Italiens Präsident Giorgio Napolitano bemühte sich redlich, die Unsicherheit in seinem Land durch das politische Patt nach der Wahl kleinzureden. „Wir sind nicht krank“, versicherte der 87-jährige Politiker vergangene Woche bei seinem Besuch in Berlin. Er sei sich sicher, dass in den nächsten Wochen eine Regierung gebildet werde: „Italien hat den Kompass nicht verloren.“
Die Investoren an den internationalen Kapitalmärkten jedoch zeigten sich wenig beeindruckt: Sie verlangen seit der Wahl spürbar höhere Zinsen für italienische Staatsanleihen. Zuletzt lag die Rendite für Anleihen mit zehn Jahren Laufzeit bei 4,8 Prozent - dem höchsten Stand seit Oktober 2012. Ende Januar waren es nur 4,1 Prozent.
Viele Anleger dürften sich fragen: Kann man sich das zunutze machen? Immerhin gibt es auf deutsche Staatsanleihen derzeit nur mickrige 1,4 Prozent Zinsen. Da sind 4,8 Prozent auf Italiens Anleihen natürlich attraktiver. Entscheidend bei dieser Rechnung ist selbstverständlich, dass man sein Geld von Italien am Ende wiedersieht.
Ist Italien „too big to fail“?
Dazu könnte man eine Überlegung anstellen. Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), hat angekündigt, notfalls mit dem Ankauf südeuropäischer Staatsanleihen den Euro zu retten. Wenn man sich darauf verlassen könnte, dass die EZB im schlimmsten Fall einspringt, bevor Italien zahlungsunfähig wird und seine Staatsanleihen nicht zurückzahlt, könnte man als Anleger das Risiko eingehen und von den hohen Zinsen profitieren.
Immerhin gibt es offenbar große institutionelle Anleger, die so ähnlich kalkulieren. Vielen scheint Italien „too big to fail“, also zu groß, als dass die anderen Eurostaaten und die Notenbank es fallenlassen könnten, ohne den Euroraum insgesamt zu gefährden. So hatte die Allianz ihre Bestände italienischer Staatsanleihen bereits Ende vorigen Jahres aufgestockt: Sicher nicht, weil sie diese für unsicher hält. Und auch das Frankfurter Bankhaus Metzler hat wieder mit dem Kauf italienischer Staatsanleihen begonnen. „In Italien bestehen durchaus Anlagechancen“, argumentiert Frank Naab, Leiter Portfoliomanagement für das Private Banking bei Metzler.
Wer jetzt italienische Staatsanleihen kauft, muss allerdings aushalten können, dass die Kurse noch heftig schwanken können. „Die politische Situation bleibt unübersichtlich. Wir sehen das Risiko weiter fallender Anleihekurse“, sagt Peter Reichel vom Hamburger Bankhaus Berenberg. Dazu könnte auch eine Absenkung des Ratings Italiens beitragen, über die schon diskutiert wird. Die große Frage aber ist: Was passiert in den nächsten Jahren? Wenn Anleger jetzt in italienische Staatsanleihen investieren und sie bis zur Fälligkeit halten, können ihnen zwischenzeitliche Kursschwankungen ja eigentlich egal sein.
Die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs hat verschiedene Szenarien durchgespielt, wie es mit Italien weitergehen könnte - und was das für die Kurse der Staatsanleihen bedeuten würde. Die Analysten der Bank kommen zu dem Schluss, es sei am wahrscheinlichsten, dass die Bildung einer Regierung über kurz oder lang doch gelingt. Allerdings mit einer engen Agenda - und einer begrenzten Lebensdauer. Für diesen Fall würden die Renditen italienischer Staatsanleihen zunächst „volatil bleiben“. Am Ende aber würden sie sich bei Werten aus den Tagen vor der Wahl stabilisieren, zwischen 4,15 und 4,4 Prozent.
Bei Neuwahlen in Italien hingegen würden die „Spreads“ größer, also die Abstände zwischen italienischen und deutschen Staatsanleihen. Die italienischen könnten 5,5 Prozentpunkte über den deutschen liegen - bei knapp sieben Prozent. Einem Wert, der auf Dauer als schwer tragbar gilt. „Unter diesen Umständen könnte eine Übergangsregierung in Italien die Eurogruppe und die Europäische Zentralbank um Hilfe bitten“, meinen die Experten von Goldman Sachs.
Wenn aber die Europäische Zentralbank um Hilfe gebeten wird, dann ist die große Frage, wie sie reagiert. EZB-Präsident Draghi hatte mit seiner Ankündigung, den Euro zu garantieren, die Krise beruhigt. Auf diesem Versprechen ruht im Augenblick gleichsam die Stabilität der Eurozone. Was aber passiert, wenn ein Land tatsächlich davon Gebrauch macht? Wenn es den „Draghi-Put“ zieht, wie es Gertrud Traud formuliert, die Chefvolkswirtin der Helaba?
Unter einem „Put“ versteht man das Recht, ein Wertpapier zu einem bestimmten Preis zu verkaufen. Der „Draghi-Put“ ist also gleichsam die Option für Europas Krisenstaaten, ihre Anleihen notfalls an die Europäische Zentralbank veräußern zu können. Bedingung bei diesem Versprechen war, dass ein Land vorher einen Hilfsantrag beim europäischen Rettungsfonds gestellt hat. Wie hoch diese Hürde ist, das ist umstritten. Die Commerzbank hat in einem Szenario durchgespielt, dass die Italiener lediglich Kreditlinien beim Rettungsfonds beantragen könnten statt eines großes Hilfsprogramms.
Die damit verbundenen Auflagen könnten weicher sein. „Italien müsste nur glaubhaft machen, die meist laxen Vorgaben der EU-Kommission zum Abbau makroökonomischer Ungleichgewichte und zu hoher Haushaltsdefizite zu beachten.“ Wenn die Notenbank aber für Italien einspringt, indem sie immer wieder die Staatsanleihen des Landes übernimmt, kann das gravierende Folgen haben: Zwar kann Italien seine Schulden weiter bedienen. Unter Umständen verdient die EZB mit den Staatsanleihen sogar Geld, wie das im vergangenen Jahr schon der Fall war. Aber der Preis einer solchen Politik könnte über kurz oder lang Inflation sein.
Der Haken für Privatanleger
Das könnten Anleger, die jetzt italienische Staatsanleihen kaufen, in ihr Kalkül einbeziehen: Wenn sie Glück haben und ihre Rechnung aufgeht, können sie sich einen Teil des Geldes, das sie durch die Inflation verlieren, durch höhere Zinsen auf ihre italienischen Staatsanleihen wiederholen. Wenn die Sache aber schiefgeht und Italien doch fallengelassen wird, dürfte Europa sowieso ganz andere Sorgen haben als ein paar Euro Verlust aus irgendwelchen Anleihen.
Für Privatanleger gibt es allerdings einen Haken bei dieser Spekulation: das ist die italienische Quellensteuer. Wer als Privatanleger italienische Staatsanleihen kaufen will, kann das über eine Bank machen. Die Anleihen werden dann etwa über die Börse in Mailand erworben. Wenn Zinsen fällig werden, behält die Bank gleich 12,5 Prozent Steuer ein. Man kann sich diese Quellensteuer zwar erstatten lassen (Formulare gibt es unter www.bzst.de). Das aber kann dauern - unter Umständen Jahre.
Eine weitere Möglichkeit: Man spekuliert mit Euro-Rentenfonds, die einen hohen Italien-Anteil aufweisen. Es gibt auch ETFs, die allein auf Italien setzen. Die Deutsche-Bank-Tochtergesellschaft db x-trackers etwa hat sie seit Ende vergangenen Jahres im Programm. Ein Zeichen, wie beliebt das Spekulieren auf die Zukunft Italiens in Deutschland schon geworden ist.
Darum
Christine Kirchhoff (katzedonnerwetter)
- 04.03.2013, 19:14 Uhr
das zeigt wie krank unsere Geld-Schein-Eliten sind
stefan pauly (stefano2051)
- 03.03.2013, 20:53 Uhr
Was denn nun?
Udo Lorenz (udolorenz)
- 03.03.2013, 17:59 Uhr
Alles halb so wild !
K. Peter Luecke (microplan2002)
- 03.03.2013, 15:38 Uhr
"Auch Draghi hat sich an Recht und Gesetz zu halten."
Gerold Keefer (solaris21)
- 03.03.2013, 12:18 Uhr
