Home
http://www.faz.net/-gw5-qi1e
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Studie Zu tiefe Zinsen - zu hoher Risikoappetit

 ·  Eine breit angelegte Analyse der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zeigt, dass tiefe Zinsen Banken zu veränderter Risikowahrnehmung und steigendem Risikoappetit verleiten. Wann lernen die Zentralbanken dazu und verändern die Zinspolitik?

Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (0)

Die in den vergangenen Monaten zu Tage getretene Wirtschafts- und Finanzkrise hat nicht nur die meisten Anleger und die scheinbar so cleveren Risikomanager und Händler vieler Banken überrascht, sondern auch Wirtschafts- und Finanzpolitiker sowie die zuvor vermeintlich allwissenden Zentralbanken.

Während man nun ausgerechnet von zuvor so agnostischen Politikern und Zentralbanken erwartet, sie könnten mit Rettungs- und Restrukturierungsmaßnahmen die wirtschafts- und finanzwirtschaftliche Entwicklung stabilisieren und künftige Krisen vermeiden, führen sich die Banker längst wieder so auf, als hätte es nie eine Krise gegeben, expandieren und gehen risikoreiche Positionen ein.

Halten die Zentralbanken die Zinsen zu lange zu tief?

Dabei deuten viele Indikatoren darauf hin, dass sie Risiken erneut völlig falsch bewerten. Sie und ihre Gläubiger und Anteilseigner scheinen angesichts der für sie günstigen Erfahrung der Vergangenheit weiterhin davon auszugehen, im Falle eines Falles wieder von den Steuerzahlern gerettet zu werden. Selbst die Zentralbanken wiederholen die alten Fehler.

Statt den Sparern etwas für den Verzicht auf Konsum zu bieten, halten sie die Zinsen extrem tief, die Geldmengen hoch und kaufen strukturierte Wertpapiere zweifelhaften Wertes in großem Stile, damit die Banken hohe Margen erzielen und bei möglichst geringen Kapitalausstattung Eigenkapitalrenditen von mehr als 20 Prozent erwirtschaften und gigantische Boni ausschütten können.

Dabei zeigt eine Analyse der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, dass zu tiefe Zinsen Banken schon in der Vergangenheit zu übertriebenem Risikoappetit verleitet haben. Ein so genanntes Working Papier unter dem Titel „Does monetary policy affect bank risk-taking?” zeigt genau das. Die Autoren Yener Altunbas, Leonardo Gambacorta und David Marques-Ibanez untersuchten den Zusammenhang zwischen kurzfristigen Zinsen und der Risikoneigung der Finanzinstitute.

Tiefe Zinsen steigern die Risikoneigung der Banken

Sie nutzten öffentlich zugängliche Bilanzquartalsdaten großer europäischer und amerikanischer Banken für den Versuch, einen systematischen Zusammenhang zwischen dem Zinsniveau, wirtschaftlichen Aktivitäten (Taylor-Regel, natürlicher Zins), Risikoappetit (CAPM) und erwarteten Pleitehäufigkeiten (expected default frequency) herzustellen. Die Analyse ging letztlich auf die Daten von 643 Banken in 16 Industrieländern zurück.

Im Ergebnis lässt sich ableiten, dass tiefe kurzfristige Zinsen sowohl die Risikowahrnehmung als auch den Risikoappetit von Banken beeinflussen. Erstens führen sie über Bewertungsmodelle, Einkommens- sowie Cashflowermittlungsmethoden dazu, dass sich die Art und Weise verändert, in der Banken ihre Risiken messen. Zweitens intensivieren sie die Suche nach Rendite, speziell wenn vom Management spezifische nominale Renditevorgaben gemacht werden, heißt es in dem Papier. Ab dem Jahr 2002 sei die Entwicklung zudem durch eine Kombination zwischen sehr tiefen Kurzfristzinsen, zunehmenden Finanzinnovationen und boomenden Vermögensmärkten gekennzeichnet gewesen. Das waren drei Faktoren, die die Risikoneigung noch verstärkt haben dürften, heißt es weiter.

In der Konsequenz müssten Zentralbanken bei ihren geldpolitischen Maßnahmen die Wirkung auf die Risikoneigung der Finanzunternehmen und deren Folgen für Kredit-, Investitions- und Wirtschaftswachstum stärker als bisher berücksichtigen. Zweitens müssten regulatorische Einheiten in einem Umfeld mit tiefen Zinsen stringenter auf die Entstehung makroöknomischer Finanz-Risiken achten. Vor allem dann, wenn die Kreditvergabe rasch wachse und Vermögenspreise stiegen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors wieder.

Quelle: @cri
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Emittenten-News
Anzeige
Für die Inhalte sind die Emittenten verantwortlich
Weitersagen
Finanzmärkte aktuell
Name Wert Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
  Bund Future --  --
Wertpapiersuche