27.10.2011 · Die chinesische Stadt Wenzhou wird als Hauptstadt der Privatwirtschaft bezeichnet. Viele Unternehmen sind in dubiose Kreditgeschäfte verwickelt - ein Massenphänomen.
Von Christian Geinitz, SchanghaiDie Geschäftsleute von Wenzhou gelten als ebenso findig wie windig. Die ostchinesische Hafenstadt südlich von Schanghai trägt etwa ein Prozent zu Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei, einen guten Teil davon erwirtschaften die 400.000 Mittelständler. Wenzhou wird deshalb Chinas Hauptstadt der Privatwirtschaft genannt. Wie sich herausstellt, sind viele der Unternehmen in dubiose Kreditgeschäfte verwickelt. Sie borgen oder verleihen Geld zu Wucherzinsen und oft ohne Sicherheiten. Statt 7 bis 8 Prozent im Jahr wie in den Banken werden bis zu 6 Prozent im Monat verlangt. Das kam ans Licht, als das System jetzt kollabierte: Nach verschiedenen Zahlungsausfällen machten sich in den vergangenen Wochen mindestens 90 insolvente Unternehmer aus dem Staub.
Die Verschuldung am grauen Kapitalmarkt ist in China ein Massenphänomen. Die Investmentbank UBS beziffert den Umfang solcher Kredite im Markt auf 2000 bis 4000 Milliarden Yuan (226 bis 451 Milliarden Euro). Das wären bis zu 8 Prozent der offiziellen Bankkredite und 10 Prozent des chinesischen BIP eines Jahres. Wenzhou ist dabei nur die Spitze des Eisbergs, aber eine sehr eindrucksvolle. Die chinesische Notenbank schätzt, dass in der Stadt 90 Prozent aller Haushalte und 60 Prozent aller Unternehmen nichtoffiziellen Kreditgeschäften nachgehen. Der Umfang erreiche ein Fünftel der legalen Bankkredite oder 110 Milliarden Yuan (12,4 Milliarden Euro), 38 Prozent mehr als im Vorjahr. Andere Schätzungen sprechen von bis zu 500 Milliarden Yuan.
„Unseren Unternehmen bleibt nichts anderes übrig, als sich privat zu finanzieren - trotz der hohen Kosten“, sagt Zhou Dewen, Präsident des Verbands der kleinen und mittleren Unternehmen in Wenzhou. Die zumeist staatlichen Banken dienten vor allem den großen Staatskonzernen und ließen die Privatwirtschaft links liegen. „Das chinesische Finanzsystem ist eine Kopie des sowjetischen und stammt noch von 1949.“ Hinzu komme derzeit die straffe Geldpolitik zur Inflationsbekämpfung. Die Banken hätten weniger Geld zu verleihen und seien bei ihren Kunden noch wählerischer als sonst.
Verschiedene spektakuläre Fälle aus Wenzhou sind an die Öffentlichkeit geraten, so der des Unternehmers Hu Fulin. Ihm gehört die Xintai-Gruppe, einer der größten Brillenhersteller des Landes. Als er seine Schulden nicht mehr bedienen konnte, setzte sich Hu ab. Er kam aber zurück, nachdem Regierungschef Wen Jiabao und Zentralbankgouverneur Zhou Xiaochuan Wenzhou besucht und Abhilfe für die Finanzierungsschwierigkeiten versprochen hatten. In einem Pilotprojekt sollen Teile des Wildwuchses legalisiert werden, etwa über offizielle Mikrofinanzinstitute.
Ein schillernder Exponent des grauen Kreditmarkts ist auch Wang Xiaodong, der noch immer auf der Flucht ist. Nach Angaben der Zeitschrift „Caixin“ schuldet er privaten Gläubigern 1,2 Milliarden Yuan (135 Millionen Euro). Sein Ausfall hat, wie in anderen Fällen, einen Dominoeffekt von Folgezusammenbrüchen nach sich gezogen. So musste der Schuhhersteller Jubang seine Produktion einstellen. Er hatte Wang 50 Millionen Yuan zu einem jährlichen Zinssatz von 24 Prozent geliehen. Das Geld stammte von privaten Gläubigern, denen der Schuhunternehmer wiederum 18 Prozent zahlte. Unter diesen Geldgebern seien, so „Caixin“, auch Mitarbeiter der Lokalverwaltung gewesen, die einfach und günstig an Bankdarlehen kämen.
Das Beispiel illustriert, wozu ein großer Teil des gepumpten Geldes in Wenzhou auch diente: nicht für die Wachstumsfinanzierung im Unternehmen, sondern für Spekulationen. Wang, der offiziell eine Wagniskapitalgesellschaft führte, habe mit dem geborgten Geld am Immobilien-, Aktien- und Futuresmarkt gezockt, meldet „Caixin“. Das ging lange gut, doch als sich diese Märkte abkühlten, ging ihm die Luft aus. Das Beispiel ist kein Einzelfall. Chinas Notenbank zufolge fließen nur 35 Prozent der grauen Kredite in die Realwirtschaft. Banker verwundert das nicht, da sich derlei irrwitzige Zinsen aus herkömmlichen Renditen nicht bedienen ließen, sondern nur aus riskanten Anlagen.
Zhou vom Mittelstandsverband verwahrt sich gegen diesen Vorwurf. „Spekulationen sind in Wenzhou viel weniger verbreitet, als behauptet wird.“ Dass die Unternehmen ihre Schulden nicht mehr bedienen könnten, hänge nicht mit ihren Verlusten an den Börsen und im Häusermarkt zusammen, sondern mit den schmelzenden Margen. Die Nachfrage aus dem Ausland gehe zurück, der steigende Renminbi (Yuan) erschwere den Export zusätzlich. Gleichzeitig stiegen die Kosten im Inland, vor allem für Arbeitskräfte. „Viele unserer Mitglieder machen praktisch keinen Gewinn mehr, Chinas Mittelstand steht unter enormem Druck“, klagt Zhou.
Die Vorfälle von Wenzhou sind nach Ansicht von Analysten nicht gefährlich für Chinas Stabilität, solange sie andere Regionen und Finanzierungswege nicht anstecken. Sie illustrierten aber die bedenkliche Situation mancher Privatunternehmer. Diese sind sogar im staatskapitalistischen China das Rückgrat der Wirtschaft: Nach offiziellen Zahlen steuern kleine und mittlere Unternehmen 60 Prozent zum BIP bei, 50 Prozent zu den Steuereinnahmen und 80 Prozent zur urbanen Beschäftigung.
Christian Geinitz Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.
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