Die Analyse von Bankbilanzen im Zeitablauf kann wertvolle Erkenntnisse zur Risikoneigung und zu gefährlichen Übertreibungen an den Finanzmärkten liefern, die schwere Krisen auslösen können. Besonders wichtig ist die Analyse der Bankeinlagen. Da Einlagen von Kunden bei den Banken wichtige Bestandteile der von Zentralbanken errechneten Geldmengen bilden, sollten Geldmengen wieder eine größere Rolle spielen als in den vergangenen 20 Jahren. Allerdings sollten Geldmengen weniger als Indikatoren für Inflationsgefahren betrachtet werden, sondern als ein Indikator für die Stabilität des Finanzsystems. Das sind die Kernthesen eines neuen Papiers, das der Princeton-Ökonom Hyun Song Shin mit zwei weiteren Autoren verfasst hat.
Der Ausgangspunkt der Analyse ist simpel: Eine Bankbilanz hat zwei Seiten, wobei der Kreditvergabe auf der Aktivseite der Bankbilanz die Einlagen auf der Passivseite entgegenstehen. Die Entwicklung der Bankeinlagen kann somit als Reflex der Kreditvergabe und damit der Risikoneigung von Banken angesehen werden. Wichtig, und das ist der zentrale Punkt der Autoren, erscheint vor allem eine Analyse der Bestandteile der Passivseite. Shin & Co. unterscheiden zwischen Kern-Einlagen und Nicht-Kern-Einlagen. Kern-Einlagen sind Gelder, die einer Bank gewöhnlich dauerhaft zur Verfügung stehen und die im Zeitablauf nicht allzu stark schwanken. Hierzu zählen Sichteinlagen und Spareinlagen privater Haushalte, deren Höhe langfristig eher von der Entwicklung der privaten Vermögen bestimmt wird.
In Boomphasen greifen Banken auf kurzfristige Einlagen zurück, um Kredite auszuweiten
Mit diesen eher stabilen Einlageformen lässt sich allerdings kein sehr schnelles Wachstum der Bilanzsummen durch großzügige Kreditvergabe finanzieren, wie es für Boomphasen typisch ist. Vielmehr greifen Banken zur Finanzierung einer solchen Expansion auf andere Gelder zurück, die kurzfristig beschafft werden, eventuell aber auch kurzfristig abgezogen werden können. Shin und seine Mitautoren sprechen von Nicht-Kern-Einlagen, mit denen sich Banken überwiegend Geld von anderen Banken und Unternehmen beschaffen; zum Beispiel durch die Ausgabe von Geldmarktpapieren oder Anleihen mit Laufzeiten von bis zu zwei Jahren.
Häufig nehmen Banken, die sich auf einem starken Expansionskurs befinden, Geld von im Ausland gelegenen Banken auf. Shin verweist in diesem Zusammenhang auf die Erfahrungen seines Heimatlandes Korea, nennt aber auch den Euroraum als Beispiel. Der Immobilienboom in Spanien wie in Irland wäre ohne die Bereitstellung von Geld durch Banken aus anderen europäischen Ländern unmöglich gewesen.
In der Euphorie achten Banken weniger auf Bonität ihrer Kreditkunden
Es ist nun gerade das starke Schwanken dieser Nicht-Kern-Einlagen, mit denen sich der Zyklus von Boom und Krise im Banksystem erklären lässt. Im Boom steigen die Bilanzsummen sehr stark, weil die Banken mehr Kredite vergeben. Je weiter der Boom fortschreitet, umso riskanter werden diese Kredite, weil die Banken in ihrer Euphorie weniger auf die Bonität ihrer Kunden achten. Den Banken fällt es in dieser Situation noch leicht, sich kurzfristig Geld von anderen Banken und Unternehmen zu besorgen. Mit dem Wachstum dieser Nicht-Kern-Einlagen wächst auch die Verschuldung der Banken. Shin & Co. zeigen anhand der führenden amerikanischen Investmenthäuser, dass Banken in solchen Boomphasen ihre Verschuldung leicht steigern können, aber kein Interesse an der Aufstockung ihres Eigenkapitals besitzen.
Mit dem Ende des Booms droht den Banken der Abzug von Nicht-Kern-Einlagen. So hatten unter anderem französische Banken über viele Jahre erhebliche Mittel bei amerikanischen Geldmarktfonds aufgenommen, die ihnen im Jahr 2011 nicht mehr zur Verfügung standen. Daher sind die Banken gezwungen, ihr Geschäft und damit ihre Verschuldung zu reduzieren (Deleveraging).
Kurzfristige Einlagen sind in den Jahren vor der Krise stark gestiegen
Nach dieser Sichtweise kann eine Analyse der Entwicklung von stabilen Kern-Einlagen und weniger stabilen Nicht-Kern-Einlagen der Banken wichtige Erkenntnisse über den Zustand und die Gefährdung des Banksystems liefern. Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene eignen sich damit die von Zentralbanken veröffentlichten Geldmengen, die neben dem Bargeldumlauf überwiegend aus Bankeinlagen bestehen.
Shin und seine Mitarbeiter nennen als ein Beispiel den Euroraum in den Boomjahren 2006 bis 2009. Damals war die Geldmenge M3 sehr viel schneller gestiegen als die Geldmenge M1. Warum? M1 besteht aus dem Bargeldumlauf und den Sichteinlagen von Kunden bei den Banken. Sichteinlagen gehören im Boom eher zu den Kern-Einlagen. M3 enthält aber auch wichtige Nicht-Kern-Einlagen wie Bankanleihen mit Laufzeiten von bis zu zwei Jahren und Festgelder ebenfalls mit Laufzeiten von bis zu zwei Jahren. Gerade diese Nicht-Kern-Einlagen sind in den Jahren vor der Krise stark gestiegen ebenso wie die Gelder, die von Geldmarktfonds zur Verfügung gestellt werden.
Geldmenge als Indikator für Finanzstabilität
Mit Ausbruch der Krise haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Die Wachstumsrate der Geldmenge M3 brach ein, weil es die Banken schwerer fanden, sich weitere Mittel zu beschaffen. Das vorübergehend starke Wachstum der kleineren Geldmenge M1 zeigt die aus großer Verunsicherung gespeiste Neigung vieler Privatpersonen und Unternehmen, Geld so liquide wie möglich zu halten. Dies ist ein deutliches Anzeichen für eine schwere Krise.
Shins Botschaft lautet: Es lohnt sich, Geldmengen zu analysieren. Anders als zu Zeiten des Monetarismus sieht er aber wenig Sinn darin, Geldmengenanalysen zu betreiben, um damit Aussagen über künftige Inflation und künftiges Wirtschaftswachstum zu gewinnen. Aber er hält die Geldmenge im Rahmen von Finanzstabilitätsanalysen für einen wichtigen Indikator.
Von den führenden Zentralbanken schaut alleine noch die Europäische Zentralbank (EZB) offiziell auf Geldmengen. In der angelsächsischen Welt wurde diese Form der Analyse in Theorie und Praxis schon vor langer Zeit aufgegeben.
Hyun Jeong Kim/Hyun Song Shin/Jaeho Yun:
Monetary Aggregates and the Central Bank’s Financial Stability Mandate. Arbeitspapier 2012.
Im Internet: http://www.princeton.edu/~hsshin/www/monetary_aggregates.pdf
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