Herr Bernard, nächsten Sonntag wählt Griechenland ein neues Parlament. Vom Ausgang der Wahl hängt ab, ob die Euro-Krise weiter eskaliert. Auch die Sorgen um Spanien sind groß. Wie legen Sie da das Geld Ihrer Kunden an?
Keiner kann heute vorhersagen, wie die Griechen sich entscheiden werden. Die Wahl birgt aus meiner Sicht unkalkulierbare Risiken für die Finanzmärkte in sich, insbesondere nach einem Sieg der Linken könnten die Verwerfungen groß sein. Die Lage in Spanien ist ebenfalls sehr unsicher. Darum ist es wichtig, die Risiken im Depot gering zu halten. Bereits Ende März haben wir uns deswegen entschlossen, Aktien zu verkaufen - die Quote der Papiere am Gesamtportfolio beträgt zurzeit nur noch ein Fünftel. Im Gegenzug haben wir den Anteil der Gelder, den wir in Kasse halten, auf 20 Prozent erhöht.
Mit Verlaub: Wozu brauchen Anleger einen Geldverwalter wie Vontobel, wenn Sie einen hohen Prozentsatz des Vermögens nicht investieren, sondern in bar halten?
Die Zeiten haben sich geändert. Bis zur Pleite der Investmentbank Lehman Brothers konnten Geldmanager getrost der Linie folgen: Rendite geht über alles, wen kümmern die Risiken? Viele Jahre, von Anfang der achtziger Jahre bis 2007, war es nahezu unmöglich, in der Geldanlage größere Fehler zu machen. Sicher, die Aktienmärkte unterlagen durchaus Schwankungen. Aber Aktien und Anleihen warfen stets auskömmliche Erträge ab, Gewinne ergaben sich nahezu wie von selbst. Darauf können wir uns heute nicht mehr verlassen, die goldenen Jahre sind vorbei. Gute Geldverwalter sind darum nötiger denn je.
Aber gerade denen kann doch die Rendite nicht völlig egal sein.
Natürlich nicht. Nur darf sie eben nicht mehr an erster Stelle stehen. In unruhigen Marktsituationen kommt es vielmehr darauf an, das Kapital der Anleger zu erhalten. Wir fragen unsere Kunden darum nicht mehr als Erstes, wie viel sie mit einem Investment verdienen wollen. Sondern wie viel sie maximal bereit sind, zu verlieren. Und wenn die beste Absicherung des Vermögens aus unserer Sicht darin besteht, kurzfristig einen höheren Anteil in Kasse zu halten, dann tun wir genau das. Unser Ziel ist es, ein Portfolio weitgehend ohne Wertverlust durch schwierige Börsenphasen zu steuern.
Klingt gut. Nur wie machen Sie das? Dem heftigen Kursabsturz Anfang Juni konnte sich kaum eine Weltbörse entziehen.
Das ist richtig. Zahlreiche Portfoliomanager verwenden viel Zeit auf die Auswahl von Einzeltiteln. Sie fragen sich: BASF oder Bayer? Apple oder Google? Jeder will die beste Aktie der Welt finden. Dann investieren sie noch ein bisschen in Lateinamerika sowie in Asien und präsentieren ihren Kunden dies als breite Streuung ihrer Anlagen. Sicher, in Schönwetterperioden mag das funktionieren. Für mich aber ist das Augenwischerei. Jetzt ist echte Diversifikation erforderlich, und die sieht eben ganz anders aus.
Wie denn?
Die Antwort wird Sie erstaunen: Von den 80er Jahren an bis heute konnten Anleger nur mit einer Anlageform echte Diversifikation erreichen - mit amerikanischen Staatsanleihen mit langer Laufzeit. Wann immer das amerikanische Aktienbarometer S&P 500 in diesem Zeitraum kräftig nach unten rauschte, legten die Anleihen im Gegenzug fast jedes Mal deutlich zu. Für uns sind diese Papiere deswegen bis auf weiteres ein wichtiger Bestandteil bei der Portfoliokonstruktion.
Angenommen, der Euro bricht zusammen. Dann würden Sie sich doch nicht nur mit amerikanischen Staatsanleihen dagegen schützen, oder?
Natürlich nicht. Aber man muss sie unbedingt im Portfolio haben. Das ist es genau, was üblicherweise nur schwer verstanden wird: Bei stark schwankenden Kursen bedeutet Streuung gerade nicht, in möglichst viele unterschiedliche Aktien, Anleihen und Währungen zu investieren. Sondern nur diejenigen Papiere zu kaufen, denen der Stress so wenig wie möglich anhaben kann. Bei einem Zusammenbruch des Euro wären das neben amerikanischen Staatsanleihen auch Bundesanleihen, Gold - und der Schweizer Franken.
Als Chefstratege einer Schweizer Bank müssen Sie das wohl sagen.
Das hat damit nichts zu tun. Fällt der Euro und würde die D-Mark wieder eingeführt, hätte das nicht nur eine sofortige Aufwertung der D-Mark gegenüber den anderen Währungen Europas zur Folge. Auch der Franken würde stark an Wert gewinnen, weil Anleger die Schweizer Währung als sicheren Fluchtpunkt betrachten würden.
Würde sich die Schweizer Notenbank nicht gegen eine solche Aufwertung stemmen? Zurzeit tut sie alles, um den Kurs des Franken bei 1,20 Euro zu halten.
Ich bin mir ziemlich sicher: In einem solchen Szenario würde die Schweizer Notenbank ihre derzeitigen Abwehrmaßnahmen gegen eine Aufwertung des Franken nicht aufrechterhalten können. Der Druck durch frisches Anlegergeld aus ganz Europa wäre einfach zu groß.
Wie wahrscheinlich ist es, dass der Euro auseinanderfällt?
Trotz aller Schwierigkeiten, die wir derzeit in Spanien, Griechenland und Italien sehen, glaube ich nicht an einen Zusammenbruch. Für wahrscheinlicher halte ich es, dass sich Europas Regierungen am Ende doch zusammenraufen und an der gemeinsamen Währung festhalten. Für Investoren würde das übrigens bedeuten, dass beispielsweise Aktien aus Südeuropa und Finanzwerte mit einem Mal wieder eine attraktive Beimischung fürs Depot wären. Die Papiere also, die zuletzt am meisten gelitten haben, würden zu den Gewinnern gehören. Die Kurse von Bundesanleihen mit langer Laufzeit dagegen würden einbrechen, von ihnen müssten sich Investoren darum so schnell wie möglich trennen.
Aber Anleger können doch kaum voraussehen, wie sich die Krise weiter entwickeln wird.
Das ist in der Tat äußerst schwierig, auch wir wissen das nicht. In so einer Lage hilft aber eine einfache Investmentregel gut weiter: Wer eine tief bewertete Aktie kauft, hat auch nur ein geringes Verlustrisiko. Viele Anleger neigen ja eher zum Gegenteil: Sie investieren dann, wenn der Kurs eines Papiers bereits deutlich gestiegen und die Aktie überbewertet ist. Das ist ein Fehler.
Welche Aktien sind denn zurzeit günstig?
In Südeuropa und bei Bankenaktien gibt es natürlich einige Kandidaten. Aber noch ist es zu früh, um einzusteigen. Angesichts der derzeitigen Unsicherheit verlassen wir uns lieber auf Aktien von globalen Markenunternehmen wie Coca-Cola, McDonald’s und den Lebensmittelhersteller Nestlé. Diese Firmen haben nämlich einen großen Vorteil: Sie sind in der ganzen Welt aktiv und können ihre Preise selbst dann durchsetzen, wenn die Konjunktur einbricht.
Wirtschaftsschwäche, Euro-Krise, Kursabstürze. Mal ehrlich: Macht Ihnen die Börse noch Spaß?
Auf jeden Fall. Furcht, Gier, Schwächen und Stärken - all das spiegelt sich an der Börse wider. Sie ist wie das Leben. Was kann es Spannenderes geben?
Das Gespräch führte Dennis Kremer
Anlageempfehlungen
Jens Puhr (jpuhr)
- 10.06.2012, 17:44 Uhr
„Die Kurse sind noch nicht tief genug, um einzusteigen“
Ulrich Fielitz (seniorbanker)
- 10.06.2012, 17:42 Uhr
