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Veröffentlicht: 20.07.2016, 10:42 Uhr

Nach dem gescheiterten Putsch „Die Türkei ist auf Geld aus dem Ausland angewiesen“

Gescheiterter Putsch, Anschläge, Bürgerkrieg im Südosten: Die Türkei steckt in einer gewaltigen Krise. Die Aktienkurse befinden sich seit Jahresbeginn dennoch im Plus. Wieso eigentlich?

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© AP Und nun: Der Verkehr fließt zumindest wieder über die Bosporus-Brücken in der Millionen-Metropole Istanbul.

Der breite Aktienmarkt liegt seit Jahresbeginn um mehr als 6 Prozent im Plus, die größte Industrie-Holding des Landes hat an der Börse sogar rund ein Fünftel an Wert hinzu gewonnen: Dass diese Zahlen derzeit ausgerechnet die Türkei beschreiben, klingt erst einmal irreal.

Alexander     Armbruster Folgen:

Am Wochenende scheiterte ein Putsch von Teilen des Militärs, seitdem hat die Regierung des Präsidenten Tayyip Erdogan Zigtausende Staatsbedienstete in Verwaltung, Justiz und Militär ausgetauscht, freigestellt oder inhaftiert. Am Montag brachen die Aktienkurse an der Börse in Istanbul um bis zu 9 Prozent ein, die Währung und auch die Anleihepreise gaben hingegen vergleichsweise wenig nach. Seither tendieren die Kurse eher wenig verändert.

Und sogar nach dem Aktienmarkteinbruch infolge des erfolglosen Staatsstreichs haben Anleger in diesem Jahr bislang ihr Geld vermehrt, wenn sie es in türkische Titel gesteckt hatten. Die professionellen Investoren an den Finanzmärkten versuchen ihrem Job getreu trotz der furchtbaren Ereignisse irgendwie zu erfassen, wie es um die türkische Wirtschaft mittel- und langfristig steht.

Die Türkei muss Kapital importieren

Sebastian Kahlfeld zum Beispiel. Er ist Fondsmanager des DWS Türkei des zur Deutschen Bank gehörenden Vermögensverwalters Deutsche Asset Management. Auch er ist erschrocken über die aktuellen Entwicklungen, sagt aber auch nüchtern: „Hohe Volatilität ist gerade für längerfristige Anleger in der Türkei und in Schwellenländern insgesamt ja nichts Neues.“ In solchen Phasen „reagieren die Investoren häufig extrem, ohne zu differenzieren“ - und meint damit: Sie scheren während Panikphasen eben zum Beispiel alle Unternehmen über einen Kamm, obwohl je nach Branche und Firmengröße die Folgen der türkischen Krise sich durchaus unterschiedlich auswirken.

Und natürlich, erklärt Kahlfeld, steht die Türkei vor großen Herausforderungen, nicht erst durch den Putschversuch. Der Kämpfe zwischen der Armee und den Kurden im Südosten dauern an, das Land und seine Menschen erlitten mehrere Terroranschläge, zuletzt am Istanbuler Flughafen, und im Nachbarland Syrien herrscht weiter Krieg. Schließlich bleibt das Bestreben des Präsidenten, die Verfassung des Landes so zu verändern, dass er (noch) mehr Macht bekommt - was konkret daraus für Wirtschaft und Wohlstand folgen würde, weiß niemand so genau.

Ob Erdogan dies letztlich überhaupt gelingen wird, ist ebenfalls unklar. „Er wird es versuchen, aber es nicht schaffen“, sagt der renommierte Politikanalyst Ian Bremmer, Präsident des unabhängigen Analysehauses Eurasiagroup. Kurzfristig werde Erdogan gegen diejenigen vorgehen, die er als Bedrohung erachtet und die Opposition werde ihn gewähren lassen. „Er wird aber nicht in der Lage sein, diese vorübergehende politische Unterstützung in die Stimmen umzumünzen, die er braucht, um die Verfassung so zu ändern, wie er es vorhat. Erdogan möchte ein System in der Türkei installieren ähnlich wie Putin es in Russland getan hat, aber dieser Versuch ist zum Scheitern verurteilt“, schätzt Bremmer. 

Auch im aktuellen Umfeld gibt es gleichwohl in der Türkei Unternehmen, über die Anleger auch im Westen derzeit reden unter der Perspektive, dort möglicherweise einzusteigen. Da sind etwa die beiden größten Industrie-Konglomerate Koç und Sabancı. Die Koç-Gruppe ist gerade erst 90 Jahre alt geworden, die dahinterstehende Familie hat sich also schon in ganz verschiedenen politischen Konstellationen in der Türkei arrangiert, vor allem auch, in dem sie sich eher unpolitisch verhält.

Funeral of Mustafa Koc in Istanbul © dpa Vergrößern Staatspräsident Erdogan auf der Beerdigung des überraschend verstorbenen Mustafa Koç im Januar. Neben ihm steht Koçs Vater Rahmi.

Als das zur Koç-Gruppe gehörende Divan-Hotel in Istanbul vor drei Jahren Demonstranten in den Gezi-Park-Protesten aufnahm und behandelte, war die Regierung Erdogan zwar verstimmt. An der Beerdigung des überraschend verstorbenen Firmenchefs Mustafa Koç im Januar nahmen aber sowohl Erdogan als auch der damalige Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu teil.

Die beiden Holding-Gesellschaften Koç und Sabancı stehen zusammen für rund 10 Prozent der türkischen Wirtschaftsleistung, haben viele Tausend Mitarbeiter und verkaufen viel ins Ausland. Das macht sie weniger anfällig für innenpolitische Wendungen und könnte erklären, warum sich beide Titel in diesem Jahr an der Börse besser entwickelt haben als der gesamte türkische Aktienmarkt.

Zum Firmenimperium Koç gehört darüber hinaus ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem amerikanischen Autohersteller Ford, das Fahrzeuge für den türkischen Markt herstellt. Von der Politik hängt die Holding wiederum insofern ab, als dass sie auch Rüstungsgüter herstellt und Aufträge für die Armee abarbeitet, die wiederum selbst ein großer Wirtschaftsfaktor in der Türkei ist.

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Dem Medienunternehmen Doğan hat die Regierung wiederum schon mehrfach Steuerbehörden ins Haus geschickt. Dass dieser Wert zu Wochenbeginn der einzige Kursgewinner unter den wichtigen türkischen Werten war, schreiben Beobachter der Tatsache zu, dass sich Präsident Erdogan am späten Freitag auf dem Sender CNN Türk meldete, der von Time Warner und der Doğan-Gruppe betrieben wird.

Nachdem die türkische Regierung infolge des Putsches hart durchgreift, sorgen sich Wirtschaftsvertreter aus dem Ausland zunehmend um den wichtigen Nato-Staat. Portfoliomanager Kahlfeld sieht zumindest grundsätzlich einige Begrenzungen auch für die derzeitige Führung: „Die Türkei ist auf Kapitalimporte angewiesen und auch darauf, dass die Zinsen sowohl für den Staat als auch für viele kleine und mittlere Unternehmen nicht exorbitant steigen.“ Damit spielt er auf das Handelsbilanz-Defizit an in Höhe von 4 Prozent der Wirtschaftsleistung und darauf, dass die Türkei Öl einführen muss, dessen Preis ja auch wieder einmal stärker steigen könnte - die Teuerungsrate in der Türkei beträgt derzeit schon mehr als 7 Prozent.

Schließlich haben Ratingagenturen schon angekündigt, ihre Einschätzung der türkischen Kreditwürdigkeit zu überprüfen. Am Dienstag senkte die türkische Zentralbank den Zins für Übernachtkredite abermals, diesmal von 9 auf 8,75 Prozent.

© afp Internationale Kritik an Ankaras Reaktion auf Putschversuch

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