29.10.2011 · F.A.S.-Redakteur Patrick Bernau hat eine Griechenland-Anleihe. Jetzt soll er auf sein Geld verzichten. Geredet hat darüber keiner mit ihm.
Hallo, geht’s noch? Ich soll verzichten? Auf die Hälfte von meiner griechischen Staatsanleihe? Und das freiwillig? Ich glaub’, ich spinne. Das kann Frau Merkel drei Mal mit Herrn Ackermann in einer langen Mittwochnacht ausgekaspert haben. Nicht mit mir. Mit mir hat keiner geredet. Ich mache da nicht mit.
Dafür habe ich nicht meine griechische Staatsanleihe gekauft, vergangenes Jahr im April, als viele schon an Griechenland zweifelten. Ich habe noch gekauft - zum Preis von 839,50 Euro pro Anleihe. Das Versprechen war: Im Juli 2016 kriege ich 1000 Euro zurück. Zusammen mit dem laufenden Zins sollten das 6,8 Prozent Rendite im Jahr sein.
Viel wäre selbst das nicht, eine Anleihe von Heidelberg Cement ist sicherer und bringt mir noch mehr Zins. Aber ich habe Griechenland Kredit gegeben. Und jetzt soll ich auf die Hälfte von meinem Geld verzichten? Meine Anleihe eintauschen gegen eine neue, die auch von Griechenland kommt, aber nur halb so viel wert ist? Nein, liebe Leute. So nicht.
Bisher hätte ich nur auf 21 Prozent verzichten sollen. Das hieß es nach dem Euro-Gipfel im Juli. Da hätte ich mitgemacht, ich wäre ungefähr plus/minus null herausgekommen. Aber noch bevor die Umtauschformulare fertig waren, war das Angebot vom Tisch. Stattdessen gibt es jetzt diese neue Idee.
Und ich kann mir nur aus Gerüchten zusammenreimen, dass das Umtauschangebot nicht nur für die Banken gilt, sondern dass auch ich ein „privater Gläubiger“ sein soll. Die Rettung nervt mich langsam. Ständig geht es hin und her, und immer wird mein Geld weniger. Macht das mal ohne mich.
Jetzt werde ich beschimpft. Ein „Trittbrettfahrer“ soll ich sein, wenn ich nicht auf mein Geld verzichte. Das ist Politikerdeutsch für: ein egoistischer Finanzspekulant, der seine eigenen paar Euro über das Wohl von Griechenland stellt. So etwas muss ich mir jetzt vorwerfen lassen!
Dabei war ich mal einer von den Guten. Ich habe den Griechen geholfen, damals, als die Krise schon begonnen hatte. Als die Angst wuchs und niemand sonst mehr Griechenland Kredit geben wollte. Damals war ich mutig. Ich habe eine Anleihe gekauft und mitgeholfen, die Zinsen auf Griechenlands Staatsschulden zu drücken. Ich habe genau das getan, was die Politiker von mir wollten - damals. Bis 2013 sei Griechenland sicher, haben sie gesagt. Finanzminister Schäuble hat es versprochen: „Es geht nicht um Umschuldung, das ist kein Thema.“
Ich habe ihm geglaubt, dem Herrn Schäuble. Habe mich darauf verlassen, dass er Griechenland nicht fallenlassen wird, sondern dass er es rettet. Mit meinem Steuergeld natürlich. Das war der andere Grund für meinen Kauf - die Anleihe war eine Art Versicherung: Wenn Schäuble die Griechen rettet, bekomme ich mein Geld über die Anleihe zurück.
Aber auf die Politiker ist ja kein Verlass. Das sagt inzwischen sogar Martin Blessing, der Commerzbank-Chef, der immer noch vom Staat mitfinanziert wird. Der ist genauso sauer auf die Politiker wie ich. „Wenn heute noch mal ein Politiker zu mir käme und verlangte, wir sollten unsere Staatsanleihen in den Büchern halten, dann antworte ich: Trau, schau, wem“, hat er gesagt. Und er hat recht.
Jetzt tun die Politiker so, als wäre Griechenland gerettet, wenn nur wir Gläubiger auf unser Geld verzichten. Aber dem gehe ich nicht auf den Leim. Rechnen wir’s doch mal durch: Bei uns, den Banken und privaten Gläubigern, liegt nur noch rund die Hälfte der griechischen Staatsschulden. Sogar wenn wir alle den Deal mitmachen würden, hätte Griechenland immer noch 250 Milliarden Euro Schulden. 120 Prozent seiner jährlichen Wirtschaftsleistung! Mit so einer Schuldenquote sind schon angesehenere Länder in Schwierigkeiten gekommen.
Jetzt müssten die Staaten Griechenland Schulden erlassen. Aber die ziehen sich aus der Affäre. Sicher, die Politiker reden immer davon, dass sich die Staaten an der Rettung „beteiligen“. Aber das heißt nur: Sie geben noch einen Kredit. Das habe ich schon längst getan. Wenn ich mich „beteiligen“ soll, dann meinen die Politiker: Ich soll auf meine Rückzahlung verzichten. Sie selbst machen das nicht.
Der Internationale Währungsfonds, die Europäische Zentralbank - sie alle werden ihre Anleihen nicht tauschen, das haben sie schon gesagt. Am Ende macht die EZB wahrscheinlich noch Gewinn. Sie hat die Anleihen von den Banken mit hohem Abschlag eingekauft und kriegt sie am Ende zum vollen Preis zurückgezahlt.
Nur ich darf das nicht. Griechenland Geld zu leihen, dafür war ich gut genug. Aber jetzt, wo das Geld nicht zurückkommt, jetzt soll ich den Verlust tragen, und die EZB hat den Gewinn. Da werden ja sogar die Chinesen besser behandelt! Als der Chef des Rettungsfonds am Freitag nach China geflogen ist, hatte er für seine Gesprächspartner ein anderes Angebot dabei. Das heißt: Wenn ihr uns beim Retten helft, dann teilen wir uns den Gewinn, falls es einen gibt- und falls es einen Verlust gibt, übernehmen den erst mal wir.
Ich will so einen Deal auch. Doch mir drohen sie, die Politiker. Aus den Hauptstädten hört man leise die verklausulierte Überlegung: Wenn ich meine Anleihe nicht tausche, dann werde ich zum Verzicht gezwungen. Dann ändern die Griechen den Anleihenvertrag einseitig - so dass ich viel weniger Geld zurückbekomme oder viel später. Rein rechtlich können sie das, denn meine Anleihe steht unter griechischem Recht. Da muss nur das griechische Parlament ein neues Gesetz beschließen.
Trotzdem - ich glaube nicht, dass sie das durchziehen. Denn damit würden sie mich zum Verzicht zwingen. Und vor dem Zwang sind sie noch immer zurückgeschreckt wie eine Katze vor der Badewanne: Sie spielen damit, sie machen mal eine Welle, aber wenn’s ernst wird, halten sie sich fern.
Denn so ein erzwungener Schuldenschnitt ist gefährlich. Wenn ich zum Verzicht gezwungen werde, dann werden vielleicht die Kreditversicherungen für die griechischen Anleihen fällig. Das sind die berüchtigten „CDS“, die sogar Superinvestor Warren Buffett nach der Finanzkrise als „Massenvernichtungswaffen“ bezeichnet hat.
Keiner weiß, was passiert, wenn die CDS fällig werden. Ob dann nicht noch irgendwo eine Bank umkippt, weil sie die Versicherungssumme zahlen müsste und das nicht kann. Deshalb haben die Politiker Angst vor dem erzwungenen Schuldenschnitt. Die Massenvernichtungswaffen - dieses Mal habe ich sie auf meiner Seite.
Also rege ich mich erst mal ab und warte. Bis das neue Umtauschangebot fertig ist, soll das Jahr vorbei sein. Wer weiß: Vielleicht ergeht es uns so wie nach dem vergangenen Gipfel, und alles ist schon vorher überholt.
Hervorragend dargestellt und analysiert – glänzend
geschrieben
Dieter Spethmann (dspeth)
- 30.10.2011, 14:25 Uhr
Dies beweist: Insolvenz ist die beste Lösung
Armin Schindler (armin.k)
- 30.10.2011, 14:08 Uhr
Jeder deutsche Steuerzahler MUSS fur Versaumnisse zahlen ...
Peter Slater (Wales-Rhondda)
- 30.10.2011, 14:06 Uhr
tschuldigung, aber
Peter Meier (xrantanplanx)
- 30.10.2011, 14:00 Uhr
Spielerei !
Lutz Grellmann (Lumi1)
- 30.10.2011, 13:38 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
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| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
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| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
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| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
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| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
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| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |