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Topverdiener : Manager, haftet mit eurem Geld!

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Die Top-Verdiener unter den Dax-Vorstandschefs (v. l. n. r.): Martin Winterkorn (VW), Dieter Zetsche (Daimler), Peter Löscher (Siemens), Wolfgang Reitzle (Linde) Bild: dpa, Andreas Müller, Jan Roeder

Viele Manager scheinen Summen zu verdienen, denen keine entsprechende Leistung gegenübersteht. Ein Vorschlag zur Begrenzung exzessiver Gehälter.

          Gegen hohe Managerlöhne und astronomische Boni wäre nichts, aber auch gar nichts einzuwenden, wenn Manager ihrer Aufgabe gerecht würden, Investitionsprojekte ausfindig zu machen, die nachhaltig Arbeitsplätze schaffen, die Produktivität erhöhen und somit den Lebensstandard in der Volkswirtschaft insgesamt mehren. Diese Aufgabe ist im Zuge der Globalisierung der Güter-, Kapital- und Arbeitsmärkte komplexer geworden, so dass außergewöhnliches Managementtalent durchaus höher bewertet werden mag als in der Vergangenheit.

          Wenn also gegenwärtig die Managerlöhne und Boni in der Diskussion stehen, dann nicht weil sie hoch sind, sondern höher als von der erbrachten Leistung her gerechtfertigt. Anders ausgedrückt: Kaum jemand würde Kritik üben, wenn Manager verdienen, was sie gemäß ihres Auftrags verdienen. Deutlich wird dies, wenn man bedenkt, dass die astronomischen Gagen von Opernstars und von Fußballhelden durchwegs kein Anlass zur Empörung sind. Es ist zwar allgemein bekannt, dass diese Gagen astronomisch hoch sein können, doch gelten sie insofern als gerechtfertigt, als sie dem Nutzen entsprechen, den der Opernbesucher oder der Fußballfan hat.

          Die Kritik an den Managergehältern ist ein Ausdruck des Verlusts an Glaubwürdigkeit der existierenden Wirtschaftsordnung

          Anders bei den Managern. Gerade in der jüngeren Vergangenheit hat sich der Verdacht aufgedrängt, dass viele Zeitgenossen Summen verdienen, denen kein entsprechendes Verdienst gegenübersteht. Entsprechend groß sind die Animositäten gegen die sogenannten Wirtschafts- und Bankbosse; entsprechend brennend auch die Verletzung des Gerechtigkeitsgefühls, entsprechend groß die Gefahr eines Zerfalls des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

          Man soll sich nicht täuschen: Die Occupy-Bewegung muss keineswegs eine kurzfristig aufgeflammte, im Letzten folkloristische Erscheinung gewesen sein. Die Kritik an den Managergehältern sollte vielmehr deshalb ernst genommen werden, weil sie im Letzten ein Ausdruck des Verlusts an Glaubwürdigkeit der existierenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ist. Das ist angesichts der hohen und wachsenden Einkommensungleichheit alles andere als erstaunlich. Neue Studien legen nahe, dass die Ungleichheit hauptsächlich aufgrund von Einkommenszuwächsen der obersten Einkommensschichten zugenommen hat, die sich einen Großteil des Wirtschaftswachstums des letzten Jahrzehnts aneignen konnten, während die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise jedoch hauptsächlich von den unteren Schichten getragen werden.

          Die Entlohnungspraxis in den Chefetagen ist gesellschaftsweit zum Skandalon geworden

          Angesichts dieser dramatischen Entwicklungen kann sich eine Verteidigung der noch gängigen Entlohnungspraxis als ungemein gefährlich erweisen. Dann nämlich muss sich die Wut der Bürger nicht in der Rede von den Wutbürgern erschöpfen, sondern dann kann sie sich - wie vor einiger Zeit etwa in London - mehr oder weniger gewalttätig entladen. Dies bedeutet, dass ein geordneter Rückzug das Gebot der Stunde ist. Ohne Reformen der bisherigen Praxis wird es nämlich mit einiger Wahrscheinlichkeit zu einem ungeordneten Rückzug kommen, und dieser wird dann gewiss für alle Beteiligten verlustreicher sein: An einer mangels Reform erschütterten Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung werden alle leiden.

          Dazu muss es nicht kommen: Dort, wo - wie etwa in der Schweiz - die Bürger in direkter Demokratie die Möglichkeit hatten, nicht nur ihre Wut auszudrücken, sondern Reformen zu erzwingen, haben sie es getan. So wurde nicht nur das Ausmaß des Unwillens über die jetzige Praxis sichtbar, sondern es wurden auch Wege aufgezeigt, wie dem Missstand gegebenenfalls begegnet werden kann. Auch sind anderweitig, so etwa in der EU, Bemühungen im Gang, dem Problem der Entlohnungs- und Boni-Exzesse beizukommen.

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