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Private Finanzen Riester-Rente ist im Alter nur ein Tröpfchen auf den heißen Stein

05.09.2003 ·  Die Rentenreform ist nach Ansicht des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) gescheitert. Schon heute sei der Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung so hoch, wie eigentlich erst in 15 Jahren erwartet.

Von Volker Loomann
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Die Rentenreform ist nach Ansicht des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) in Köln gescheitert. Schon heute sei der Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung so hoch, schreibt das Institut im Internet, wie eigentlich erst in 15 Jahren erwartet. Trotzdem sei das Absinken des durchschnittlichen Rentenniveaus auf 58 Prozent des letzten Nettogehaltes absehbar. Fatal sei jedoch, daß es sich mit dem Sparverhalten der Bundesbürger genau umgekehrt verhalte. Bis Ende 2002 sind nach Angaben des DIA fünf Millionen "Riester-Renten" abgeschlossen worden, drei Millionen als Privatverträge und zwei Millionen in Form betrieblicher Altersvorsorge. Im Januar dieses Jahres haben 300000 Privatanleger ihre Riester-Verträge gekündigt. Dem stehen 200000 Neuabschlüsse der betrieblichen Variante gegenüber, so daß das Minus bei 100000 Verträgen liegt.

Die tiefere Analyse der Zahlen zeigt drei Dinge. Erstens: Das Wissen der Bevölkerung über die Altersvorsorge muß sehr gering sein, weil das Potential der förderfähigen Renten viel höher ist als die Zahl der abgeschlossenen Verträge. Zweitens: Das Vertrauen in die Riester-Rente hält sich trotz der Förderung in Grenzen, weil es erstaunlich ist, daß bereits nach so kurzer Zeit so viele Verträge wieder gekündigt worden sind. Drittens: Die Sparverträge sind trotz der Zulagen nur ein Tropfen auf den heißen Stein, da die private Sparleistung im letzten Jahr im Durchschnitt lediglich 15 Euro je Monat betrug. Sie wurden zwar durch die Zulagen monatlich um 10 Euro aufgestockt, doch mit 25 Euro je Monat lassen sich auf die Dauer - auch bei Laufzeiten von 30 oder 40 Jahren - keine Sprünge machen.

Vor diesem Hintergrund erscheint das ganze System fragwürdig. Der Arbeitsminister verteilt die wenigen Mittel mit der Gießkanne, doch die Arbeiter und Angestellten sparen offenbar gerade so viel Geld, um die maximale Förderung kassieren zu können. Damit ist freilich letztlich keinem gedient. Effizienter wären die steuerliche Absetzbarkeit der finanziellen Aufwendungen fürs Alter und die gerechte Besteuerung der Erträge, weil der richtige Umgang mit der privaten Altersvorsorge nicht nur die Fähigkeit erfordert, mit großen Zahlen umgehen zu können. Er setzt auch die mentale Bereitschaft voraus, unbequemen Dingen ins Auge zu sehen, ganz besonders der Tatsache, daß angemessene Versorgungsbezüge im Alter nur durch Konsumverzicht erzielbar sind. Hierzu gibt es keine Alternativen.

Diese schlichte Erkenntnis kommt auch in der Tabelle zum Ausdruck, hinter der sich ein Anleger verbirgt, der monatlich 5000 Euro verdient. Davon bleiben nach Abzug der Abgaben etwa 3000 Euro übrig. Die gesetzliche Rente wird, solange das System nicht aus den Fugen gerät, eines Tages monatlich 1500 Euro betragen. Die große Hoffnung, daß das Rentenniveau von heute 70 Prozent auf künftig 58 Prozent sinken wird, ist freilich auf Sand gebaut, weil die ganzen Hochrechnungen immer noch von dem Idealbild ausgehen, daß die Menschen mindestens 45 Jahre in die Rentenkasse einzahlen. Das ist ein folgenschwerer Trugschluß. Das Berufsleben ist kürzer geworden. Hinzukommt, und das ist wahrscheinlich noch viel schlimmer, daß in den nächsten Jahren einfach nicht mehr genügend Beitragszahler vorhanden sein werden, um die riesigen Ansprüche zu finanzieren.

Aus diesen Gründen gibt es nur die Möglichkeit, die Altersversorgung in die eigenen Hände zu nehmen oder im Alter den Gürtel enger zu schnallen. Das wird an folgenden Zahlen deutlich. Die heutigen Mittsechziger haben, wenn die Statistiken stimmen, noch 19 Lebensjahre vor sich, so daß sich erstens die Frage stellt, ob ein Rentner, der im Berufsleben monatlich 3000 Euro verdient hat, im Alter mit 1500 Euro zufrieden sein wird. Sollte das nicht der Fall sein, und dafür sprechen viele Gesichtspunkte, drängt sich zweitens die Frage auf, wie hoch die Gesamtrente sein soll, und es schließt sich drittens die Überlegung an, woher dieser Geldsegen kommen soll. Wenn der Anleger zum Beispiel die kompletten 3000 Euro auch im Alter haben will, muß er bei einem Abzinsungsfaktor von 3 Prozent je Jahr einen Kapitalstock von 262000 Euro anzapfen können. Das führt im Umkehrschluß dazu, daß aus dem Topf insgesamt 228 Monate lang jeweils 1500 Euro entnommen werden können.

Der Aufbau dieses Kapitalstocks ist jedoch, wie der Blick in die Tabelle zeigt, mit großem Aufwand verbunden. Bei einem abgerundeten Zielbetrag von 250000 Euro und einem Anlagezins von 3 Prozent nach Steuern muß bereits ein 40 Jahre alter Anleger monatlich 562 Euro zur Seite legen, um die Rentenfrage zu meistern. Wer ist aber mit 40 Jahren schon bereit, fürs Alter vorzusorgen? Die heutigen Vierziger zerfallen, stark vereinfacht gesagt, in zwei Gruppen. Die eine Fraktion baut auf Familie und Haus und tilgt Schulden, so daß (noch) kein Geld für die Altersversorgung vorhanden ist, und die andere Fraktion setzt auf Freizeit und Spaß und hat aus naheliegenden Gründen auch kein Geld.

Man kann die Sache nach allen Seiten drehen und wenden, wie man will: Altersvorsorge wird zum Thema, wenn die Leute alt werden. In vielen Fällen fängt die Einsicht nach dem 45. Geburtstag an zu reifen. Richtig ins Bewußtstein tritt das Problem aber frühestens Anfang der Fünfziger. Das muß nicht heißen, daß es nicht mehr lohnt, fürs Alter vorzusorgen. Genausowenig ist die Aussage korrekt, daß es jetzt teurer wird. Der Zinssatz beträgt immer noch 3 Prozent. Aufgrund der kurzen Sparzeit ist nur der Aufwand deutlich höher. Hier liegen die Sparraten bereits über 1000 Euro, und das ist mehr als ein Drittel des Nettoeinkommens. In jungen Jahren, wenn es um die Finanzierung des Eigenheims geht, sind solche Belastungen an der Tagesordnung. Doch im Alter nimmt die finanzielle Belastbarkeit stark ab, so daß die Hoffnung, das Sparziel zu erreichen, am seidenen Faden hängt.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird das Ziel nur erreichen, wer schon in früher Jugend gelernt hat, einen Teil seiner Einkünfte, zum Beispiel den Zehnten, auf die Seite zu legen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und 10 Prozent sind 10 Prozent, wobei es in psychologischer Hinsicht keine Rolle spielt, ob die Bemessungsgrundlage das Taschengeld, das Lehrgeld, das Startgehalt und der Managerlohn sind. Die strikte Sparquote hat in der Vergangenheit zu erstaunlichen Ergebnissen geführt, und es ist nicht einzusehen, warum dieses Rezept nicht auch in der Zukunft funktionieren soll. Auf keinen Fall dürfen die niedrigen Zinsen der Grund sein, das Ziel aus dem Auge zu verlieren. Die Altersversorgung ist ein Problem, und die Vorsorge bleibt ein Problem, bei dem der Staat im Grunde nicht helfen kann. Er könnte die Bedingungen durch geringere Steuern erleichtern. Doch die Einsicht und die Bereitschaft, fürs Alter vorzusorgen, bleiben reine Privatsache.

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.

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