Home
http://www.faz.net/-gv6-11zmb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Schwarzbuch Börse - Zertifikate „Fünf Sterne für Schrott“

04.02.2009 ·  Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger übt scharfe Kritik an Zertifikaten. Der Anleger erhalte miese Renditen von schlechten Schuldnern. Die meisten Produkte seien für den durchschnittlichen Anleger ungeeignet.

Artikel Lesermeinungen (0)

Das Schwarzbuch Börse der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) lässt auch in diesem Jahr an Zertifikaten kein gutes Haar. Der Anleger bekomme eine miese Rendite von schlechten Schuldnern, bemängeln die Anlegerschützer. Das Transparenzstreben des Verbandes sei undurchsichtig und die Emissionsbanken sicherten ihre Handelsgewinne durch ungerechtfertigte Stornierungen auf Kosten der Anleger ab.

So sieht die SdK als einen der Hauptnachteile die Tatsache an, dass die Emissionsbanken die Preise im Handel mit Zertifikaten festlegen, es also keine Bewertung von neutraler Stelle gebe. So werde es den Anbietern ermöglicht, unverhältnismäßig hohe Kosten zu verstecken. Die Marktkräfte von Angebot und Nachfrage seien außer Kraft gesetzt, ebenso der Wettbewerb.

Preisdiktat der Emittenten

Die meisten Produkte seien absichtlich so kompliziert strukturiert, dass sie nicht mit anderen vergleichbar seien. Der Anleger sei dem Preisdiktat des Emissionshauses ausgesetzt.
Die Margen genehmigten sich die Zertifikate begebenden Banken durch hohe Aufschläge auf den „fairen Wert“ der Produkte zu Beginn der Laufzeit. Hier könne der Anleger ja nur kaufen und dies sei ihm nur zu den überhöhten Preisen möglich.

Der Aufschlag auf den fairen Wert werde dann in den ersten Monaten der Laufzeit kontinuierlich reduziert. Spätere Verkäufer der Zertifikate bekämen dann nicht mehr den anfänglich überhöhten Preis zurück, sondern nur noch den fairen Wert. Noch tiefer gingen die Anbieter nicht, weil dann ja auch Käufer zu diesen günstigen Preisen einsteigen könnten.

Insolvenzrisiko nicht berücksichtigt
Ebenso bemängelt die SdK, dass das Emittentenrisiko in den Preisen der Zertifikate nur unzureichend berücksichtigt werde. Nach der Insolvenz von Lehman Brothers ist dies am Zertifikatemarkt zum großen Thema geworden, da zahlreiche Anleger verblüfft waren, Gläubiger der amerikanischen Investmentbank gewesen zu sein, ihre Zertifikate also rechtlich Schuldverschreibungen waren, und sie durch die Insolvenz ihr eingesetztes Kapital mutmaßlich komplett verloren haben.
So würde der Deutsche Derivate Verband (DDV) zwar mittlerweile die Bonitätsnoten und auch die Kreditausfallrisiken der Zertifikateemittenten veröffentlichen, erkennt die SdK an, dem Anleger erwachse aber aus einem höheren Risiko keine entsprechend höhere Rendite. So böten Produkte aus Häusern wie Goldman Sachs und Morgan Stanley, die besonders hohe Kreditausfallrisiken aufwiesen, keine bessere Rendite als Zertifikate von Anbietern mit einer deutlich geringeren Wahrscheinlichkeit der Insolvenz des Emittenten. Eigentlich müsse der Anteil die Produkte um den Bonitätsnachteil günstiger bekommen.

Willkürliche Handels-Stornierungen
Auch ist dem SdK aufgefallen, dass einige Zertifikatehäuser ihnen unliebe Wertpapiergeschäfte von Privatanlegern willkürlich als Misstrades haben deklarieren lassen. Die Misstrade-Bedingungen seien regelmäßig zugunsten der Emissionsbanken ausgestaltet. Dies sei auch kein Wunder, schließlich bestimmten die rund 30 Zertifikate-Emittenten neben den Eigenschaften und Preisen ihrer Produkte auch den Ort, an dem sie zum Handel zugelassen werden.

Die SdK gelangt daher zu dem Ratschlag, der Privatanleger möge Wertpapierbörsen im Zertifikatehandel meiden, da er dort keinen besseren Schutz genieße, jedoch Börsengebühren zahlen müsse. Die gestellten Preise seien im außerbörslichen Handel zudem oftmals identisch mit den Preisen an den Börsenplätzen und die Ausführungsgeschwindigkeit und -sicherheit seien außerbörslich sogar höher. Allerdings sollte der Privatanleger nur bei Anbietern handeln, die ihre Misstrade-Bedingungen öffentlich machten und hohe Misstrade-Schwellen auswiesen.

Verbandsinitiativen unzureichend
Die Initiativen des Zertifikateverbandes für mehr Transparenz hält die SdK für unzureichend. So sei die Unabhängigkeit des eingeführten Zertifikateratings durch die EDG zu bezweifeln. Das mit der Ermittlung des Ratings beauftragte Unternehmen werde von den Zertifikateemittenten, die ihre Produkte bewerten lassen wollen, finanziert. Details über den Rating-Prozess, der nach Verbandsangaben eine „Erhöhung der Vergleichbarkeit der Produkte“ herbeiführen und eine „verlässliche Selektion von Produkten mit guter Qualität“ ermöglichen soll, gebe es jedenfalls nur unzureichend.
Auch sei die Ausgestaltung des Ratings zu kritisieren, da die Produkte nur relativ zu ansatzweise vergleichbaren Zertifikaten bewertet würden, was aber wenig hülfe, wenn alle Produkte gleichermaßen für Anleger ungeeignet seien. So gebe es immer wieder die Höchstnote von fünf Sternen für Schrott.

Zertifikate für die meisten Anleger ungeeignet
Als „kurioseste Initiative“ hat die SdK die vom Verband entwickelte Checkliste für Anleger bezeichnet. Nur wer alle 18 Fragen mit Ja beantwortet solle demnach Zertifikate kaufen. Der Anleger müsse bestätigen, dass er den Verkaufsprospekt von oft mehr als 100 Seiten gelesen und verstanden hat. Auch soll er bejahen, die Struktur zum Beispiel eines hochkpmlizierten Grarantiezertifikats verstanden zu haben, dessen Zinskupon von der Entwicklung der sich am schlechtesten entwickelnden Aktie aus einem Korb japanischer Titel abhängt.
Die SdK kommt daher zu dem Schluss, dass die meisten Zertifikate für den durchschnittlichen Anleger ungeeignet seien. Nur wer über die nötigen theoretischen Grundlagen verfüge, eine gewisse technische Infrastruktur unterhalte und zudem sehr viel Zeit investiere, könne mit Zertifikaten sinnvolle Anlagestrategien umsetzen. Alle anderen sollten den Zertifikatemarkt meiden.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
25.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.339,94 +0,38%
 OK
25.05.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.339,94 +0,38%
FAZ-INDEX 1.377,69 −0,11%
TecDAX 752,47 +0,08%
MDAX 10.196,40 −0,34%
SDAX 4.817,28 +0,29%
REX 434,70 −0,15%
Eurostoxx 50 2.161,87 +0,25%
F.A.Z. EURO 69,61 +0,13%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
Nasdaq 100 2.527,05 −0,17%
S&P500 1.317,82 −0,22%
Nikkei225 8.580,39 +0,20%
EUR/USD 1,2515 −0,14%
Rohöl Brent Crude 106,90 $ +0,14%
Gold 1.569,50 $ +0,06%
Bund Future 144,35 € +0,25%