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Veröffentlicht: 09.03.2017, 17:59 Uhr

Haftungsverbund HSH Nordbank ist großes Risiko für Sparkassen

Die Sparkassen in Deutschland haben für 7 Milliarden Euro Zertifikate der HSH Nordbank an Privatkunden verkauft. Das macht die angeschlagene Bank zu einem noch größeren Risiko.

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© dpa Die Unfallgefahr ist auf Baustellen groß.

Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), erweckt gerne den Eindruck, als müsse die deutschen Sparkassen eine mögliche Abwicklung der HSH Nordbank nicht groß kümmern. „Der DSGV sieht keine Grundlage für Spekulationen über die wirtschaftliche Situation der HSH und wirtschaftliche Konsequenzen für die Institute der deutschen Sparkassen-Finanzgruppe“, schrieb Fahrenschon vor kurzem in einem vertraulichen Brief an die Vorstände der knapp 400 deutschen Sparkassen. Doch Fahrenschons Beschwichtigungen darf man getrost bezweifeln.

Hanno Mußler Folgen:

Scheitert der von der EU-Kommission bis Februar 2018 angeordnete Verkauf der Bank, muss die HSH Nordbank abgewickelt werden. Eine solche Abwicklung birgt für die Sparkassen allerhand Risiken. Der Rufschaden unter den Kunden wäre enorm. Und der Haftungsverbund von Sparkassen und Landesbanken hätte in den Augen der Bankaufseher seine Untauglichkeit bewiesen, bisher gewährte Verbundvorteile dürften die Bankaufseher dann streichen. Verluste und höhere Eigenkapitalanforderungen für die Sparkassen wären die Folge.

Höhere Zinsen, höheres Risiko

Der Reihe nach: Die HSH Nordbank ist ein durchaus bedeutender Emittent von Investmentzertifikaten. 8 Milliarden Euro dieser besonderen Anleihen sind nach Informationen dieser Zeitung im Umlauf, 7 Milliarden Euro davon haben Sparkassen an Privatkunden überall in der Republik verkauft - und damit auch die Risiken.

Denn die HSH Nordbank stellt wegen ihrer Wirtschaftslage ein hohes Risiko dar. Sie muss deshalb höhere Zinsen als andere Landesbanken bieten. Ihre Zertifikate wirken lukrativ und werden deshalb oft denen anderer Landesbanken vorgezogen. Vor allem im Verbandsgebiet Westfalen-Lippe sollen viele Sparkassen die Zertifikate der HSH Nordbank ihren Privatkunden verkauft haben.

Müssen Sparkassenkunden Geld nachschießen?

Müsste die HSH Nordbank abgewickelt werden, würde die Bankenaufsicht nach dem Gesetz verlangen, dass die Gläubiger der insolvenzbedrohten Bank Geld nachschießen. Viele Sparkassenkunden dürften sich aber gar nicht bewusst darüber sein, dass sie mit ihren Zertifikaten nicht einen Fonds, sondern eine Inhaberschuldverschreibung und damit eine Anleihe besitzen.

Einige Sparkassen, die vor der Finanzkrise Zertifikate der 2008 insolvent gegangenen Bank Lehman Brothers verkauft hatten, litten jahrelang darunter. Ihr Ruf war ruiniert, und die Sparkassen entschädigten ihre Kunden später oft zumindest teilweise doch noch für die zunächst ausgebliebene Rückzahlung der Lehman-Zertifikate.

Norddeutsche Sparkassen könne nicht helfen

Bevor die Aufsicht im Fall der HSH Nordbank die Abwicklung anordnen und hoheitliche Maßnahmen wie einen Gläubigerkapitalnachschuss oder die Bildung einer Brückenbank („Bad Bank“) verlangen würde, wäre ohnehin die Sparkassen-Finanzgruppe gefordert. Schließlich gehört die HSH Nordbank neben den Mehrheitseignern Hamburg und Schleswig-Holstein auch zu 5 Prozent den Sparkassen in Schleswig-Holstein.

Diese Sparkassen sind aber finanziell so schwach, dass sie eine Eigenkapitalerhöhung der HSH Nordbank kaum werden leisten können. Aber alle deutschen Sparkassen und Landesbanken sind mit der HSH Nordbank in einem Haftungsverbund vereint. In dieser Schicksalsgemeinschaft versprechen sich die Mitglieder der Sparkassen-Finanzgruppe die „Institutssicherung“. Das bedeutet: Der Untergang eines Haftungsmitgliedes wird in jedem Fall verhindert, so die durchaus glaubwürdige Botschaft an die Kunden und Anleger der Sparkassen.

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Im Fall der im Vergleich zu den Sparkassen riesigen Landesbanken ist das Haftungsversprechen dagegen weniger glaubwürdig. Die sieben Landesbanken selbst haben in ihrer Sicherungsreserve für Stützungsfälle dem Vernehmen nach nur etwa 1 Milliarde Euro zurückgelegt. Aber der Haftungsverbund der Sparkassen-Finanzgruppe hat mehrere Kapitalbecken, aus denen insgesamt mehr als 4 Milliarden Euro an Eigenkapital zu Stützungsfällen fließen können.

Allerdings müssen die Gremien der Sparkassen-Finanzgruppe einer solchen Bankenrettung zustimmen. Nur ungern hatte deshalb Axel Hufeld, der Präsident der deutschen Bankenaufsicht Bafin, 2015 die Reformen im Haftungsverbund der deutschen Sparkassen und Landesbanken genehmigt. Zuvor hatten die westfälisch-lippischen Sparkassen eingelenkt und auf ein Vetorecht und einen Haftungsdeckel für Landesbankenhilfe verzichtet. Falls aber für eine insolvenzbedrohte Landesbank zu wenig Geld aus den Haftungstöpfen der Sparkassen-Finanzgruppe flösse und doch die Abwicklung angeordnet werden müsste, würden die Sparkassen ihre Privilegien verlieren, meinte Hufeld schon damals.

Wert des Haftungsverbund könnte in Frage stehen

Dann wäre Anlegern und Ratingagenturen vor Augen geführt, dass Sparkassen und Landesbanken eher keine wirtschaftliche Einheit bilden. Dies haben Bankenaufseher aber bisher unterstellt und regionale Verbünde aus kommunalen Sparkassen und Landesbanken teilweise behandelt wie Konzerne.

Deshalb müssen Sparkassen und Landesbanken untereinander vergebene Kredite und Beteiligungen an Gruppenmitglieder nicht mit Eigenkapital unterlegen. Hufeld nannte das 2015 „Verbundprivilegien“, die „irgendwann zweifellos“ von der Europäischen Zentralbank als neuer europäischer Bankenaufsicht kritisch geprüft würden.

Dann drohen der Sparkassengruppe zusätzliche Belastungen in dreistelliger Millionenhöhe. Der größte Teil entfiele auf die Sparkassen, denn sie halten deutlich mehr Anleihen der Landesbanken in ihrer Bilanz als umgekehrt. Für diese verbundinternen Kredite müssten sie anders als bisher Eigenkapital zurückhalten und könnten weniger Kredite vergeben. Die HSH Nordbank könnte dieses Szenario auslösen.

Wer für die HSH Nordbank bietet Bis Ende Februar mussten sich Interessenten für die HSH Nordbank bei den Bundesländern Hamburg und Schleswig-Holstein melden. Die Resonanz war offenbar größer als gedacht. Es fehle keiner, den man gerne dabeigehabt hätte, heißt es. So zählt dem Vernehmen nach auch die Norddeutsche Landesbank in Hannover zum interessierten Kreis, obwohl die Nord LB stark unter der Schifffahrtskrise leidet und ein Kaufinteresse an der HSH Nordbank stets zurückgewiesen hat. Die HSH Nordbank schreckt nicht zuletzt deshalb ab, weil sie 17 Milliarden Euro an Schiffskrediten in ihrer Bilanz hat. Aber womöglich will man sich in der Sparkassenorganisation mit der Nord LB als Bieter eine weitere Option schaffen, um den Verkauf der HSH Nordbank zu forcieren. Mit einem Verkauf wäre ein Einspringen des Haftungsverbundes der Sparkassen-Finanzgruppe oder sogar die drohende Abwicklung zunächst abgewendet. Am liebsten wäre es den Sparkassen wohl, wenn nicht die Nord LB, sondern andere Bieter für die HSH Nordbank zum Zuge kämen. So sollen Banken aus China sowie Finanzinvestoren interessiert sein. Ob sie aber im April wie dann gefordert tatsächlich Kaufangebote abgeben, steht in den Sternen. Würde die HSH Nordbank die Sparkassen-Finanzgruppe verlassen, wäre es spannend zu sehen, was mit ihrem 8 Milliarden Euro großen Zertifikategeschäft geschähe. Bevor 2012 die West LB abgewickelt wurde, hat die Landesbank Hessen-Thüringen dieses für das Privatkundengeschäft der Sparkassen wichtige Geschäft der West LB übernommen. ham.

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