Klettert der Benzinpreis mal wieder, wächst der Zorn der Autofahrer, die Wut auf die Ölkonzerne nimmt zu. Dabei schwingt immer auch ein Vorwurf mit: Bezüglich der Preisbildung laufe es am Ölmarkt nicht mit rechten Dingen ab.
Sicher ist: Rohöl ist der wichtigste börsengehandelte Rohstoff und bewegt Volkswirtschaften auf der ganzen Welt. Auch die Preisbildung an den Rohstoffmärkten steht wieder im Fokus, zumal die Skepsis an den Finanzmärkten nach der Manipulation des Libor-Zinses zugenommen hat. „Eine Situation wie beim Libor ist im Weltölmarkt nicht möglich“, sagt Ölexperte Steffen Bukold vom Beratungsbüro Energycomment in Hamburg. Illegale Machenschaften seien zwar auch im Ölgeschäft nicht selten. So gebe es ständig Unternehmen in den Vereinigten Staaten, die Bußgelder zahlen müssten, weil sie zum Beispiel versuchten, Großhandelspreise für Benzin nach oben zu treiben. Doch Bukold argumentiert, dass die Preisbildung am Ölmarkt alles in allem transparent sei. „Im Vergleich zu anderen Gütermärkten wissen wir recht genau, wie der Preis zustande kommt, wer die Anbieter und Nachfrager sind.“
Preisagenturen spielen wichtige Rolle
Es gibt am Ölmarkt auch keine Situation, in der zum Beispiel wenige Banken daran beteiligt sind, einen Preis für den Goldmarkt festzustellen. Rohöl wird an Terminbörsen gehandelt, etwa in New York und London. Diese Preise zeigen, wie viel physisches Öl zur Lieferung zu einem bestimmten Zeitpunkt (etwa in einem Monat) kostet. Zudem existiert ein Spotpreis für Öl, also zur kurzfristigen Lieferung (innerhalb von wenigen Tagen).
Bei der Preisbildung am Ölmarkt spielen auch Preisagenturen eine wichtige Rolle, dazu zählen die Anbieter Platts aus den Vereinigten Staaten sowie Argus aus Großbritannien. „Die Mitarbeiter der Agenturen telefonieren täglich mit den Händlern weltweit, für Benzin an der amerikanischen Golfküste oder Gasöl in Singapur“, sagt Bukold. „Platts ermöglicht zudem auf einer eigenen virtuellen Plattform Versteigerungen von Ölprodukten wie zum Beispiel Diesel oder Jet Fuel.“
Ölpreis an der Börse spiegelt nicht tatsächlichen Bedarf
Solche komplexen Verfahren lassen den Eindruck entstehen, dass am Ölmarkt die Preisbildung beinahe ideal abläuft. Doch Bukold argumentiert, dass mit Blick auf Angebot und Nachfrage die Lage am Ölmarkt nicht ausgewogen sei. „Erstens ist Nachfrage nicht gleich Verbrauch“, sagt Bukold. „Wie viel Rohöl tatsächlich verbraucht wird, wissen wir stets erst mit einer Verzögerung von einigen Monaten.“ Und zweitens entstehe Nachfrage am Ölmarkt auch durch Finanzanleger an den Terminmärkten, insofern spiegelt der Ölpreis an der Börse nicht den tatsächlichen Bedarf. Noch wichtiger: „Auf der Angebotsseite gibt es kein freies Spiel der Marktkräfte, da ein Preisrutsch durch das Opec-Kartell verhindert wird.“
Die Opec, die Organisation der erdölexportierenden Länder, ist ein Kartell aus 12 Staaten, das rund 40 Prozent der Erdölproduktion auf der Welt kontrolliert und über drei Viertel der Ölreserven verfügt. Es gibt auch andere Anbieter und unabhängige Förderkonzerne, doch ihr Einfluss ist im Vergleich zur Opec gering. Die Opec kann durch Förderquoten die Menge des verfügbaren Öls steuern. Auf der Seite der Nachfrager stehen hingegen viele Millionen unorganisierter Verbraucher, seien es Autofahrer, die tanken, oder Unternehmen, die Öl für ihre Produktion benötigen.
Es gibt Tausende Ölsorten und entsprechend viele Preise, doch die wichtigsten Sorten sind das amerikanische WTI-Öl und die Nordseesorte Brent. In den vergangenen Jahren lagen die Preise für WTI und Brent stets eng zusammen, doch mittlerweile ist ein Preisabstand wie von derzeit rund 20 Dollar keine Seltenheit mehr. Der Preis für WTI-Öl wird im Mittleren Westen Amerikas gebildet. Dort sind die Öllager gut gefüllt, der Abtransport ist wegen fehlender Infrastruktur gering. WTI bekommt so eine eher lokale Bedeutung. Brent hingegen ist zunehmend knapp und entsprechend teuer. Und seine Bedeutung wächst. Der Preis der Nordseesorte steht mittlerweile für zwei Drittel des auf der Welt gehandelten Rohöls.
