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Finanzkrisen : Die große Krisengrafik

Krisen gibt es immer wieder - ein Ausschnitt aus der großen interaktiven Krisengrafik. Bild: 2012 Princeton University Press und History Shots, LLC

Ob Staatsbankrott, Bankenzusammenbruch oder Hyperinflation: Krisen gehören zum Kapitalismus wie ein Gewitter zum Sommer. Das zeigen unsere Grafiken - mit den Finanzkrisen der vergangenen 200 Jahre.

          Unter uns leben noch Zeitzeugen, die auf deutschem Boden sechs Währungen erlebt haben: Von der alten Mark über die Rentenmark zur Reichsmark, weiter zur Ostmark über die D-Mark bis hin zum Euro. Im Schnitt alle 15 Jahre bekamen diese Deutschen ein neues Zahlungsmittel zur Verfügung gestellt.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Jede Währungsumstellung, abgesehen von der jüngsten auf den Euro, war mit großen Wirtschaftskrisen und gewaltigen sozialen und politischen Verwerfungen verbunden. Und die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Heute ist noch unklar, in welcher Währung die Beerdigungskosten dieser Zeitzeugen beglichen wird.

          Die historische Perspektive zeigt auf eine schockierende Weise: Die Haltbarkeit von Währungen ist eine Illusion. Verblüfft sind übrigens die Zeitzeugen selbst über die Häufigkeit der Währungsumstellungen. Sie hatten es vergessen.

          Ewige Unruhe

          Die amerikanischen Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff zeigen in ihrer bahnbrechenden Studie „Diesmal ist alles anders - Acht Jahrhunderte Finanzkrisen“, dass die Stabilität von Währungen, Banken und Staaten eine Illusion ist. Irgendein Land und oft eine Reihe von Ländern war immer gerade in einer Krise in den vergangenen beiden Jahrhunderten: Es brechen Banken zusammen, es herrscht Hyperinflation, die Währung kollabiert, der ganze Staat meldet Bankrott an und nicht selten passiert alles zusammen.

          Die zerklüfteten mehrfarbigen Gebirge in unseren Grafiken, die auf einem Poster basieren und auf der Reinhart/Rogoff-Studie beruhen, zeigen vor allem eines: ewige Unruhe. 200 Jahre Weltwirtschaftsgeschichte, die hier dargestellt werden, sind eben auch 200 Jahre Wirtschaftskrisen.

          Krisen treten heute global gleichzeitig auf

          Hohe Berge bedeuten, dass große wirtschaftsstarke oder besonders viele Länder von Krisen durchgeschüttelt wurden. In die schlimmsten Krisen der zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind Länder involviert, die 80 Prozent der Weltwirtschaftsleistung repräsentieren, in der Subprime-Krise gut 70 Prozent.

          Die Berge, das zeigt die Grafik auch, werden im Verlauf der Geschichte größer. Wenn irgendwo eine Krise ausbricht, dann zieht das offenkundig immer weitere Krisen nach sich. Die Welt ist enger verflochten als zuvor; nicht nur, weil die Länder mehr Geschäfte miteinander machen. Schlechte Nachrichten sprechen sich deutlich flinker herum. Der so genannte Gründerkrach brach 1873 in Wien aus, erfasste erst ein halbes Jahr später New York, um schließlich mit weiterer Verzögerung in Berlin anzukommen. Heute gibt es eine solche Zeitbremse nicht mehr, Krisen treten global simultan auf.

          Phasen gespenstischer Ruhe

          Zwischendrin liegen allerdings jene Phasen der nahezu gespenstischen Ruhe: Zuletzt von 2003 bis 2007. Das war vor allem eine ereignisarme Zeitspanne: Kein wirtschaftlich bedeutendes Land erlebte in diesen goldenen, kaum verstrichenen Jahren einen Staatsbankrott, einen Banken-Run, eine Hyperinflation oder den Kollaps seiner Währung.

          Doch auch Zeiten ohne die Eruptionen, die Finanzkrisen auslösen, sind keine ruhigen Zeiten, wie das Beispiel Deutschland zeigt. Die Jahre von 2003 bis 2007 wurden hierzulande gar nicht als golden empfunden. Vielmehr begann Deutschland just in jener Zeitspanne seinen Arbeitsmarkt zu reformieren unter der Regierung von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD). Das Land, damals noch als der kranke Mann Europas geschmäht, wappnete sich und war anschließend für die bösen Jahre der Finanz- und Wirtschaftskrise besser gerüstet als viele andere Länder.

          Ein Bankrott kommt bei den besten Staaten vor

          Allerdings traf die Regierung Schröder noch eine zweite folgenschwere Entscheidung: Sie verletzte nicht nur die Maastricht-Defizit-Kriterien, die einen stabilen Euro garantieren sollten. Sie setzte im Schulterschluss mit Frankreich durch, dafür keine Sanktionen von der EU zu bekommen. Spätestens von da an war die Stabilitätshoffnung entzaubert, sprich ein Anti-Krisen-Mechanismus de facto suspendiert. Das war vorschnell. „Jede Ruhe-Phase wird unweigerlich von einer neuen Welle der Krisen abgelöst“, sagen Reinhart und Rogoff.

          Am radikalsten räumt die Reinhart/Rogoff-Studie mit der Vorstellung auf, Staatsbankrotte seien exotische Sonderfälle der Geschichte. Nahezu jede Region hat ihre eigene schillernde Bankrott-Historie. Nach den ruhigen Boomjahren nach dem Zweiten Weltkrieg steckten von 1980 an bis zu 25 Länder gleichzeitig im Staatsbankrott oder in der Schuldenrestrukturierung, ein neuer Rekord, aber kein schöner.

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          Interaktiv : Die Staatsbankrotte von 1810 bis 2010

          So scheint die Krise unser Schicksal zu sein. Aber ist sie das wirklich? Müssen wir diese ewigen Zumutungen hinnehmen, die Menschen auch jetzt wieder in Angst und eventuell in Armut versetzen? „Die Euro-Krise trifft den Fischer im Senegal“, warnt der neue Weltbank-Chef Jim Yong Kim. Der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe konstatiert ziemlich nüchtern: „Krisen gehören zum normalen Ablauf der wirtschaftlichen Entwicklung im Kapitalismus, wie ein Gewitter zu einem heißen Sommertag.“

          Nicht die Krise ist das Wunder

          Man kann es auch mit mehr apokalyptischem Drive formulieren, so wie der Soziologe Wolfgang Streeck, Direktor am Kölner Max Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung: Das Wunder sei nicht die Krise, sondern die unausrottbare Vorstellung, dass der Kapitalismus je Ruhe geben könnte: „Der Kapitalismus ist das dynamischste Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das die Menschheit erfunden hat. Stabilität gibt es in ihm nur als Wille und Vorstellung.“ Und weiter: „Kapitalismus ist das unablässige Bohren hochmotivierter und hochkreativer Individuen an sozialen Ordnungen, in die andere sich gerne einleben würden. Feiern wir nicht den kapitalistischen Unternehmer als den unkonventionellen Menschen par excellence, den größten Neuerer aller Zeiten, der uns alles gibt, was wir wollen, auch wenn wir nie geahnt hätten, dass wir es je wollen würden?“

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          Währung, Banken, Inflation : Finanzkrisen von 2010 bis heute

          Der Unternehmer als Quelle der Krise, das kommt einem Klassiker der Ökonomie, Josef Schumpeter, schon ziemlich nahe: Der sah im Kapitalismus ein System, das von Unternehmern zur permanenten Selbstzerstörung und Erneuerung getrieben wird. Der Computer-Entrepreneur vertreibt die Schreibmaschinen-Konkurrenz, digitale Musik die festen Tonträger. Jedes Mal weichen alte Unternehmen, schließen Fabriken, verlieren Arbeiter ihre Stelle und Investoren und Banken ihr Vermögen. Für sich genommen, sind diese Prozesse des Absturzes und der Erneuerung wirtschaftliche Einzelentwicklungen, die sich in einer Volkswirtschaft trotzdem so saldieren könnten, dass alles gut bleibt und mittelfristig sogar besser wird. Man kriselt sich zyklisch zum besseren Wohlstandsniveau.

          Von der Landwirtschaft zur Industrie

          Anfällig für Krisen sind Länder an der Schwelle zur Industrialisierung. Voraussetzung für den ersten großen Sprung im Wohlstandsniveau war die Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktivität und die Arbeitsteilung. Damit stieg aber gleichzeitig die Krisengefahr. Denn die arbeitsteilige Massenproduktion ist immer eine Produktion für anonyme Märkte im Gegensatz zur Auftragsfertigung. Stets hängt über den Fabrikhallen die bange Frage, ob sich da draußen wohl jemand findet, der das ganze Zeug haben will, das da gerade vom Band läuft. Wenn es nicht funktioniert, steht nicht nur der Unternehmer dumm da, sondern auch sein Geldgeber.

          Gerade die geldgebende Bank kann aus dem Scheitern eines Fabrikanten ein volkswirtschaftliches Problem machen, vor allem, wenn sie selbst in der Kundenpleite zu viel Substanz und Vertrauen einbüßt. So ist nur konsequent, dass bei Rogoff und Reinhart in den Krisen, die sie analysieren, gerade nicht die Unternehmer die zentrale Rolle spielen, sondern Banken und, aus anderen Gründen, Staaten. Banken sind gefährlich, weil sie Volkswirtschaften infizieren können und sie sind anfällig wegen ihrer ganz besonderen Rolle: Ihr Basisgeschäft besteht darin, kurzfristige Einlagen der Sparer in (langfristige) Kredite umzuwandeln. Das geht gut bis zum ersten aufkommenden Misstrauen, etwa bei alltäglichen Pleiten.

          Auch Bankenkrise gibt es nicht erst seit Lehman

          Wenn plötzlich im Zuge einer Vertrauenskrise viele Sparer ihr Geld zurückwollen, reichen die liquiden Mittel der Banken nicht. Als Erstes ist die Bank gezwungen, Vermögenswerte wie Aktien zu verschleudern. Ist die Krise schon systemisch, dann finden sich nur nach Preiszugeständnissen Käufer, was wiederum zur Neubewertung des Vermögens zwingt. In solchen Situationen schreiben dann selbst Banken und Investoren durch Wertberichtigungen Verluste, die noch gar nicht zu Notverkäufen gezwungen waren. Gleichzeitig hören Banken in solchen Zeiten auf, einander Geld zu leihen. Und schließlich trocknet der Kreditfluss zur gewerblichen Wirtschaft aus: Die Banken vergeben von da an Kredite nur restriktiv und bremsen damit Investitionen und provozieren neue Pleiten. Die Rezession ist perfekt.

          Krisen gibt’s nicht erst seit 2008: Arbeitslose Männer warten vor einem New Yorker Obdachlosenheim zur Zeit der Großen Depression.
          Krisen gibt’s nicht erst seit 2008: Arbeitslose Männer warten vor einem New Yorker Obdachlosenheim zur Zeit der Großen Depression. : Bild: AP

          Das klingt wie die Beschreibung der Lehman-Krise und ihrer Folgen. Doch es gilt: Alles ist schon einmal da gewesen. 1857 stellte die solide New Yorker Bank Ohio Life Insurance and Trust in New York ihre Zahlungen ein. Sie hatte sich mit Eisenbahn-Investments verspekuliert. Dieser Bankrott löste die erste Weltwirtschaftskrise überhaupt aus. Sofort versuchten andere Banken ihre Außenstände bei den Eisenbahngesellschaften einzuziehen, um einem möglichen Bank-Run zu begegnen, Geld wurde nur noch zu Wucherzinsen verliehen. Es half nichts: Innerhalb kurzer Zeit mussten 14 Eisenbahngesellschaften schließen, schreibt der Historiker Plumpe. Die Banken kollabierten, binnen fünf Tagen brachen in vier amerikanischen Bundesstaaten 185 Institute zusammen, dem darauf folgenden Bank-Run in New York hielt nur ein Institut stand. Damit trocknete der Geschäftsverkehr aus, was wiederum an sich solide Unternehmen und Handelshäuser in den Abgrund stürzte. Die Krise breitete sich erst nach England aus, wo Banken und Unternehmen untergingen und danach nach Deutschland.

          Euphorie für neue Märkte

          Es ist das spekulative Moment, dass die Krise ermöglicht: Für eine Investitionsidee wird sehr viel Geld mobilisiert. Das ist eine Konstante im historischen Finanzkrisengeschehen. Die Investoren und Banken sind plötzlich euphorisiert für Eisenbahnen, lateinamerikanische Anleihen, Neue Markt-Aktien oder Subprime-Papiere. Umso leichter fallen die Investments, wenn Geld selbst billig ist, die Zinsen für Kredite dank der Zentralbank auf niedrigem Niveau stehen. Dazu gesellt sich dann die zweifelhafte Fähigkeit der Anleger, schlechte Erfahrungen und daraus geronnene Regeln souverän zu verdrängen mit dem klassischen Satz: „Dieses Mal ist alles anders.“ Wer bei Neue-Markt-Aktien auf klassische Kurs-Gewinn-Verhältnisse pochte, wurde als Gestriger marginalisiert. Wer bezweifelte, das finanzmathematische Genies die Risiken fauler Immobilien-Kredite gebändigt hatten, war ein Spießer. Wer begann, griechischen Staatsanleihen zu misstrauen, war erst hoffähig, als es alle anderen auch taten.

          Staaten haben eine eigene Qualität als Krisen-Begründer. Zu Unrecht verströmen sie die Aura der Sicherheit. Das belegt nicht nur die eindrucksvolle Chronik der Staatsbankrotte. Die wenigsten schaffen es, defizitfrei zu wirtschaften, selbst in guten Jahren. Ausländische Anleihekäufer haben auch kaum eine Handhabe, wenn Staaten säumig werden. Schließlich ist der Grund für den Bankrott in den meisten Fällen nicht die Zahlungsunfähigkeit, sondern die mangelnde Bereitschaft zu schmerzhaften Schnitten. Die Politiker verprellen lieber ausländische Gläubiger als inländische Wähler.

          Vertrauensfrage an die Märkte

          Krisenhaft ist aber auch, wie sich in diesen Tagen zeigt, die Praxis der Staaten, sich zunehmend kurzfristig zu finanzieren. Die Finanzminister wollen von Zinsen profitieren, die für Kurzläufer zumeist niedriger sind als für Langläufer. Mit dem Zwang allerdings, ständig Kredit für auslaufende Anleihen besorgen zu müssen, stellt ein Land permanent die Vertrauensfrage an die Märkte. Wenn das Vertrauen aber weg ist, auch aus sachfremden Erwägungen heraus, stürzt das Kreditgebäude und niemand kann es stoppen. Die Folge sind Staatsbankrott, Bankenkrisen, Rezessionen und nicht selten die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten.

          Versöhnlich stimmt bei dem ganzen Stress, dass die Finanzkrisen seltener jene Folgen für Leib und Leben zeitigen wie die Wirtschaftskrisen der alten Art, in der Wetter und Ernteerfolge über das Schicksal der Menschen entschieden. Die V0lkswirtschaften haben sich zu mehr Wohlstand hochgekriselt: Vom New-Economy-Fieber bleibt das Internet, von den Eisenbahnfehlspekulationen blieben die Eisenbahnnetze. Wichtiger noch scheint zu sein, dass sich reich gewordene Länder einen Sozialstaat leisten, der Krisenopfer behütet. Leider sind die ausgebauten Sozialsysteme Ursache für die Zahlungsprobleme von Staaten. Es bleibt stressig.

          Quelle: F.A.S.

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