Die Deutsche Bank hat einen neuen Star in ihrem Kapitalmarktgeschäft. Thorsten Michalik heißt der Mann, und er ist kein Investmentbanker im klassischen Sinn. Michalik leitet DB X-Trackers, das Geschäft mit börsengehandelten Indexfonds. In Finanzkreisen werden diese am liebsten ETF genannt. Das Kürzel steht für Exchange Traded Funds, und dieses Geschäftsfeld ist eines der schnellstwachsenden im großen Reich der Deutschen Bank.
ETF kommen aus der Welt der Investmentfonds. Sie sollten den Anlegern ursprünglich einen kostengünstigen Zugang zu den Aktienmärkten ermöglichen. Und sie waren von Anfang an eine Kampfansage an klassische Investmentfonds. 1970 brachte die amerikanische Vermögensverwaltung State Street Global Advisors einen ETF auf den Aktienindex S&P 500 auf den Markt. Standard & Poor's Depositary Receipt oder kurz SPDR S&P 500 heißt das Produkt, das die Börsenfachleute mit dem ihnen eigenen Humor in „Spider“, Spinne, umbenannt haben. Der SPDR ist heute noch mit einer Marktkapitalisierung von zuletzt 92 Milliarden Dollar der größte ETF der Welt.
Sinnbild der Kapitulation vor dem Durchschnitt
Klassische Investmentfonds traten mit dem Anspruch an, dass erfahrene Fondsmanager einen höheren Ertrag aus den Finanzmärkten herausholen können als normale Anleger und vor allem besser als ein Vergleichsindex abschneiden. Ein Fondsmanager auf deutsche Standardwerte ließ sich immer dann feiern, wenn er besser abschnitt als beispielsweise der Dax.
Alles Humbug, lautet die Antwort der ETF-Branche auf diesen Anspruch. Kein Fondsmanager schaffe es auf Dauer, den Vergleichsindex zu schlagen. Sie konzipierten Produkte, die möglichst genau den Vergleichsindex abbilden, nicht mehr und nicht weniger. Ein ETF gilt dann als erfolgreich, wenn er eine geringe Abweichung aufweist - „Tracking Error“ nennen die Fachleute diese.
Nicht schlechter, aber billiger
Dafür liegen die Kosten eines ETF empfindlich unter denen eines Investmentfonds. Das zeigt ein Beispiel aus dem deutschen Sparkassenwesen: Der Deka-Fonds CF, ein Klassiker unter den auf Deutschland spezialisierten Aktienfonds, kostet den Anleger Jahr für Jahr eine Verwaltungsvergütung von 1,25 Prozent plus eine Kostenpauschale von 0,18 Prozent plus eine erfolgsbezogene Vergütung von 0,84 Prozent und schließlich noch einen einmalig zu zahlenden Ausgabeaufschlag von 5,26 Prozent.
Ganz anders rechnet ETF Lab, der Anbieter börsengehandelter Indexfonds der deutschen Sparkassen: Dort zahlt der Anleger für den mit dem Deka-Fonds CF vergleichbaren ETF Lab Dax nicht mehr als eine Verwaltungsgebühr von 0,15 Prozent jährlich. Hinzu kommen nur die Gebühren, die eventuell die Sparkasse, der Online-Broker oder die Bank für Wertpapieraufträge erheben. Weitere Nebenbedingungen, Sternchen mit verklausulierten Hinweisen auf Kleingedrucktes gibt es dort nicht.
Zudem schneidet der Deka-Fonds CF nicht besser ab als sein ETF-Konkurrent: Im laufenden Jahr hat der Deka-Fonds CF - vor Kosten wohlgemerkt - 17,7 Prozent an Wert verloren, der ETF Lab Dax 14 Prozent. Auf ein Jahr gesehen liegt der Deka-Fonds CF 4 Prozent im Minus, der ETF Lab Dax hat 4,2 Prozent an Wert verloren. Berücksichtigt der Anleger dann noch die Kosten für seinen Aktienfonds, sieht die Rechnung für den Deka-Fonds CF noch schlechter aus. Eine klare Sache also?
Keine Antwort auf die großen Anlagefragen
Das Votum der Anleger fällt eindeutig aus. In den vergangenen zehn Jahren stieg das Vermögen, das Investoren rund um den Erdball in ETF anlegten, rasant. 2001 waren es nach Zahlen der Fondsgesellschaft Blackrock, die über ihre Einheit iShares im ETF-Geschäft aktiv ist, gerade einmal 105 Milliarden Dollar. 1443 Milliarden Dollar hatten die Anleger Ende Juli dieses Jahres in rund 2800 ETF angelegt.
So sinnvoll ETF auch sein mögen: Fraglich ist, ob sie tatsächlich dem privaten Anleger nutzen. Bisher haben vor allem institutionelle Anleger - Versicherer, Altersvorsorgeeinrichtungen, Banken - die kostengünstige Variante für sich entdeckt, denn die großen Entscheidungen treffen sie selbst: Sind jetzt Aktien oder Anleihen besser? Sollen wir in Schwellenländer investieren oder doch besser in amerikanische Biotechnologie-Aktien? Wie können wir am besten an den Chancen auf den Rohstoffmärkten teilhaben?
Überfordernde Details
Genau diese Fragen wiederum überfordern viele Privatanleger, und ETF nehmen sie ihnen nicht ab. Und die Auswahl an ETF ist riesig: Comstage, der ETF-Anbieter der Commerzbank, bietet im Internet auf fünf Bildschirmseiten einen Überblick über die Angebotspalette. Knapp 100 ETF kommen da zusammen. Wer etwa in deutsche Anleihen investieren will, steht vor der Frage, ob er den Comstage ETF iBoxx Euro Germany Bund-Future TR wählen soll oder den Comstage ETF iBoxx Euro Germany Covered Capped Overall TR.
Etwas einfacher ist es mit Aktien, weil die Indizes eine leichtere Orientierung bieten. Doch auch hier ist eine genaue Information vorab unabdingbar. Der Comstage ETF Dax TR bildet den deutschen Aktienindex Dax ab. TR steht dabei für Total Return, was bedeutet, dass ausgeschüttete Dividenden in die Abbildung der Wertentwicklung einfließen. Doch wo liegt dann der Unterschied zum Comstage ETF FR Dax?
Mit dem Kürzel FR kennzeichnet Comstage Indexfonds, die nach dem Prinzip der „Full Replication“ konstruiert sind. Dies ist die klassische Konstruktion von Indexfonds: Dabei investiert der ETF genau in die Aktien des Index, die er abbildet. Im Comstage ETF FR Dax finden sich alle 30 Aktien, die Bestandteil des Dax sind, und zwar genau nach ihrem Indexgewicht. Denn ein Unternehmen mit einem hohem Börsenwert wird im Dax und vielen anderen Indizes stärker gewichtet als ein kleines Unternehmen. Manche Aktienindizes sind jedoch zu groß, um sämtliche Titel abzubilden. Das gilt für den amerikanischen Aktienindex S&P 500, der 500 Unternehmen zählt, aber auch für viele andere wie den Welt-Aktienindex MSCI World oder den Nikkei-225. Selbst der 100 Unternehmen zählende FTSE-100 für Standardwerte an der Börse London ist für die ETF-Branche schwer darzustellen.
Nicht ganz echte Indexfonds
So entstanden zusätzlich die teil replizierenden ETF. Diese beschränken sich auf jene Titel, die repräsentativ für die Schwankungen eines Index sind. Denn unter den vielen Titeln des S&P 500 finden sich viele, deren Kursbewegungen für die Entwicklung des S&P 500 keine Bedeutung haben. Doch hier greifen die ETF-Konstrukteure aktiv in die Konzeption ein. Je nachdem wie gut es ihnen gelingt, die Kurstreiber im Index herauszufiltern, bildet der teil replizierende ETF den Index besser oder schlechter ab.
Viele Indizes werden jedoch selbst an der Börse gehandelt, als Terminkontrakte (Futures) oder als Optionen beispielsweise an organisierten Börsen oder auch als Swap genannte Tauschgeschäfte unter den Banken. Mit ihrer Hilfe lässt sich ein Index ohne jegliche Abweichung abbilden. So entstanden die swapbasierten ETF. Bei ihnen investiert der ETF in ein beliebiges Basis-Portfolio. So kann ein ETF auf den Dax in amerikanische Staatsanleihen investiert sein. Die ETF-Manager tauschen das Kursschwankungs- und Währungsrisiko des Basis-Portfolios aus dem ETF heraus und tauschen das Schwankungsrisiko des Dax herein. Dies setzt voraus, dass die ETF-Manager eine Investmentbank finden, die bereit ist, dieses Geschäft abzuschließen, und dass sie in der Lage ist, ihre Verpflichtungen einzuhalten, und nicht vorher bankrottgeht.
Mit den swapbasierten ETF drangen Investmentbanker wie Michalik in das Geschäft ein, nachdem die voll- und teil replizierenden ETF eine Domäne der Fondsgesellschaften waren. Diese schlagen nun zurück und vertreten die Meinung, dass die Anleger mit swapbasierten ETF unkalkulierbare Risiken eingingen. Andreas Fehrenbach, Geschäftsführer von ETF Lab, sieht das gelassen: „ETF wurden erst ignoriert, dann belächelt und schließlich beneidet. In der Folge wurden sie kopiert, und nun, da nichts mehr an ETF vorbeiführt, werden sie kritisiert.“ Ob die Angst der Kritiker vor swapbasierten ETF begründet ist, steht aus. Denn ihren großen Belastungstest in einer Krise hat die ETF-Branche noch vor sich.
ETF geben keine Antwort - Die FAZ auch nicht.
Anton Meier (empire2002)
- 16.09.2011, 01:02 Uhr
