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Finanzmärkte : Hohe Staatsschulden belasten das Wirtschaftswachstum

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Bild: F.A.Z.

Internationale Studien zeigen: In vielen Staaten sind die Schulden so hoch wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Häufig folgten in der Vergangenheit Inflation oder Zahlungsausfälle. Verschuldung im Ausland führt leichter zu Problemen als eine Verschuldung im Inland.

          Die Höhe der Staatsschulden westlicher Industrieländer ist so gewaltig wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Das Volumen droht über den Umfang hinauszuwachsen, der mit normaler Schuldenrückführung ohne Hilfe von Zahlungsausfällen oder Inflation zu bewältigen wäre. Nach einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird der Schuldenberg der Industrieländer von 78 Prozent des Bruttoinlandsproduktes auf 106 Prozent in diesem Jahr und 114 Prozent im Jahr 2014 steigen. In den Vereinigten Staaten wird die Schuldenquote dieses Jahr auf 60 Prozent und bis 2020 auf 87 Prozent der Wirtschaftskraft klettern. "Aus fiskalpolitischer Sicht ist die Volkswirtschaft in einer Situation, als ob sie gerade den dritten Weltkrieg überstanden hätte", heißt es in einer Studie der Investmentbank Morgan Stanley.

          Welche Chance haben die Länder, diese Schuldenlast abzutragen? Die Möglichkeiten, die Regierungen und Notenbanken offenstehen, hängen von der fiskal-, geld- und währungspolitischen Souveränität eines Staates ab. Auch ist entscheidend, ob die Schulden auf Fremdwährung oder eigene Währung lauten und wie lange die Laufzeit der Schuldtitel ist.

          Länder wie die Vereinigten Staaten, Kanada, Großbritannien, Australien, Japan und Schweden sind souveräne Staaten, verfügen über eigene Währungen, Notenbanken und fiskalpolitische Unabhängigkeit. Theoretisch können sie ihre Schulden immer bedienen, im Notfall mit Hilfe der Notenpresse, Inflation und Abwertung ihrer Währung. Vor allem Großbritannien, die Vereinigten Staaten und Japan haben angesichts ihrer Einbindung in die internationalen Kapitalmärkte auch gesteigertes Interesse daran, den Zahlungsverpflichtungen gegenüber ihren internationalen Gläubigern nachzukommen.

          Bild: F.A.Z.

          Mitglieder der Europäischen Währungsunion haben eine geringere Flexibilität. Sie verfügen über keine eigene Währung, die abgewertet werden könnte. Sie haben keine geldpolitische Souveränität mehr, die eine Erhöhung der Geldmenge und der Inflation ermöglichen würde. Die Gefahr, der Schuldenlast durch Zahlungsausfall zu entgehen, ist daher größer.

          Je mehr Schuldtitel in heimischer Währung emittiert wurden und je mehr von diesen Schuldtiteln im Ausland gehalten werden, desto größer ist der Anreiz für souveräne Staaten wie die Vereinigten Staaten oder Großbritannien, den Schuldenberg mit Hilfe von Inflation zu reduzieren. Dies ist exakt der Weg, den die Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg beschritten: Im Jahr 1946 betrug die amerikanische Staatsschuld 108,6 Prozent der Wirtschaftskraft des Landes. 60 Jahre später waren es nur noch 36 Prozent, obwohl sich Amerika im Schnitt ein Haushaltsdefizit von jährlich 1,6 Prozent der Wirtschaftskraft leistete.

          Inflation ist eine Versuchung

          Nach einer Berechnung von Morgan Stanley wurde diese Schuldenreduktion durch stärkeres nominales Wirtschaftswachstum erreicht. Dies reduziert die Schuldenquote automatisch. Interessant aber ist, dass 56 Prozent dieses nominalen Wirtschaftswachstums auf höhere Inflation zurückzuführen waren und nur der Rest auf reales Wirtschaftswachstum.

          Dies lässt in grober Rechnung einen Umkehrschluss zu: Wollte Amerika versuchen, die Schuldenquote auf 60 Prozent zu stabilisieren und dies bei 2 Prozent Inflation, dann müsste das Haushaltsdefizit in einen Überschuss von 1 Prozent umgewandelt werden. Ein ausgeglichener Haushalt würde zur Stabilisierung der Schuldenquote eine Inflation von 4,7 Prozent erfordern. Ein jährliches Haushaltsdefizit von 1,2 Prozent würde gar eine Inflation von 6,1 Prozent nahelegen.

          Freilich kann die unabhängige Federal Reserve nicht zu Inflation gezwungen werden. Aber Morgan Stanley warnt, dass es nur logisch wäre, wenn die Notenbank zumindest etwas höhere Inflation zuließe, um in ferner Zukunft einer noch viel schmerzhafteren Geldentwertung aus dem Wege zu gehen. Fachleute wie der ehemalige Chefvolkswirt des IWF, Kenneth Rogoff, und das ehemalige Mitglied des geldpolitischen Komitees der Bank von England, David Blanchflower, treten bereits für wesentlich höhere Inflationsziele der Notenbanken ein.

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