Der Champagner ist längst bestellt, aber bisher schäumen nur die Kunden, und zwar vor Wut. Vor Wochen haben sie zum Spottpreis den Perlwein über das Rabattportal Groupon bestellt, aber bis heute keine Flasche geleert, geschweige denn gesehen. Zwar haben die 2.000 Rabattjäger den Kaufpreis per Internet sofort überwiesen und Gutscheine erhalten, aber auf die Lieferung der Firma Stardrinx warten sie bis heute.
Nicht nur Getränkekäufer sind frustriert. Internet-Foren und Facebook-Seiten sprudeln über vor Kommentaren genervter Gutschein-Käufer. Dabei war die Euphorie über Online-Rabatt-Anbieter lange groß. Plattformen wie Groupon oder Dailydeal bieten Sonderangebote für wenige Stunden oder einen Tag. Es sind Gutscheine für Restaurants, Städtereisen, Maniküre, Friseurbesuche oder Smartphones - zum Sensationspreis. Oft kosten die Angebote nur die Hälfte dessen, was man ohne Gutschein zahlen würde.
Das zieht Kunden in Scharen an, das Geschäft der Rabattportale wächst rasend schnell. Zu schnell, warnen Marktbeobachter. Marktführer Groupon zählt 37 Millionen Nutzer weltweit und schmückt sich mit dem Orden, den ihm das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ verpasste: „das schnellstwachsende Unternehmen, dass es je gab“. Der deutsche Anbieter Dailydeal kommt auf 17,5 Millionen Besucher pro Monat.
Die Anbieter sind überfordert
Die Kunden sparen, die Portale kassieren Provision - alle profitieren. Oder nicht? Nun, da wären noch die Hersteller und Händler. Sie sind oft völlig überfordert von dem Ansturm, den die elektronischen Plattformen häufig in Minuten auslösen. „Es kommt immer wieder vor, dass ein Anbieter mehr verkauft, als er leisten kann“, weiß Bernd Skiera, Professor für Electronic Commerce an der Universität Frankfurt.
Schlagzeilen machte der Fall des Pizzadienstes Lieferando, der in wenigen Stunden gut 20.000 Gutscheine zu 4 statt 12 Euro verkaufte - und dessen Server unter der Bestell-Flut der Rabattjäger kollabierte. Skiera kennt auch Fälle wie ein Ein-Mann-Massagestudio, das 500 Massage-Gutscheine verkaufte. Selbst bei einer 60-Stunden-Woche wäre dieser Betrieb zwei Monate damit beschäftigt, nur Gutscheinkunden durchzukneten.
Das Coupon-Modell überfordere Anbieter auch finanziell, erklärt Skiera: „Typischerweise verdienen Gewerbetreibende nichts am Verkauf, weil sie ihre Dienste zum halben Preis anbieten - und davon geht noch die Hälfte als Provision an das Rabattportal. Es ist unmöglich, zu einem Viertel des Normalpreises kostendeckend zu arbeiten.“
Dennoch lassen sich Händler und Dienstleister auf die Deals ein, um neue Kunden in ihre Läden zu locken. Promi-Friseur Udo Walz und sein Team etwa schnitten auf Gutschein gut 1.000 Otto Normalkunden die Haare - jeder Dritte sei später wiedergekommen, sagt der Coiffeur. Bei Lieferando heißt es, jeder Zweite habe abermals bestellt. Die Regel ist das nicht, wie Studien zeigen. In Amerika, dem Heimatland der Rabattportale, sagten 42 Prozent der befragten Unternehmer, sie würden ihre Groupon-Aktion nicht wiederholen.
„Wenn man versucht, Kunden primär über den Preis zu locken, bekommt man auch genau die Kunden, die nur auf den Preis schauen“, sagt Skiera. „Zudem ist die Gefahr groß, dass sich Händler langfristig selbst kannibalisieren, wenn sie immer mehr Gutscheine an Kunden verkaufen, die auch ohne Rabatt gekommen wären.“
Auch für Kunden wird die Gutschein-Flut zum Problem, da Restaurants, Friseure und Masseure ihre Klientel zunehmend in zwei Klassen teilen: Voll zahlende Gäste werden bevorzugt, Gutscheinkunden auch mal hintenangestellt. So verfallen viele Coupons, da die Kunden keinen Termin bekommen. Schwierig wird es, wenn die Anbieter keine Obergrenzen mit den Portalen ausgehandelt haben. Dann verpflichten sie sich quasi zur Leistung in unbegrenzter Höhe - und sind schnell überfordert.
Ob die Schuld nur bei den Händlern liegt oder ob die Rabattportale Engpässe billigend in Kauf nehmen: Diese Frage spaltet die Branche. Der Streit entzündet sich am Fall des Getränkeverkäufers Stardrinx, dessen ungeduldige Kunden schon Dutzende Betrugsanzeigen erstattet haben. Firmengründer Christian Schönberger beschuldigt Groupon, mitverantwortlich zu sein: „Wir haben extrem große Deals mit Groupon bespielt und zwei Millionen Euro Umsatz gemacht, wir waren Premiumpartner“, erzählt er. „Aber Groupon hat sich uns gegenüber ziemlich rücksichtslos verhalten.“ Anfangs habe er Gutscheine schnell eingelöst und viel Ware verschickt, sagt Schönberger, „das Geld dafür sollte von Groupon nach fünf Tagen kommen. Doch es kam stets zu spät.“
Immer öfter habe das Portal Absprachen gebrochen. Seit sechs Wochen warte er auf Überweisungen für längst versandte Getränke. Bei 2.000 Kunden, die noch auf ihren Schampus warten, stehe eine halbe Million Euro auf dem Spiel.
Rabattjäger sollten die AGB lesen
Groupon nennt die Vorwürfe „haltlos, ohne jedwede Grundlage und falsch“. Man habe sogar eigene Leute zu Stardrinx geschickt, um Bestell-, Versand- und Kundenservice zu verbessern. Aber: „Stardrinx zeigte sich leider nicht kooperativ.“ Jetzt habe man rechtliche Schritte eingeleitet. Den Kunden verspricht Groupon Rückabwicklung und Stornierung der Aufträge.
Der Fall zeigt: Gutscheine sind schnell gekauft, doch im Streitfall wird es kompliziert. Rabattjäger sollten die AGB der Portale lesen. Für die gekaufte Ware muss man sich an den Gutschein-Aussteller wenden. Der Vertragsanspruch hilft freilich wenig, wenn die Rabattaktion den Partner überfordert. Portale wie Groupon versprechen nur, den Kaufpreis zu erstatten, wenn der Käufer ohne Schuld keine Ware erhält. In der Praxis müssen Kunden aber für die Rückabwicklung sehr hartnäckig sein.
Für die Lieferung der Ware selbst wollen die Anbieter nicht haften, da sie nur Vermittler sind. „Ihre Rolle ist vergleichbar mit der von Maklern“, bestätigt Volker Rieble, Rechtsprofessor an der LMU München. „Makler haften auch nicht, wenn das verkaufte Haus mit Schimmel befallen ist.“ Die rote Linie verläuft beim Betrug. Groupon muss Händler überwachen und darf schwarze Schafe nicht gewähren lassen.
Herr Tryba, im Netz tobt die Rabattschlacht. Was tun, damit die Schnäppchenjagd nicht zum Frustkauf wird?
Ich rate jedem, bei der Suche nach Angeboten den gesunden Menschenverstand walten zu lassen. Es wird immer der Eindruck erzeugt, genau jetzt sei ein besonderes Schnäppchen zu machen. Verbraucher sollten sich von zeitlich begrenzten Angeboten nicht unter Druck setzen lassen. Ein Blick auf Vergleichsportale und ins Kleingedruckte ist dringend geraten.
Worauf müssen Käufer besonders achten, wenn sie gute, seriöse Angebote ergattern wollen?
Sie sollten sich ganz genau die Bedingungen des Angebots anschauen. Oft gibt es Einschränkungen: Eine Hotelübernachtung darf nicht in der Ferienzeit gebucht werden, Restaurantgutscheine gelten nur für eine Person, oder die versprochene Yoga-Sitzung fällt kürzer aus als üblich. Wer damit kein Problem hat, kann ein Schnäppchen machen. Ich empfehle außerdem, vorher mit dem Händler Kontakt aufzunehmen und beispielsweise frühzeitig zu klären, ob eine Reise an einem bestimmten Wochenende stattfinden kann. Antwortet der Händler nicht oder lässt sich gar keine Kontaktmöglichkeit finden, sollte man gleich die Finger davon lassen.
Woran können die Käufer einen seriösen Händler erkennen?
Den Namen des entsprechenden Anbieters zu googeln ist sicherlich sinnvoll, um festzustellen, ob es in einschlägigen Foren Beschwerden gibt. Es lohnt sich immer, Preis-Suchmaschinen im Netz zu nutzen. Auch der Gang zum Geschäft in der Stadt oder ein Blick auf die Website eines Hotels entzaubern oft den scheinbaren Rabatt.
Was müssen Schnäppchenjäger bei der Kaufabwicklung beachten?
Wenn möglich, sollten Verbraucher auf Rechnung kaufen oder per Lastschriftverfahren bezahlen. Im Gegensatz zur Kreditkarte lässt sich das Geld schnell wieder zurückholen, falls die Lieferung ausbleibt.
Wer ist Ansprechpartner bei Problemen?
Falls es zu Lieferverzögerungen kommt, sollten Beschwerden direkt an den Händler gerichtet werden, um eine Einigung zu erzielen. Scheitert dies, ist es sinnvoll, Kontakt mit dem Portalbetreiber wie Groupon aufzunehmen. Wenn die Kunden unzufrieden sind, dann fällt das auch auf die Vermittler zurück. Das kostet Glaubwürdigkeit.
