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OECD-Studie : Deutschland schont seine Reichen

Bei Alleinerziehenden und kinderlosen Singles bleibt vergleichsweise wenig im Portemonnaie Bild: dapd

Wer viel verdient, muss in Deutschland weniger Steuern und Sozialabgaben zahlen als anderswo. Dafür wird die Mittelschicht geschröpft.

          Brutto für netto – das ist der Wunschtraum jedes Angestellten. Und es gibt Länder, in denen sie tatsächlich fast ihr ganzes Gehalt ohne Abzüge behalten können: In der Schweiz und Luxemburg zahlen Familien im Schnitt gerade einmal vier Prozent Steuern und Sozialabgaben, wenn man die Familienförderung dagegenrechnet. Und es geht noch besser: In Tschechien und Irland haben Familien durch die staatliche Förderung am Ende sogar noch mehr als das Bruttogehalt.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Singles leben auf dem Papier vor allem in Chile und Mexiko paradiesisch – mit nur sieben und zehn Prozent Abgaben. Wenn nur die Gehälter und der Lebensstandard dort nicht so niedrig wären. Deutschland hingegen fällt im internationalen Vergleich unangenehm auf. Alleinstehende müssen hierzulande im Durchschnitt 40 Prozent an Staat und Sozialkassen abtreten, nur Belgien schröpft sie noch mehr. Auch deutsche Familien werden im internationalen Vergleich nicht gerade verwöhnt.

          Reiche profitieren von einer deutschen Besonderheit

          Aber viel entscheidender ist: Die Belastung ist äußerst ungleich verteilt. Denn Deutschland schont seine Gutverdiener. Bei hohen Einkommen liegt Deutschland nahe oder sogar unter dem Durchschnitt der OECD-Länder, während die deutschen Armen und die Mittelschicht viel mehr als in anderen Ländern zahlen müssen. Das hat die OECD in einer Studie zu Gehältern und Steuern ihrer Mitgliedstaaten gezeigt. Die Organisation vertritt 34 meist hochentwickelte Volkswirtschaften, also vor allem EU-Staaten, Nordamerika, Japan und Australien.

          Natürlich zahlen die Reichen auch in Deutschland mehr als die Armen. Aber sie profitieren von einer deutschen Besonderheit. Abgaben für die Sozialversicherungen sind auf einen Maximalbetrag begrenzt. Wer mehr verdient, muss dann anders als im Ausland nicht mehr zahlen. Und so nähern sich die Kurven für die Abgabenquoten Deutschlands und der OECD-Länder insgesamt mit steigenden Einkommen immer mehr an, und die deutsche Kurve fällt dabei sogar leicht (siehe Grafiken).

          Bilderstrecke

          Diese Maximalbeträge werden durch die sogenannten Beitragsbemessungsgrenzen festgelegt, die jährlich leicht steigen. Das heißt, Beiträge zur gesetzlichen Kranken- und Pflegekasse werden nur für ein Einkommen von höchstens 48.600 Euro im Jahr berechnet. Für Rente sowie Arbeitslosenversicherung werden Beiträge nur bis zur Summe von 71.400 Euro verlangt. Wer mehr verdient, wird im internationalen Vergleich also bevorzugt. Hinzu kommen Vorteile für Verheiratete, denn dann wirkt das deutsche Ehegattensplitting stärker als im Ausland. Besonders groß ist die Steuerersparnis, wenn nur einer der beiden Partner arbeitet.

          Das heißt: Reiche deutsche Eheleute nähern sich dem OECD-Durchschnitt stärker an als reiche Singles. Je gleicher die Einkommen der beiden Partner allerdings sind, desto geringer ist die positive Wirkung des Splittings. Sogar leicht unter dem OECD-Durchschnitt liegt die Abgabenquote bei deutschen Alleinverdiener-Ehepaaren, die noch Kinder haben. Dort wirkt dann zusätzlich die Familienförderung, zum Beispiel über Kinderfreibeträge. Das ist auch ein Grund dafür, dass Alleinstehende mit Kindern bei hohen Einkommen näher am OECD-Durchschnitt liegen als ohne Kinder.

          Am stärksten trifft es Alleinerzieher mit geringem Einkommen

          Umgekehrt sind deutsche Alleinerzieher mit geringem Einkommen im Vergleich zum Ausland der am stärksten belastete Familientyp. Gleich danach kommen die kinderlosen Singles mit geringem Einkommen. Für Deutschland insgesamt gilt: Die Abgabenquote ist hoch, vor allem für Alleinstehende. Das liegt weniger an den Steuern als an den hohen Sozialabgaben. Dies führt dazu, dass Deutschland bei den Bruttoeinkommen die Nummer vier der 34 OECD-Länder ist – nach der Schweiz, Norwegen und den Niederlanden und noch leicht vor Luxemburg. Aber bei den Nettoeinkommen fällt Deutschland dann weit zurück auf Platz zehn.

          Auffallend ist auch: Die Euro-Krisenstaaten in Südeuropa haben trotz der Steuererhöhungen im Zuge ihrer Haushaltssanierung keine besonders hohe Belastung. Griechenland, Portugal und Spanien liegen bei den Steuern und den Sozialabgaben für die Arbeitnehmer unter dem OECD-Schnitt, erst inklusive der hohen Abgaben für die Arbeitgeber rutschen diese Länder über den Durchschnitt. Griechenland fällt dabei auf: Die Steuerquote ist nur halb so hoch wie im OECD-Schnitt. Dafür werden aber Familien stärker belastet als Singles – das gibt es in keinem anderen OECD-Land.

          Steuerquoten vergleichen reicht nicht

          Selbst Frankreich bleibt trotz der Steuererhöhungen unter Präsident Hollande mit seiner Steuerquote unter dem OECD-Schnitt und auch unter dem deutschen Niveau. Im Nachbarland belasten aber die hohen Sozialabgaben für die Arbeitgeber. Besonders hohe Einkommensteuern gibt es hingegen in Dänemark, Island und Australien. Dafür sind die Sozialabgaben dort sehr gering. Neuseeländer müssen gar nichts für die Sozialversicherung bezahlen, dafür liegt die Steuerlast auf deutschem Niveau. Das zeigt: Ein reiner Vergleich der Steuerquoten führt in die Irre. Sozialabgaben und auch die gezahlten Sozialleistungen müssen einbezogen werden.

          Aber auch dann hinkt der Vergleich noch: Geringe Sozialabgaben bedeuten auch, dass die Bürger selbst viel für Alter, Gesundheit und Bildung vorsorgen müssen. Das ist in angelsächsischen Ländern der Fall, aber auch in der Schweiz, wo die Menschen anders als in Deutschland die Krankenkasse aus dem Nettolohn privat bezahlen müssen.Und die Beispiele Chile und Mexiko zeigen, dass niedrige Steuerquoten auch eine schwächere Infrastruktur bedeuten. Dies relativiert ein wenig die hohen Lasten der Deutschen.

          Quelle: F.A.S.

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