ist das günstige Kurs-Gewinn-Verhältnis. Für den BUX beträgt es mit Blick auf die geschätzten Gewinne nicht einmal 13. Auch das ist weniger als im Dax. Große Gewinner im Index waren 2014 die Staatsdruckerei Állami Nyomda und das Chemieunternehmen Tisza. Am schlechtesten entwickelten sich die Aktienkurse des IT-Dienstleisters Synergon. In vielversprechende und billige Titel könnte es sich für Anleger durchaus lohnen, einzusteigen. Aber die Unsicherheiten bleiben – nicht zuletzt wegen der erratischen Regierungspolitik.

          Quelle: F.A.Z.

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