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Sinkende Preise : Das Gespenst der Deflation

  • -Aktualisiert am

Die Deflation ist ein Schreckensszenario. Bild: Mauritius Images

In Europa haben alle Angst vor sinkenden Preisen. Insbesondere EZB-Chef Mario Draghi führt seit neuestem einen Krieg gegen eine drohende Deflation. Doch was soll an sinkenden Preisen eigentlich so schlimm sein?

          Mario Draghi hat prompt reagiert. Gerade seit einer Woche wusste die Welt, dass die Preise in Europa nur noch langsam steigen - um 0,7 Prozent zuletzt, die niedrigste Inflationsrate seit vier Jahren -, da kam schon Draghis Gegenschlag. Am vergangenen Donnerstag sprach der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) die magischen Worte: „Wir haben uns entschlossen, den Leitzins des Eurosystems auf 0,25 Prozent zu senken.“ Es gibt nun also noch billigeres Geld als sowieso schon, fast kostenlos. Und Draghi machte klar, dass das längst nicht alles ist. Es gebe weitere „Instrumente in der Artillerie“.

          Wer solche Worte verwendet, führt einen Krieg. Und Mario Draghi führt offenbar seit Neuestem einen Krieg gegen sinkende Preise. Das ist doppelt überraschend. Zunächst einmal hatte man sich doch gerade noch davor gefürchtet, dass bald die Inflation kommt. Und jetzt soll die Deflation kommen? Dazu kommt, dass der neue Feind bislang recht harmlos erschien: Wieso sollten sinkende Preise überhaupt schlimm sein? Man freut sich doch, wenn Benzin und Brot billiger werden.

          Das sehen auch manche Ökonomen so. Keinesfalls hatten die Geldexperten der Welt immer Angst vor sinkenden Preisen. Milton Friedman etwa empfahl 1969 sogar eine gewisse Deflation als optimale Politik der Zentralbank.

          Notenbanken streben leichte Inflation an

          Friedmans Ansicht hat sich nie durchgesetzt. Stattdessen streben die meisten Notenbanken der Welt heute eine leichte Inflation an. Es geht Angst um, sobald die Preise nicht gehorchen und zu sinken beginnen. Auch in der EZB. „Derzeit müssen wir uns mehr Sorgen um Deflation machen als um Inflation“, warnt der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, Peter Praet. Und Mario Draghi erwartet eine „verlängerte Zeit mit niedriger Inflation“, auch wenn er „im Großen und Ganzen“ derzeit keine Deflation sieht. Übersetzt heißt das: Die Deflation ist vielleicht noch nicht da, aber Vorsicht, sie ist im Anmarsch.

          Der Grund für diese weit verbreitete Angst vor sinkenden Preisen liegt weit zurück in der Vergangenheit. Es ist die Große Depression, die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre. Ganze Generationen von Forschern haben sich an ihr abgearbeitet. Ben Bernanke, Präsident der amerikanischen Notenbank Fed, nennt es „den Heiligen Gral der Ökonomie“, sie zu verstehen. Historisch gesichert ist: Damals sanken in vielen Ländern die Preise auf breiter Front, verbunden mit einer schweren wirtschaftlichen Depression.

          Diese Allianz mit dem wirtschaftlichen Elend hat dem Ruf der Deflation nachhaltig geschadet. Anfangs dachte man noch: Die Preise sanken eben wegen der Depression, es waren Anpassungen an die schwere wirtschaftliche Lage. Später fragte man sich: Kann es nicht andersherum sein? Dass nämlich die sinkenden Preise die Krise noch verschärft haben?

          Eine ganze Reihe bekannter Geldexperten ist heute genau dieser Ansicht. Allen voran Ben Bernanke. Er hat die verschiedenen Länder und ihre Geldpolitik in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise verglichen. Seine Erkenntnis: Länder, die sehr schnell eine lockere Geldpolitik verfolgten (indem sie den Goldstandard abschafften), verhinderten Deflation und kamen so schneller aus dem wirtschaftlichen Tief. Länder, die strikt blieben und dadurch in die Deflation gerieten, hatten es viel schwerer.

          Woran liegt es, dass die sinkenden Preise eine solche Wirkung hatten? Im Prinzip ist das für die Wirtschaft nicht so schlimm, wenn nur alle Preise gleichzeitig sinken. Also nicht nur die Preise für Brot und Benzin, sondern auch die Löhne, die Mieten, alles in gleichem Maße. In Wirklichkeit aber bleiben, so fand Bernanke, die Löhne erst einmal konstant, wenn die Preise sinken. Für die Beschäftigten ist das zunächst prima: Sie können sich für ihren Lohn mehr kaufen. Für die Firmen aber wird es schwierig. Sie geraten in die Klemme zwischen hohen Löhnen und geringen Einnahmen. Einige gehen pleite, anderen gelingt es, die Löhne langsam zu drücken. Beides führt dazu, dass die Leute sich noch weniger leisten können, also weniger einkaufen, was die Preise weiter senkt und die Wirtschaft weiter abwürgt.

          Dazu kommt, dass es in der Deflation denen gutgeht, die sparen - sie können sich für ihr Geld in Zukunft mehr kaufen. Also sparen die Leute mehr, geben weniger aus, was die Preise weiter senkt. Das kann in einer deflationären Spirale enden, der man schwer entkommt.

          „Deflation ist bedrohlicher als Inflation“

          In jüngster Zeit hat Japan gezeigt, was passiert, wenn sinkende Preise und eine dahindümpelnde Wirtschaft sich gegenseitig verstärken. Es sind diese beiden Schreckensszenarien, Japan und die Weltwirtschaftskrise, die Notenbanker im Kopf haben, wenn sie über die Gefahren der Deflation sprechen. Es ist die Angst davor, dass die Wirtschaft ihre Dynamik verliert. „Deflation ist bedrohlicher als Inflation“, sagt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, „weil sie schädlicher für die Wirtschaft und schwerer für die Zentralbank zu bekämpfen ist.“

          Aber stimmt das wirklich? Die Deutschen haben jedenfalls ihre Hyperinflation Anfang der 1920er Jahre viel deutlicher im kollektiven Gedächtnis als ihre Deflation nur wenige Jahre später. Und auch in der EZB sind offenbar nicht alle überzeugt, dass jetzt die Zeit ist, noch mehr Geld zu drucken. Der EZB-Rat hat die Entscheidung, die Zinsen zu senken, nicht einstimmig getroffen. Die beiden deutschen Vertreter samt ein paar anderer waren dagegen.

          Das ist nicht überraschend, eines gilt für die Deflation nämlich auf jeden Fall: Für Länder, die hohe Schulden haben, wie Griechenland oder Italien, ist Deflation besonders schlimm - denn es wird mit sinkenden Einkommen der Menschen immer schwerer, die Schulden zurückzuzahlen. Für Länder wie Deutschland hingegen, wo viel gespart wird, ist Deflation erst einmal positiv - mit dem Gesparten kann man morgen viel mehr kaufen als heute.

          Quelle: F.A.S.

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