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Plädoyer für den Versandhändler : Amazon ist immer für mich da

Hier wird mein Paket gepackt, damit ich nicht in das Gewimmel der Innenstadt gehen muss Bild: dapd

Unsere Autorin kann die dauernde Amazon-Schelte nicht mehr hören. Und setzt zur Verteidigung an.

          Manchmal mache ich mir wirklich Sorgen. Ernsthaft. Um dieses Land, um seine Wirtschaft und den Zustand seiner Bevölkerung. Meist sorge ich mich um unseren Zustand nur im Allgemeinen, doch seit vergangener Woche sind meine Sorgen sehr konkret geworden: Sie betreffen die Mitarbeiter bei Amazon und diejenigen, die gerade lautstark für sie eintreten. Ich frage mich speziell bei Letzteren, ob denen noch zu helfen ist. Leben die mittlerweile in einem anderen Land als ich? Vielleicht klingt das ja pathetisch, aber das will ich auch sein, die Gegenseite ist es ja schließlich auch.

          Nadine Oberhuber

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Gegenseite, das sind all diese Gewerkschafter und Verdi-Funktionäre, die dieser Tage durch Nachrichtensendungen laufen und in Mikrofone sprechen und alle nur eine Botschaft haben: Wir kämpfen für die armen deutschen Amazon-Beschäftigten und streiken mit ihnen. Denn es muss endlich Schluss sein mit der Ausbeuterei, die ein globaler Konzern auf Kosten seiner Mitarbeiter betreibt. Von unhaltbaren Arbeitsbedingungen ist die Rede und von Schikanen, von Niedriglohn und Leistungsdruck. Deshalb sei es nun endlich an der Zeit, ein „starkes Zeichen der Solidarität“ zu setzen. Und genau das täten die Gewerkschaften, indem sie den Beschäftigten einen Tarifvertrag erstreiten wollten.

          Nun wäre das nichts weiter als das übliche Wortgeklingel, mit dem die Gewerkschaften nur allzu gern versuchen, von ihrer wachsenden Bedeutungslosigkeit abzulenken und von ihren schwindenden Mitgliederzahlen. Irgendwie müssen sie sich ja schließlich noch als gesellschaftspolitisch relevante Gruppe gerieren. Von daher spielen sie sich gern als Retter der Belegschaft auf. Geschenkt! Das ginge mich als Nicht-Amazon-Mitarbeiter wenig an.

          Das personifizierte Böse

          Aber es geht hier längst um mehr. Inzwischen hat der Fall Amazon globalpolitisches Aufregungspotenzial erreicht. Zumindest bewegt er, so hat man den Eindruck, derzeit die ganze Republik: Beschäftigten-Sympathisanten rufen das Unternehmen dazu auf, „ein weltweit gültiges Abkommen über Mitarbeiterrechte zu unterzeichnen“, die Kanzlerin hat sich in der Sache eingeschaltet, Einzelhandelsverbände mahnen öffentlich zum Boykott des Ausbeuters, inzwischen sind sogar Kunden in den Streik getreten – in den Bestellstreik. Und jetzt schalten sich auch noch Vertreter der allerhöchsten Instanz ein: die Kirchen.

          Wie viele Weihnachtsgeschenke bleiben wegen des Streiks in den Auslieferungslagern wohl liegen? Bilderstrecke

          Weil sich Moraldebatten in der Vorweihnachtszeit besonders gut machen, reden mir nun seit Tagen Geistliche ernsthaft ins Gewissen. Sie fordern von mir, endlich mit „der Macht und Möglichkeit des Kunden ein Zeichen zu setzen“. Sie selbst hätten das natürlich längst getan, beschwören uns all die guten Menschen. Sie hätten ihre Kundenkonten gekündigt, denn „wir sorgen uns um die Weihnachtsgeschenke der Kinder von Amazon-Beschäftigten“ – deren Eltern sich wegen der Ausbeuterei ja nichts leisten könnten. Nun sollen auch Otto Normalkonsumenten dem System Amazon ein Ende bereiten, indem sie dessen Bestellknöpfe von ihren Rechnern verbannen. Amazon, bisher nur „Internetgigant“ oder „Weltkonzern“, ist jetzt das personifizierte Böse. „Unternehmen Gnadenlos“ war da nur ein Name, inzwischen habe ich den Zuhörvorgang abgebrochen.

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