Home
http://www.faz.net/-gw5-zcx1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Anlegerpsychologie Kummer durch emotionale Fehlentscheidungen

07.06.2011 ·  Viele Privatanleger lassen sich bei Anlageentscheidungen zu sehr von Gefühlen leiten. Doch professioneller Rat, so zeigen wissenschaftliche Studien, hilft oft nicht weiter. Die Berater sind auf rasche Wechsel im Depot aus, um Provisionen zu kassieren.

Von Bettina Schulz, London
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Der Seefahrer Odysseus ließ sich am Segelmast festbinden, um nicht den Versuchungen der Sirenen zu erliegen. Odysseus ahnte, was viele Anleger an den Finanzmärkten fast täglich erleben: Mitunter ist es kaum möglich, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten, und das kann verhängnisvoll sein.

Wie sehr emotionale Fehlentscheidungen den Anlageerfolg von Privatinvestoren vermasseln, haben zehn Wissenschaftler von Universitäten aus der ganzen Welt in einer Studie von Barclays Wealth aufgezeigt.

Berater helfen wenig

Doch Abhilfe ist schwer: Wer sich vor seinen Fehlentscheidungen schützen will und sich an Bankberater wendet, fährt auch nicht besser. „Die Ergebnisse lassen sich darauf zurückführen, dass die Berater die systematischen Anlagefehler ihrer Kunden nicht ausreichend korrigieren und häufig auch höhere Kosten produzieren“, kritisiert Andreas Hackethal, Professor für Finanzen am House of Finance der Goethe-Universität Frankfurt.

Der Grund: Für Anlageberater stehe der Kundennutzen nicht an oberster Stelle sondern der Verdienst von Provisionen. Die Anreizstruktur der Bankberater führe zu deutlich mehr Umschichtungen in den Depots der Kunden, die sie beraten, gegenüber den Kunden, die ihr Glück allein versuchten. Hackethal stellt in seiner Studie fest, dass sich die Depots von Anlegern, die Beratung in Anspruch nähmen, nicht besser entwickelten als Depots von Anlegern, die allein ihre Investitionsentscheidungen träfen.

Innerhalb mancher Banken gibt es nach Aussage von Mitarbeitern gar interne Vorgaben, wie oft Depots „gedreht“ werden müssen, um Provisionen zu verdienen. Kritiker wundert es daher nicht, dass Banken 2009 nicht die billigen Marktbewertungen als Gelegenheit ergriffen, um mit ihren Kunden gemeinsam günstige Portfolios zusammenzukaufen.

Den Wald vor lauter Bäumen...

Für vermögende Privatanleger ist die Geldanlage daher schwierig. In der Studie von Barclays Wealth zeigt sich, dass Privatanleger oft Einzelentscheidungen treffen, ohne die Struktur des Gesamtportfolios langfristig im Auge zu behalten. Obwohl Aktienindizes über eine lange Zeit gesehen kaum Verluste aufweisen, reagieren Anleger kurzfristig, halten Handelsstrategien nicht durch und lassen sich von der Stimmung mitreißen.

In der Euphorie wird dann für Aktien zu viel bezahlt, und in der Panik des Marktes werden sie wieder verkauft - häufig genau zum falschen Zeitpunkt. Zuvor getroffene Investitionsentscheidungen werden emotional über den Haufen geworfen. Der Bericht verweist auf eine Studie, nach der über 20 Jahre gesehen der normale amerikanische Aktieninvestor nur eine Rendite von 3,8 Prozent im Jahr erzielte, obwohl der S&P-Index 9,1 Prozent jährlich zulegte.

Die unterschätzte Kunst der ruhigen Hand

Mangelnde Selbstdisziplin kann über zehn Jahre gesehen dazu führen, dass der Erfolg des Portfolios um 20 Prozent leidet. Paradox ist, dass ein Drittel eigenständig investierender Privatanleger meint, hohe Renditen seien nur mit eben dieser intensiven Handelsaktivität zu erreichen. Dieselben Investoren geben aber zu, es zu übertreiben, weil sie ihre Emotionen nicht unter Kontrolle hätten.

Chun Xia, Professor von der University of Hongkong, warnt, dass intensives Handeln abhängig machen könne. Zu oft hätten die Investoren dann eine zu hohe Meinung von ihrer eigenen Strategie. Fast 14 Prozent von vermögenden Personen mit 2 bis 10 Millionen Pfund räumen offenbar ein, zu oft und zu hohe Beträge zu handeln. Anleger mit größeren Vermögen sind noch weniger diszipliniert.

Nur Regeln schützen die Profis

Emotionen vermasseln jedoch nicht nur Privatanlegern das Geschäft. „Privatanleger schneiden schlechter ab als professionelle Händler, weil Bankhändler in ein striktes Korsett von Vorschriften und Kontrollen eingebunden sind, um emotionale Entscheidungen zu verhindern. Nick Leeson und Jérôme Kerviel sind Ausnahmen, die zeigen, was geschehen kann, wenn sich Händler diesen Kontrollen entziehen“, warnt Greg Davies, Chef für Verhaltensforschung in der Finanzanlage von Barclays Wealth.

Wie können sich Anleger also vor ihren eigenen emotionalen Fehlentscheidungen schützen, wenn es nicht unbedingt im Interesse und Anreizsystem von Bankberatern liegt, diesen Emotionen gegenzusteuern? Unabhängige Beratung, bei der keine Provisionen verdient oder spezielle Bankprodukte verkauft werden sollen, nehmen Anleger nach einer Frankfurter Universitätsstudie zu 95 Prozent nicht einmal wahr, und wenn, dann setzen sie die Empfehlungen nicht richtig um.

Lieber zu wenig wissen

Unabhängig von der Eingabe von Stop-loss-Aufträgen, die Verluste begrenzen, empfiehlt Davies Anlegern, bewusst einen Teil des Vermögens in illiquide Werte zu stecken. Ansonsten sollten Investoren kurzfristige Informationen über die Märkte und ihr Portfolio meiden und den Kontakt mit Personen, die mit zu vielen Handelsideen kommen, reduzieren.

Anleger sollten Regeln für ihr Portfolio aufstellen. Sie sollten versuchen, eine bestimmte Sparsumme im Jahr zu erzielen und vor großen Anlageentscheidungen einige Tage Zeit verstreichen zu lassen. Hilfreich sei auch ein Tagebuch, in dem Transaktionen und Anlageentscheidungen aufgezeichnet und verfolgt würden, um die Emotion aus Entscheidungen zu nehmen.

Wenn dies nicht helfe, sollten Privatanleger das Portfoliomanagement einem Vermögensberater übertragen oder Entscheidungen mit ihm gemeinsam fällen. Nach der Frankfurter Studie von Hackethal folgen diesem Rat überwiegend ältere, wohlhabendere und erfahrenere Investoren.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Wirtschaftskorrespondentin in London.

Jüngste Beiträge

31.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.264,38 −0,26%
 OK
01.06.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.264,38 −0,26%
FAZ-INDEX 1.364,39 −0,33%
TecDAX 751,01 −0,01%
MDAX 10.147,80 −0,59%
SDAX 4.823,45 +0,10%
REX 437,51 +0,02%
Eurostoxx 50 2.118,94 +0,13%
F.A.Z. EURO 68,54 −0,23%
Dow Jones 12.393,50 −0,21%
Nasdaq 100 2.524,87 −0,49%
S&P500 1.310,33 −0,23%
Nikkei225 8.542,73 −1,05%
EUR/USD 1,2366 +0,04%
Rohöl Brent Crude 101,62 $ −1,58%
Gold 1.558,00 $ +1,17%
Bund Future 145,92 € +0,31%