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Ölpreis Keine Angst vor teurem Öl

29.08.2005 ·  Die durch den steigenden Ölpreis prophezeiten Belastungen für die Konjunktur sind geringer als befürchtet. Die Faustformeln, mit denen die negativen Prognosen berechnet werden, sind oft zweifelhaft.

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Bisher hat der steigende Ölpreis die Weltkonjunktur weniger belastet, als es Experten erwartet hatten: Älteren Studien und Schätzungen zufolge, die an der Börse noch als Faustformel genannt werden, hat ein Anstieg des Ölpreises um 10 bis 15 Dollar Wachstumseinbußen von etwa einem halben Prozent zur Folge. Bezogen auf den Preisanstieg in diesem Jahr, müßte man einen erheblichen Dämpfer für die Weltkonjunktur erwarten.

Wenn der Ölpreis 65 bis 70 Dollar pro Barrel im Durchschnitt bis zum Jahresende bleibe, sei ein Wachstum in Deutschland von einem Prozent 2005 nicht erreichbar, sagte der Konjunkturexperte des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Reinhard Kudiß, am Montag. Doch die Faustformeln, die auf dem Parkett gern herumgereicht werden, halten einer näheren Untersuchung kaum stand. „Diese Formeln stammen aus den siebziger Jahren, als zwei große Ölpreisschocks die Weltwirtschaft belastet haben - heute hingegen haben wir eine völlig andere Ausgangssituation“, sagt Sandra Ebner, Rohstoffanalystin der Dekabank. Sie geht davon aus, daß der steigende Ölpreis mildere Folgen haben wird als in den siebziger Jahren.

Berechnungsformeln sind nicht zeitgemäß

Ein weiterer Haken solcher Faustformeln ist, daß sie oft nicht auf das Niveau abstellen, von dem aus sich der Ölpreis erhöht: Ein Anstieg des Ölpreises von 20 auf 30 Dollar hat sicher andere Folgen als ein Anstieg von 70 auf 80 Dollar. Auch die Volkswirte der Hypo-Vereinsbank kommen in einer Untersuchung zum Ergebnis, daß die langfristigen Folgen des aktuellen Ölpreisanstiegs weniger dramatisch sein werden als bisher vermutet: In den Vereinigten Staaten und Deutschland verringere ein Ölpreisanstieg um 50 Prozent - das entspreche in etwa dem Anstieg in diesem Jahr - das Wachstum lediglich um rund 0,3 Prozentpunkte.

„Die älteren Schätzungen tragen nicht dem Umstand Rechnung, daß sich die Sensibilität, mit der die Wirtschaft auf Ölpreisänderungen reagiert, in den vergangenen Jahren abgeschwächt hat“, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank. So habe ein Anstieg des Ölpreises um 50 Prozent in der Ära der beiden Ölpreisschocks von 1973 bis 1982 das Wachstum der amerikanischen Volkswirtschaft jährlich um ein Prozent reduziert. In Deutschland war der Wachstumsverlust sogar niedriger als in Amerika, er belief sich auf 0,8 Prozentpunkte.

Keine Lohn-Preis-Spirale wie in den Siebzigern

Dies habe sich mittlerweile geändert: So haben die amerikanische und die deutsche Wirtschaft von 1996 bis 2005 auf den gleichen prozentualen Anstieg des Ölpreises - der im jahresaktuellen Durchschnitt einem Anstieg um 20 Dollar entspreche - nur noch mit einem Wachstumsverlust von jährlich 0,3 Prozentpunkten reagiert, rechnet Krämer vor. Die Ursachen für die abnehmende Empfindlichkeit der Konjunktur für steigende Ölpreise sieht Krämer in der geringeren Energieintensität der Volkswirtschaften sowie in der Tatsache, daß der Ölpreis nicht explosiv gestiegen sei wie in den siebziger Jahren. Zudem war der Ölpreisanstieg auch von der steigenden Nachfrage aus Asien und der damit verbundenen guten Konjunkturentwicklung getrieben, welche wiederum auch das Exportwachstum der anderen Industriestaaten antrieb.

Darüber hinaus sind auch die sogenannten Zweitrundeneffekte eines Ölpreisanstiegs gesunken: In den siebziger Jahren wurden höhere Energiepreise mit höheren Lohnforderungen beantwortet, was zu einer Lohn-Preis-Spirale, höherer Inflation und damit zu steigenden Zinsen führte. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit in den meisten europäischen Staaten sei die Gefahr einer solchen Spirale gegenwärtig gering, glaubt Krämer. Da zudem der internationale Wettbewerb deutlich zugenommen habe, blieben die Unternehmen auf den höheren Energiekosten sitzen, anstatt sie auf ihre Kunden zu überwälzen.

Quelle: hbe. / F.A.Z., 30.08.2005, Nr. 201 / Seite 21
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