Home
http://www.faz.net/-gv6-6ka86
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
CIO View

Psychologie im Supermarkt Warum wir kaufen, was wir kaufen

Das Verhalten des Supermarkt-Kunden ist gut erforscht: Zu viel Auswahl lähmt ihn, Töne und Farben verführen ihn. 70 Prozent aller Entscheidungen fallen spontan - und am Ende kaufen wir mehr, als wir wollten.

© Valentine Edelmann Vergrößern

Haben Sie sich nach Ihrem letzten Supermarkteinkauf zu Hause gewundert, dass in Ihrer Tasche statt der Zwiebeln und Kartoffeln, die Sie eigentlich kaufen wollten, drei Flaschen Wein, eine Tüte Chips und eine Familienpackung Gummibärchen lagen? Grämen Sie sich nicht: Sie befinden sich in guter Gesellschaft. Unser Einkaufsverhalten folgt etwas eigenwilligeren Regeln, als das nach den Überzeugungen der klassischen Wirtschaftswissenschaft der Fall sein sollte. Für die ist klar: Der Kunde ist rational.

Lena Schipper Folgen:  

Dabei fallen 70 Prozent aller Kaufentscheidungen im Supermarkt völlig spontan. Das verdanken wir - neben unserer eigenen Impulsivität - vor allem einem Heer von Marketingexperten und Shopping-Forschern, deren einziges Ziel es ist, Supermärkte so zu gestalten, dass „der Kunde mehr kauft“ - das erklärte Ziel von Herb Sorensen, einem der bekanntesten. Deswegen sind die meisten Supermärkte mit diesem Ziel im Hinterkopf eingerichtet. Die Marketing-Gurus stützen sich in ihren Überlegungen auf die Erkenntnisse einer relativ neuen Richtung der Wirtschaftswissenschaft, der Verhaltensökonomik, die dem rationalen Homo oeconomicus so langsam aber sicher den Garaus macht.

Mehr zum Thema

Produktvielfalt weckt Interesse

Denn der müsste beim Gang durch den Supermarkt laufend Preise und Produkttypen vergleichen, um genau das zu finden, was ihn restlos glücklich macht. Je größer die Auswahl dabei, desto besser. In Wirklichkeit ist dieser rationale Kunde kaum mehr als ein frommer Wunsch der Ökonomen.

Warum wir kaufen, was wir kaufen 2. © Valentine Edelmann Vergrößern

Das zeigt sich sehr deutlich am Beispiel der größtmöglichen Auswahl: Die Verhaltensökonomin Sheena Iyengar, die an der Columbia-Universität lehrt, hat getestet, ob die Leute mehr kaufen, wenn sie mehr Auswahl haben, wie es von rationalen Kunden zu erwarten wäre. In einem großen Supermarkt in San Francisco bauten sie dafür einen Stand mit Marmelade auf, von der sie im Wechsel 6 und 24 Sorten anboten. Auf den ersten Blick schien sich die Vermutung zu bestätigen: Bei einem Angebot von sechs Sorten beachteten nur rund 40 Prozent der Kunden den Stand, bei 24 Sorten waren es über 60 Prozent. Produktvielfalt weckt Interesse. Die Ernüchterung kam im nächsten Schritt: Von denen, die das große Marmeladensortiment bewundert hatten, konnten sich am Ende nur drei Prozent dazu durchringen, auch ein Glas davon zu kaufen. Wer mit dem kleinen Sortiment konfrontiert worden war, entschied sich dagegen in 30 Prozent der Fälle für eine Sorte. Statt zum Kauf zu animieren, hat eine zu große Auswahl also offenbar eher einen lähmenden Effekt. Iyengar schätzt, dass wir höchstens zehn verschiedene Varianten beurteilen können, bevor unsere Urteilskraft aussetzt.

Gewohnheiten machen weniger anfällig für Reklame

Discounter machen sich diese Einsicht zunutze, indem sie nur ein begrenztes Sortiment anbieten. In normalen Supermärkten ist die Auswahl tendenziell eher zu groß. Deswegen müssen wir Strategien entwickeln, um mit diesem Informationsüberfluss umgehen zu können. Der Ökonom Dan Ariely von der Duke University in North Carolina hat herausgefunden, dass ein Großteil unserer Entscheidungen nicht auf dem direkten Vergleich von Preisen und Produkten beruht, sondern auf Gewohnheiten: Haben wir einmal eine Käsesorte gefunden, die uns schmeckt, kaufen wir danach immer dieselbe, ohne je wieder darüber nachzudenken. Oder wir greifen auf sogenannte „Heuristiken“ zurück: Bei hohen Preisen oder aufwendigen Verpackungen denken wir automatisch auch an höhere Qualität.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Weitere Nachrichten Online-Handel kühlt sich in einigen Bereichen ab

Rewe will die übrigen Kaiser’s-Tengelmann-Märkte nicht kaufen. Die Börse in Tokio erreicht ein neues 15-Jahres-Hoch. Mehr

23.03.2015, 06:38 Uhr | Wirtschaft
Skoda Fabia Combi Sparmobil für Sperrgepäck

Viel Platz für Gepäck, wenig für Sensationen. Wer sich für den neuen Śkoda Fabia Combi entscheidet, kauft sich ganz pragmatisch ein Vernunft-Paket für relativ kleines Geld. Mehr

02.02.2015, 16:29 Uhr | Technik-Motor
Aktienfonds für den Nachwuchs Besser sparen für die Zukunft der Kinder

Ob für Führerschein, Ausbildung oder erste Wohnung: Je früher und mutiger Verwandte Geld für den Nachwuchs anlegen, desto höhere Beträge kommen zusammen. Warum also kein Aktienfonds? Mehr Von Thomas Klemm

24.03.2015, 10:35 Uhr | Finanzen
Mittelalter-Fund Massengrab unter Supermarkt entdeckt

Die Mitarbeiter in diesem Pariser Supermarkt dürften gestaunt haben, als sie erfuhren, was sich unter ihren Füßen befindet. Ein Massengrab aus dem Mittelalter, entdeckt bei Renovierungsarbeiten im Keller. Mehr

11.03.2015, 17:30 Uhr | Gesellschaft
Die Vermögensfrage Welche Risikoklasse soll es sein?

Kunden, die sich für Wertpapiere interessieren, werden in Risikoklassen eingeordnet. Danach bestimmen sich die Produkte, aus denen ein Depot zusammengestellt wird. Mehr Von Rainer Juretzek

15.03.2015, 11:38 Uhr | Finanzen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 09.08.2010, 16:25 Uhr

Einziehen oder vermieten? Wohnungsspekulation für jedermann

Wer eine Wohnung kauft, kann selbst darin wohnen. Oder er kann sie vermieten. Was ist attraktiver? Wir haben das mal ausgerechnet. Mehr Von Dennis Kremer 18 18

Wertpapiersuche