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Studie Warum die Griechen mit Deutsch weniger Schulden hätten

 ·  Rehabilitation für die viel gescholtenen Griechen. Laut einer Yale-Studie lässt sich ihre Schuldenmentalität mit der gesprochenen Sprache erklären. Mit Deutsch als Landessprache wäre das anders.

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© dpa Vergrößern Bestimmt die Sprache den Umgang mit Geld?

In den vergangenen Monaten wurde viel darüber gerätselt, warum die Griechen so einen großen Schuldenberg aufgebaut haben. Um das zu erklären, wurden die gewieftesten volkswirtschaftlichen Theorien aufgestellt. Einige davon klangen auch durchaus stichhaltig. Aber möglicherweise ist alles viel einfacher zu erklären als bisher gedacht.

Zumindest legt diesen Schluss eine Studie von Volkswirt Keith Chen von der Yale School of Management nahe. Denn darin zeigt er unter dem Originaltitel „The Effect of Language on Economic Behavior: Evidence from Savings Rates, Health Behaviors, and Retirement Assets“, wie stark offenbar letztlich das wirtschaftliche Verhalten inklusive Sparraten und Vermögensaufbau von der jeweiligen Landessprache bestimmt werden.

Unterscheidung zwischen Gegenwart und Zukunft

Der Ausgangsgedanke, auf der die Studie basiert, ist dabei sehr einfach. Und zwar ist die Grundlage die Tatsache, dass Sprachen grundsätzlich in zwei Gruppen eingeteilt werden können. Die eine Gruppe unterscheidet dabei deutlich zwischen Gegenwart und Zukunft, während bei der anderen Gruppe der Übergang fließender ist. So kann im Deutschen auch gesagt werden, „Morgen scheint die Sonne“, im Englischen wird dagegen in der Regel klar zwischen der Gegenwart („die Sonne scheint jetzt") und der Zukunft ("Morgen wird die Sonne scheinen") unterschieden.

Ähnlich wie Deutsch sind hinsichtlich der sprachlichen Zukunftsbildung übrigens unter anderem Chinesisch und etliche skandinavische Sprachen strukturiert. Dem Englischen ähneln neben Französisch auch Portugiesisch, Italienisch, Irisch, Griechisch und Spanisch, was somit interessanterweise alle krisengebeutelten PIIGS-Staaten umfasst.

Wer sprachlich weniger trennt, spart mehr

Angesichts dieser Unterschiede fragte sich Chen, ob die letztgenannte Sprachgruppe mit einer klaren Trennung zwischen Heute und Morgen unter wirtschaftlichen Aspekten nicht auch den kurzfristigen Ertrag höher gewichten als den langfristigen Ertrag. „Das war in höchstem Maße der Fall. Sprachmuster können die Denkmuster und die Handlungsmuster beeinflussen“, so Chen.

Und Daniel Casasanto von der Yale New School for Social Research ergänzt: „Es gibt nun eine Menge Beweise dafür, dass Menschen mit unterschiedlicher Sprache auch unterschiedlich denken. Oft handelt es sich dabei nicht um kulturelle Unterschiede, sondern es ist die Sprache, die das Denken der Leute verändert.“

Chen ist deshalb davon überzeugt, dass Menschen mit einem mehr fließenden Gebrauch von Gegenwart und Zukunft mehr Sparen, weniger Rauchen, sportlich aktiver sind und sich allgemein aktiver auf die Zukunft vorbereiten. Wer umgekehrt agiere und etwa weniger spare, kommuniziere und denke dagegen vermutlich mit einer klaren sprachlichen Differenzierung zwischen Gegenwart und Zukunft.

Dazu passt auch das Ergebnis aus dem Arbeitspapier, dass die Menschen in Ländern, in denen der sprachliche Übergang fließend ist und bei denen sonst andere demografische Kriterien übereinstimmen, im Schnitt 170.000 Euro mehr auf der hohen Kante haben und es jedes Jahr 30 Prozent wahrscheinlicher ist, dass sie finanziell etwas zurücklegen. Ergänzt wird das zudem auch durch Ergebnisse auf gesundheitlicher Ebene. Demnach sind Menschen, die eine stark zukunftsbezogene Sprache sprechen, zum Zeitpunkt des Ruhestandes früher 24 Prozent seltener starke Raucher gewesen und es ist 29 Prozent wahrscheinlicher, dass sie regelmäßig Sport treiben sowie 13 Prozent weniger wahrscheinlich, dass sie fettleibig sind.

Sprache prägt das Denken und Handeln

Auf Basis der Studienresultate könnte man fast schon ketzerisch zu dem Schluss kommen, dass mit Deutsch, Finnisch oder Koreanisch anstatt mit Griechisch, Italienisch oder Englisch weniger Schulden gemacht würden (siehe Link mit einer Liste, welche Sprache zu welcher Gruppe gehört). Allerdings sind die Studien zu diesem Thema längst noch nicht abgeschlossen. So muss noch genau geklärt werden, was nun überhaupt Ursache und Wirkung ist und wie wissenschaftlich belastbar die gefundenen Korrelationen wirklich sind. Auch beruhen selbstverständlich viele unterschiedliche Verhaltensweisen wie etwa beim Sparen auch auf anderen wichtigen Einflussfaktoren.

Wer aber häufiger in einer anderen Sprache als der Muttersprache kommuniziert, der wird vermutlich schon selbst festgestellt haben, dass damit dann teilweise anders als üblicherweise gesprochen und gedacht wird. Das deckt sich wiederum mit den von Linguisten schon früher gemachten Erkenntnissen, wonach die Sprache auch unsere Wahrnehmung von Farben oder von sozialem Status und Hierarchien prägt.

Und das passt auch zu dem von Chen ermittelten Resultat, nach dem sich die aufgezeigten Unterschiede sogar zwischen Menschen in den gleichen Ländern mit vergleichbaren demografischen Strukturen, aber einer unterschiedlichen Sprache erkennen lassen. Wenn die Sprache aber tatsächlich so einen großen Einfluss auf das Verhalten und Denken der Menschen haben sollte, dann wirft das die Frage auf, wie groß die daraus resultierende Bürde für ein langfristig noch stärkeres Zusammensachsen der EU ist.

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