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Strategie Kapitalknappheit gegen Liquiditätsschwemme

30.12.2009 ·  Allgemeiner Wirtschafts- und Konjunkturoptimismus bringt die Kurse an Börsen und Rohstoffmärkten immer weiter nach oben. Dabei wird das wirtschaftliche Vorkrisenniveau voraussichtlich erst in Jahren wieder erreicht werden.

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Allgemeiner Wirtschafts- und Konjunkturoptimismus bringt die Kurse an Börsen und Rohstoffmärkten immer weiter nach oben. Gleichzeitig war und ist bei Unternehmensanleihen eine wahre Rally zu beobachten. Sie werden von der Erwartung getrieben, die Weltwirtschaft werde sich rasch und deutlich von der Krise erholen und wieder ähnliche Wachstumsraten erreichen können, wie zuvor.

Nichts unterscheide die gegenwärtige Lage von vielen anderen, die in den vergangenen Jahrzehnten nach schweren Rezessionen zu beobachten gewesen seien, heißt es gemeinhin. Regelmäßig sei es danach zu einer V-förmigen Erholung und im Rahmen der Globalisierung sogar zu einer positiven Eigendynamik nach oben gekommen. An den Börsen sei sogar ein ausgeprägter Bullenmarkt möglich. Selbst notorische Skeptiker wie Mark Faber rechnen mit steigenden Kursen. Sie verweisen auf die Wirkung keyensianischer Konjunkturprogramme auf Pump, auf tiefe Zinsen und die hohen Überschussreserven, die Geschäftsbanken bei den Zentralbanken hinterlegt hätten.

Vorkrisenniveau wird erst in Jahren wieder erreicht werden

Allerdings sind fiskalische Ausgaben willkürlich, zeitlich beschränkt und werden danach mit hoher Wahrscheinlichkeit abgelöst durch nachgelagerte Nachfrageausfälle. Kritische Analysten rechnen aus diesem Grund in den kommenden Monaten mit einem Rückfall der wirtschaftlichen Aktivitäten auf tiefem absoluten Niveau. Tatsächlich leitete sich der allgemeine Optimismus der vergangenen Wochen primär aus positiv interpretierten Wachstumsraten ab, die aufgrund des Vergleich mit einem schwachen Vorjahr optisch gut aussahen. Absolut betrachtet liegen die wirtschaftlichen Aktivitäten noch deutlich unter jenen der Boomphase. Ob sich das ändert, wird sich erst noch zeigen müssen.

Bezeichnend ist etwa der Blick auf die absolute Höhe von im- und exportierten Waren in Deutschland. „Die deutsche Exportindustrie ist auf dem Weg der Besserung, aber der Aufholprozess wird noch lange dauern“, sagte BDI-Präsident Hans-Peter Keitel jüngst. „Bei dieser Wachstumsgeschwindigkeit ist das Vorkrisenniveau erst im Jahr 2014 zu erreichen,“ erklärte er weiter. Die Gesamtexporte liegen nach Angaben der OECD und des Sachverständigenrates der Bundesregierung 15 Prozent unter dem Vorjahresniveau.

Deutlich sind aber auch Äußerungen wie die von Markus Akermann. Der Vorstandssprecher des weltweit zweitgrößten Zementherstellers Holcim erwartet keine schnelle Erholung der Branche. „Es wird mindestens drei bis fünf Jahre dauern, bis die Märkte für Baustoffe in den am stärksten betroffenen reifen Volkswirtschaften wieder ihren Höhepunkt erreichen“, erklärt er.

Ob hohe Geldmengen und statische Überschussreserven abgesehen vom auflebenden Spekulationswahn jemals in der Realwirtschaft ankommen werden, ist ebenso offen. Denn es gibt zunehmende Zweifel an der Geld-Multiplikatortheorie. Erstens habe die Kreditvergabe faktisch noch nie vom Vorhandensein von Reserven abgehangen, erklärt etwa Professor Steve Keen von der University of Western Sydney. In der Vergangenheit hätte erst die Kreditvergabe stattgefunden, bevor sich die Banken die dafür notwendigen Reserven besorgten.

Bankbilanzen sind strapaziert - zu wenig Eigenkapital

Zudem gebe es keine Überschussreserven. Denn denen stünden zunehmende Kreditausfälle und riesige, bisher nicht unbereinigte Lasten in den Bankbilanzen gegenüber. Banken vergeben keine Kredite, nicht weil sie zu geringe Reserven hätten, sondern weil sie zu wenig Eigenkapital haben. Zumindest in den Vereinigten Staaten befindet sich das Verhältnis zwischen Vermögenswerten und nicht-einbringbaren Krediten auf dem tiefsten Stand seit mindestens 20 Jahren. In Europa dürfte es eher noch schlechter aussehen. Vor allem dann, wenn man zweifelhafte Bewertungsmethoden - Modellbuchwerte - und den zyklischen Charakter von Wertpapierwerten sowie die schwachen Arbeitsmärkte berücksichtigt.

Sie führen dazu, dass der Konsum sich künftig unter normalem Umständen unterdurchschnittlich entwickeln wird. Gerade auch in den Vereinigten Staaten dürfte es Jahre oder gar Jahrzehnte dauern, bis er sich wieder normalisiert haben wird. Bis jetzt ist lediglich vom zurückkgehenden Abbau von Arbeitspätzen die Rede - und nicht von der Neuschaffung.

Die Geldschöpfungsversuche der Zentralbanken werden auch durch die Vermögensverluste der Privathaushalte und ihre Tendenz ihre Schulden zu reduzieren relativiert. Sie beschränken die Konsumbereitschaft, auch wenn die Keyensianer versuchten, sie mit Abwrackprämien und ähnlichem Unsinn trotz überstrapazierter Bilanzen zum erneuten Konsum auf Pump zu ermuntern. Selbst die Unternehmen bauen Schulden ab. Das zeigt eine Analyse von Tetsuo Ishihara, Analyst bei Mizuho Securities in Tokio. Sie zeigt, dass in den vergangenen Monaten die ausstehenden Nominalschulden der Firmen weltweit zum ersten Mal seit 15 Jahren zurückgingen.

Auf dieser Basis dürfte es ratsam sein, dem allgemeinen Optimismus mit der notwendigen Skepsis zu begegnen. Denn die Kreditrisiken sind längst noch nicht aus dem System verschwunden, sondern sie wurden versteckt. Die Zentralbanken können zudem nur Liquidität zur Verfügung stellen, aber kein Kapital.

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