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Nach Italiens Wahlen Der Schock der Märkte

 ·  Nach der Wahl in Italien ziehen die Investoren ihr Geld aus dem Land. Eurokurs und Aktien fallen. Was genau stört Italiens Geldgeber an dem italienischen Patt?

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Die Finanzmärkte wollten es nicht glauben, bis die Realität Einzug hielt. Bis kurz vor Schließung der Wahllokale in Italien hatten sie auf einen Sieg reformorientierter Kräfte im Süden Europas spekuliert und die Kurse von Aktien und Euro nach oben getrieben.

Als sich dann das Patt immer deutlicher abzeichnete, gingen die Kurse in die Knie. Am Dienstag setzt sich die Bewegung fort. Der Dollarkurs des Euro ist seit Montagnachmittag um 2,4 Cent von 1,3312 Dollar auf 1,3072 Dollar gefallen. Damit nähert er sich einem Jahrestief. Auch gegenüber dem Schweizer Franken gab der Kurs der Gemeinschaftswährung deutlich von 1,2322 auf 1,2166  Franken nach.

Ähnlich das Bild an den Aktienmärkten: Der Dax gab von seinem Höchststand am Montag mittlerweile  3 Prozent nach. Das klingt allerdings dramatischer als es ist, er bleibt damit in der Handelsspanne dieses Monats. Anders der italienische FTSE-MIB-Index, der seit Montagmittag mehr als 7 Prozent verloren hat und damit seinen Kursrutsch fortsetzt. Mittlerweile hat der Index seit dem 17-Monats-Hoch Ende Januar ein Achtel seines Wertes verloren.

Vor allem die Rendite der zehnjährigen italienischen Staatsanleihe reagierte heftig. War sie am Vortag noch bis auf 4,20 Prozent und damit fast bis auf den niedrigsten Stand seit mehr als 2 Jahren gefallen, so rentiert sie derzeit mit 4,79 Prozent so hoch wie seit Dezember nicht mehr.

Warum Märkte die Unsicherheit hassen

Die Reaktion der Märkte kommt auch daher, dass das Wahlergebnis viel Unsicherheit mit sich bringt: Wird Italien weiter sparen oder nicht? Wenn die Lage unsicher ist, können die Investoren nicht abschätzen, wie sicher ihr Geld in Italien ist. Also halten sich viele zurück. Börsianer sagen dann: Die Märkte hassen Unsicherheit.

Zumal sie dieses Ergebnis schwer einschätzen können. Vor der Wahl hatten sich viele Investoren auf einen Gegensatz zwischen Bersani (gut) und Berlusconi (schlecht) eingerichtet. Die tatsächlichen Machtverhältnisse in Italien sind nun weitaus komplizierter, insbesondere aufgrund der Stärke der Protestpartei „Movimente 5 Stelle“ (M5S) des Komikers Beppe Grillo. Deren politischer Standpunkt ist, dagegen zu sein: Sie will keine Koalition, ist gegen alle anderen, gegen das System, gegen den Euro - viele Versprechungen, die als widersprüchlich bis illusorisch zu bezeichnen sind.

Kurzfristig überzogen, langfristig bedenklich

Ein derart fragmentiertes und heterogenes Parlament deute auf politische Fragilität hin, schreiben die Analysten der Investmentbank Morgan Stanley. Deswegen sei man vorsichtig, was die Reformfähigkeit Italiens angehe. Diese neue Vorsicht müsse sich in den Preisen erst widerspiegeln.

Doch nicht alle Investoren machen sich gleich riesige Sorgen. Kurzfristig sei die Marktreaktion überzogen, sagt Paul McNamara, Investmentdirektor bei der Fondsgesellschaft GAM. Er glaube nicht daran, dass Italien nun kurzfristig die Sparpolitik über Bord werfen werde. Doch selbst McNamara sorgt sich um italienisches Geld, wenn er weiter in die Zukunft blickt. Die Erfolge Berlusconis und Grillos zeigten, dass die Italiener die Sparpolitik der vergangenen zwei Jahre umfassen zurückwiesen. Die Sorge der Märkte sei, dass Italien sich grundsätzlich von der Reformpolitik verabschieden werde.

Investoren glauben nicht mehr an den Reformeifer

Die Hoffnung bleibt begrenzt. Die Investmentbank Morgan Stanley betrachtet als erfreulichstes Szenario eine stabile Bersani-Regierung, die sich an die Arbeit machen könnte. Doch auch deren Eifer hält die Bank für begrenzt. überschätzen. Zweifel gab es schon an Bersani selbst.

Dieser hatte zwar angekündigt, den Reformkurs der bisherigen Regierung fortzusetzen. Doch Bersani habe im Wahlkampf keine Vision entwickelt, um die wirtschaftlichen Probleme des Landes zu lösen, schrieb unlängst Jörg Krämer, Chef-Volkswirt der Commerzbank. In Bersanis Partei existierten sehr unterschiedliche wirtschaftspolitische Vorstellungen, ein Reformkonsens sei nicht erkennbar. Vielmehr gibt es auch in Bersanis Bündnis eine Mehrheit, die die Reformen Montis rückgängig machen möchte und lieber höhere Staatsausgaben oder sogar Verstaatlichungen wünscht.

Morgan Stanley rechnet in jedem Fall mit einer Verlangsamung des Reformtempos. Es werde wohl Liberalisierungen der Produktmärkte und noch einige Privatisierungen, doch die Fortschritte auf dem Arbeitsmarkt würden sich weiter verlangsamen. Schon der frühere Ministerpräsident Monti war mit einer Arbeitsmarktreform am Widerstand der Gewerkschaften gescheitert, so dass etwa Arbeitnehmer in italienischen Großunternehmen weiter kaum zu kündigen sind.

Also machen sich die Investoren wenig Hoffnungen darauf, dass Italiens Haushalt solider wird. Dann könnten italienische Anleihen unter Druck geraten, Italiens Zinsen (im Börsendeutsch: die Anleihenrenditen) würden steigen. Wer davor Angst hat, zieht schon mal sein Geld ab.

Keine guten Aussichten für den Euro

Im schlechten Fall rechnet Morgan Stanley damit, dass Italiens Renditen 3,5 Prozentpunkte höher liegen könnten als die deutschen, im Moment macht der Unterschied nur 3,05 Prozent aus. Wenn alles gut geht, könnten Italiens Renditen sich dagegen bis auf 2,65 Prozentpunkte an die Deutschlands annähern.

Auch vom Euro erwarten die Leute an den Märkten jetzt wenig Stärke. Eine Bersani-Monti-Koalition könne den Euro bis in den Bereich von 1,38 bis 1,40 Dollar aufwerten lassen, meint Hans Redeker von Morgan Stanley. Doch es gebe Risiken. Solange die Fortsetzung der Reformpolitik eine Option bleibe, werde der Druck auf den Eurokurs begrenzt bleiben. Verabschiede sich das Land davon, werde der Euro wohl mittelfristig deutlich abwerten.

Neubewertung Italiens und des Euroraums

An den Finanzmärkten findet derzeit eine Neubewertung italienischer Kapitalanlagen statt. Nach einer langen Seitwärtsbewegung hatte die Hoffnung auf einen Wahlsieg Bersanis vor allem den Aktienmarkt nach oben getrieben. Der FTSE MIB war zwischen November und Ende Januar um 20 Prozent gestiegen. Mit zunehmenden Berlusconi-Sorgen ging es dann wieder um 12,5 Prozent abwärts. Jetzt muss eine neue Situation eingepreist werden.

Die Durchschnittsrendite bei der Emission einer Anleihe mit einer Laufzeit von sechs Monaten stieg am Dienstag um einen halben Prozentpunkt auf 1,237 Prozent. Die Emission galt als erster Markttest nach der Wahl. Insgesamt nahm Italien 8,75 Milliarden Euro auf. „Die Rendite ist zwar deutlich höher, aber es wurde alles plaziert“, sagte ein Händler. Die Emission dürfe nicht überbewertet werden, da es sich lediglich um kurzlaufende Papiere handele. Ein weiterer Test steht der Regierung in Rom am Mittwoch bevor, wenn sie sich zwischen drei bis vier Milliarden Euro für zehn Jahre und zwischen 1,75 und 2,5 Milliarden Euro für fünf Jahre leihen will. Hier wird sich zeigen, wie die Kapitalgeber die Wahl aufnehmen.

Volatil werden die Märkte zunächst einmal bleiben. Das gilt für den gesamten Euroraum, da vor allem ausländische Anleger weniger stark differenzieren, weil sie nicht zuletzt auf die Wechselkursrelationen achten. Fällt der Eurokurs, werden Anlagen im Euroraum für sie unattraktiver, gleich ob in Aktien aus dem Dax oder dem FTSE MIB.

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Jahrgang 1964, Redakteur in der Wirtschaft.

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