30.12.2009 · Funk-Musiker Jan Delay über seine Erfahrungen als Aktionär und Unternehmer, Fassungslosigkeit in der Finanzkrise, Gold und Ketten im Hip-Hop. Und warum fette Beats wichtiger sind als Buchhaltung. Lisa Nienhaus hat mit ihm gesprochen.
Funk-Musiker Jan Delay über seine Erfahrungen als Aktionär und Unternehmer. Und warum fette Beats wichtiger sind als Buchhaltung.
Jan Delay, als Zehnjähriger hast Du beschlossen, Börsenmakler zu werden, nachdem Du den Film "Wall Street" gesehen hattest. Wieso ist daraus nichts geworden?
Weil ich schnell gemerkt habe, dass Geld stinkt. Das war einfach nur so ein Flash für zwei Wochen.
Heute könntest Du Dir das nicht mehr vorstellen?
Nein. Ich habe keine Lust auf die Zwänge, den geregelten Arbeitsablauf, das Unkreative und Spießige, das mit dem Job verbunden ist, das enorme Arbeitspensum, wo man den Kopf nicht braucht. Ich habe übrigens auch mal zweieinhalb Tage VWL studiert.
Dann hat das Interesse an Wirtschaft ja doch länger gehalten!
Nee, ich habe das nur gewählt, weil es keinen NC hatte und ich nicht wusste, was ich machen sollte.
Und das war nichts?
Nee, gar nichts. Ich habe Mathe immer gehasst, und VWL geht genau da weiter - bei Stochastik. DJ Dynamite und ich, wir waren zusammen in der Vorlesung Stochastik I, und wir haben uns irgendwann kommentarlos angesehen, sind aufgestanden und gegangen.
Du bist aufgewachsen in Hamburg-Eppendorf zwischen vielen reichen Familien. Deine Eltern waren Künstler und hatten nicht viel Geld. Was hast Du vermisst?
Alles, was die anderen hatten, was wir uns nicht leisten konnten.
Zum Beispiel?
Alles, was Geld kostet. Aber noch viel mehr hat mich gestört, dass ich nicht so gelebt habe wie die anderen. Ich habe zwar alles an Liebe gekriegt, was ich haben wollte, und auch viele Spielsachen - dann eben Second Hand. Aber wir waren nicht so eine spießige Familie, wo der Papa im Anzug von der Arbeit kommt, wo Vorhänge vor den Fenstern sind und Teppich auf dem Boden. Ich bin ja in einer Kommune groß geworden. Später habe ich das sehr zu schätzen gewusst, aber als Kind habe ich mir das anders gewünscht.
Du hättest auch gerne in einer spießigen Villa gelebt?
Es ging nicht um die Villa oder das Geld. Ich wäre genauso zufrieden gewesen, wenn wir in einer kleinen abgewichsten Wohnung gewohnt hätten und mein Vater Fahrkartenschaffner gewesen wäre - wenn wir wenigstens so etwas Spießiges, Geregeltes gehabt hätten wie die anderen. Es war so komisch, dass es bei mir anders war.
Was hast Du vermisst, was Geld gekostet hätte?
Ich habe als Kind mal etwas gesehen über die Malediven und das hat mich unglaublich weggeflasht. Ich wollte unbedingt auf die Malediven fahren, aber das ging nicht.
Stattdessen seid ihr nach Dänemark gefahren?
Nein, wir waren immer in Frankreich. Das war auch geil, aber eben nicht die Malediven.
In einem Interview hast Du mal gesagt: "Ich habe Bock auf Kohle." War das ernst gemeint?
Klar, es ist nichts Schlechtes an Geld. Es ist nicht das Einzige, was zählt, aber es macht viele Dinge leichter.
Zum Beispiel?
Leben. Und zwar so, wie man will.
Du bist dann nicht Börsenmakler geworden, sondern Musiker. Dein erster Erfolg kam 1998 mit der Hiphop-Band Absolute Beginner. Was hast Du Dir vom ersten selbstverdienten Geld gegönnt?
Ich habe es ganz klassisch meinen Eltern gegeben, damit sie die Schulden für ihr Haus begleichen konnten.
Und für Dich selbst?
Damals war es ein Handy. Und ich bin sehr viel Taxi gefahren, was ich immer noch tue. Das ist mein einziger Luxus: Ich fahre Taxi, ich gehe gut essen und ich habe eine Eigentumswohnung.
Der erste Musikstil, für den Du Dich begeistert hast, Hiphop, steht dem Konsum sehr nahe. Spielte das für Dich eine Rolle?
Das hatte damit überhaupt gar nichts zu tun. Selbst wenn es für Nichtsahnende und Ungläubige so aussieht, als ginge es im Hiphop um Konsum, war es für mich damals einfach die kreativste Art, Musik zu machen. Es ging darum, gut zu sein, eigenständig zu sein, einzigartig zu sein. Das war das, was mich umgehauen hat - neben solchen oberflächlichen Sachen wie dem fetten Beat und dem geilen Groove und natürlich den fancy Klamotten. Aber es ging nicht um Geld. Geld war eher der Feind.
Hiphop, zumindest in Amerika, das sind aber auch die dicken Schlitten und fetten Goldketten.
Damals waren die Goldketten aber alle nicht aus echtem Gold. Du darfst Hiphop von damals nicht mit Hiphop von heute vergleichen.
Heute ist Hiphop auf dem falschen Weg?
Nein, heute sind nur die Ketten aus echtem Gold, und heute geht es wirklich um Kohle. Damals ging es nur um Kreativität.
Du machst heute Funk-Musik. In "Kommando Bauchladen" singst Du: "Tante Emma wurde umgebracht, von Onkel H und Onkel M". Was ist schlimm daran, wenn man bei H&M einkauft?
Nichts. Meine Meinung ist ja nicht Gesetz. Mit dem Lied sage ich, dass es cool wäre, mal nicht bei H&M zu kaufen. Aber ich mache auch Songs wie "Oh Johnny", in denen es darum geht, dass alles gut ist, solange man darauf achtet, ein Gewissen zu haben. Ich will ja nicht diktieren, wie es laufen soll.
Darf man denn...?
...man darf alles - außer Hunde töten...
...auch Geld verprassen?
Klar, das letzte Hemd hat keine Taschen. Aber wenn man etwas weitsichtiger ist, denkt man zehn Jahre voraus. Und ich bin wohl zu sehr Hanseat, um alles auszugeben.
Hast Du in der Krise Geld verloren?
Bestimmt. Vielleicht weil Leute weniger auf Konzerte gehen und weniger CDs kaufen.
Und bei der Geldanlage? Viele hatten Lehman-Papiere oder Aktien, die abgeschmiert sind.
Nee, so etwas habe ich nicht. Das ist alles Schwachsinn. Ich kann den Leuten nur sagen: Hört nicht auf das, was die Bank sagt! Egal ob Riester-Rente, Lebensversicherung, blablabla, das geht alles zur Bank. Man soll sein Geld nehmen, es auf ein Konto legen und die Zinsen nehmen, die man kriegt, und fertig ist die Laube.
Keine Aktien?
Nein, alles Schwachsinn.
Du hast wirklich noch nie Aktien gekauft?
Doch. Ich habe das einmal gemacht, bin auf die Fresse gefallen und habe es nie wieder versucht.
Ende der Neunziger vermutlich.
Genau.
Was hast Du gekauft?
Viva-Aktien, weil es einen Vorzugspreis gab für Viva-Künstler. Und so einen blöden Sicherheitsfonds, den ich mir von der Bank habe andrehen lassen.
Das war nichts?
Nee, es war zum Glück nicht viel Geld, das ich verloren habe...
...aber Du sprichst nicht mehr mit dem Bankberater?
Auf keinen Fall.
Interessiert Dich die Krise?
Ja, aber die paarmal, die ich versucht habe, mir das raufzuschaffen, bin ich entweder gescheitert in totaler Begriffsstutzigkeit, weil es meinen Horizont übersteigt oder in totaler Begriffsstutzigkeit darüber, wie Menschen agieren können.
Wieso?
In den meisten Fällen ist es ja noch nicht einmal der böse Charakter derjenigen gewesen, die für sich selbst arbeiten und das Geld einstecken, sondern die komplette Hörigkeit gegenüber einem Konzern, für den sie arbeiten. Das kann ich nicht nachvollziehen.
Was meinst Du konkret?
Sachen wie die HSH-Nordbank-Affäre. Wenn 500 Millionen Euro ausgegeben werden in einem Moment, in dem alle wissen, dass das Geld einfach nur in ein großes Loch geschmissen wird, um andere Problemchen zu kaschieren, damit hier nicht der Deich brennt, dann fasst man sich an den Kopf. Wer lässt so etwas geschehen?
Kommt bald der Jan-Delay-Krisensong?
Wenn ich eine schöne Idee habe, eine schöne Geschichte und schöne Bilder, in denen man das erzählen kann, dann mache ich das. Aber einfach so: Hey Wirtschaftskrise, alles ist doof, und die Manager stecken ihre Boni ein - so etwas ist mir zu blöd.
Vor einigen Jahren hast Du Dich selbst als Unternehmer versucht mit dem Plattenlabel Eimsbush - und Schiffbruch erlitten: 2003 musstest Du Insolvenz anmelden. Wie war das?
Ich habe das Label gegründet, weil ich eine Plattform für alle Hamburger Hiphopper gründen wollte, die keinen Plattenvertrag hatten. Ich war damals aber schon woanders unter Vertrag und habe mich herausgehalten aus dem Tagtäglichen.
Was warst Du von der Funktion her?
Chef! Aber nicht wirklich. Ich hatte einen Geschäftsführer. Leider haben die Leute das teilweise nicht ernst genommen. Dazu kamen MP3 und Hiphop-Krise - und dann lief es gegen die Wand.
Ganz plötzlich?
Ich habe das schon vorher geahnt, aber ich wollte meine Musik machen und nicht dafür sorgen, dass das Plattenlabel nicht pleitegeht.
Unternehmer sein ist nichts für Dich?
Nee, überhaupt nicht. Ich will Kunst machen und mich nicht mit Buchhaltungsscheiß aufhalten.
Hatte das Folgen für Dein Privatvermögen?
Ja, wir haben das Label zwar irgendwann in eine GmbH überführt, aber im Zuge der Pleite kam auch eine Steuerprüfung. Und die fünf Jahre davor lief alles über meinen Namen. So stand ich für einen Großteil des Labels mit meinem Privatvermögen gerade und musste sehr, sehr viel zahlen.
Da ist man sicherlich enttäuscht von seinen Mitarbeitern.
Naja, letztendlich war es ja auch meine Schuld. Ich hätte ja auch mal auf den Tisch hauen und da den Hitler machen können. Aber so bin ich nicht, und deshalb habe ich das als Lehrgeld betrachtet.
Hast Du Respekt vor Leuten, die ein Unternehmen aufziehen?
Ja, aber man merkt schnell, dass diese Leute selbst keine Künstler sind.
Was ist der Unterschied?
Der Unternehmer scheut sich nicht, früh aufzustehen und jeden noch so unfunkigen und ekligen Anruf zu machen und jede noch so unspektakuläre Zahlenansammlung zu durchforsten. Genau das sind die Sachen, die der Künstler meidet. Er möchte seine Ruhe haben und ausschlafen, um den Kopf frei zu haben.
Der Lässige
Mit originellen Texten und näselnder Stimme ist er bekannt geworden. Jan Delay macht heute Funk-Musik, trägt gerne pastellfarbene Anzüge und füllt mit seiner Band Disco No. 1 die Hallen. Als Jan Eißfeldt wurde er 1976 geboren. 1998 gelang ihm mit der Hiphop-Band Absolute Beginner der Durchbruch. Auf einen Musikstil legt er sich nicht fest. Er machte auch eine Reggae-Platte und lässige Versionen alter Schlager.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |