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F.A.Z. exklusiv : Frankfurt hat im Brexit-Rennen die Nase vorn

Künftig das europäische Finanzzentrum? Frankfurt am Main – von oben. Bild: Klenner, Maria

Wohin zieht es die Finanzindustrie nach dem EU-Austritt der Briten? Eine F.A.Z.-Auswertung zeigt: Frankfurt konnte bislang die meisten Zusagen verbuchen – vor allem von amerikanischen Großbanken. Doch auch eine andere Stadt hat einen großen Vorteil.

          Knapp vier Monate nachdem Großbritannien den Austritt aus der Europäischen Union in Gang gesetzt hat, zeichnet sich immer mehr ab, wo für die Finanzindustrie die Reise hingehen wird. Und wie es aussieht, hat Frankfurt in diesem Rennen im Moment die Nase vorn. Das zeigt eine Auswertung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die meisten konkreten Zusagen konnte bisher Frankfurt verbuchen. Vor allem die amerikanischen Großbanken scheint es nach Frankfurt zu ziehen.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          So will Goldman Sachs seine bisherigen 200 Mitarbeiter am bisherigen Standort mindestens verdoppeln. Auch Morgan Stanley will seine bisherigen 200 Mitarbeiter auf 400 aufstocken, wie die F.A.Z. erfuhr. Daneben spielt auch JP Morgan Chase mit dem Gedanken, Frankfurt als neue Zentrale für ihr Investmentbanking auszuwählen. Die Bank of America blickt dagegen vor allem nach Dublin. Der Umzug weg aus London wird nötig, weil infolge des Brexits in London tätige Banken ab März 2019 eine Gesellschaft mit EU-Banklizenz benötigen, wenn sie ihre Produkte und Dienstleistungen in den verbleibenden 27 Staaten anbieten wollen.

          Standortvorteil durch hochqualifizierte Arbeitskräfte

          Der neueste Kandidat in diesem illustren Kreis ist die Citigroup, die unter anderem im Devisenhandel die Nummer eins der Welt ist. In Finanzkreisen heißt es, die Citigroup wolle die Zentrale für ihren Wertpapierhandel in der Europäischen Union am Main ansiedeln. Das amerikanische Institut bereitet sich damit auf den Brexit vor, der es für internationale Finanzdienstleister voraussichtlich schwerer machen wird, wie bisher von London aus Geschäfte in Kontinentaleuropa abzuwickeln. Großbritannien will die EU zwar erst im Frühjahr 2019 verlassen, doch wegen der langen Vorlaufzeit für Verlagerungen befassen sich die Banken schon jetzt mit konkreten Umzugsplänen.

          Erwartet wird, dass am Citi-Standort in Frankfurt auf längere Sicht 150 bis 250 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen. Zunächst dürfte die Anzahl der neuen Jobs aber niedriger sein. Bisher beschäftigt das amerikanische Institut in Frankfurt rund 360 Mitarbeiter. In Großbritannien arbeiten rund 9000 Citi-Banker. Die Bank hat angekündigt, in London, dem mit Abstand größten europäischen Finanzzentrum, solle weiterhin die Zentrale für Europa, Afrika und den Nahen Osten (EMEA) angesiedelt sein.

          Jim Cowles, der das Citi-Geschäft in der EMEA-Region leitet, hat schon im Februar im Gespräch mit dieser Zeitung mit Blick auf mögliche Brexit-Verlagerungen gesagt: „Deutschland zählt zu unseren Favoriten.“ Als Standortvorteile hob Cowles die „Professionalität“ der deutschen Finanzaufsichtsbehörde Bafin und das Angebot an qualifizierten Arbeitskräften hervor. Die Bank hat auch andere mögliche Standorte in Frankreich, Italien, Irland, Luxemburg, den Niederlanden und Spanien geprüft. Erwartet wird, dass Citi auch das Geschäft in Dublin ausbaut, wo die Bank schon gut 2500 Mitarbeiter beschäftigt.

          Neben den amerikanischen Banken haben auch schon einige japanische Banken ihre Entscheidung für Frankfurt bekanntgegeben. Dazu zählen Nomura und Daiwa Securities, die zusammen mehrere Dutzend Mitarbeiter nach Frankfurt verlegt werden. Auch die drittgrößte japanische Bank Sumitomo Mitsui FG plant, ihre Europa-Zentrale in Frankfurt aufzuschlagen. Die Schweizer UBS wird – auch wegen des Brexits – ihre Zentrale für die EU mit 1700 Stellen in Frankfurt aufschlagen. In Frankfurt sind die Schweizer, die hier unter anderem sehr stark im Aktienhandel sind, schon lange stark vertreten.

          Natürlich gehört auch die Deutsche Bank zu den Kandidaten, die ihren Hauptstandort in Frankfurt weiter ausbauen werden. So sprach unlängst Deutsche-Bank-Vorstand Sylvie Matherat davon, dass aus London bis zu 4000 Stellen des größten deutschen Geldinstitutes abwandern werden – und die Mehrzahl davon wohl nach Frankfurt.

          Nach F.A.Z.-Informationen hat sich der Vorstand der Bank kürzlich mit dem Thema befasst. Wie in anderen Banken auch wird das Ausmaß der Verlagerungen von den konkreten Vereinbarungen abhängen, die zwischen Großbritannien und der Europäischen Union getroffen werden. Allerdings steht außer Zweifel, dass die Deutschen ihr Geschäft mit europäischen Firmenkunden von London an den Main verlagern wird. Diese Verlagerung wird auch die Abwicklung von Wertpapiergeschäften und einige unterstützende Tätigkeiten wie die Risikokontrolle umfassen. Im Zuge dieses Prozesses dürfte die Deutsche Bank auch ihr Handelsgeschäft in Deutschland ausbauen. Allerdings wäre es nicht zutreffend, Frankfurt als künftiges Handelszentrum der Deutschen Bank zu bezeichnen.

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          Der Branchenverband Frankfurt Main Finance erwartet, dass bis Jahresende die Verlagerung von rund 1000 Arbeitsplätzen durch Banken bekanntgegeben wird. Aber das sei nur der Anfang: „Auf Sicht von fünf Jahren kann Frankfurt durch den Brexit mit 10.000 neuen Stellen rechnen“, sagte Geschäftsführer Hubertus Väth der F.A.Z.. Doch die Zahl ist vorerst mit Vorsicht zu genießen, denn natürlich ist es die Aufgabe von Väth, gute Stimmung zu verbreiten. Konkret angekündigt wurden bisher rund 2500 Stellen. James Amine, der das Investmentbanking der Credit Suisse leitet, glaubt, dass Frankfurt „durch den Brexit die meisten Arbeitsplätze in der Finanzbranche hinzugewinnen wird“. „Durch den Brexit werden in den nächsten zwei Jahren 3000 bis 5000 neue Arbeitsplätze in Frankfurt entstehen“, schätzt Stefan Winter, Vorstandsmitglied der UBS.

          Härtester Konkurrent für Frankfurt scheint im Moment Dublin zu sein. Während für Frankfurt die Nähe zur Europäischen Bankenaufsicht spricht, ist es für Dublin die Sprache sowie die Ähnlichkeit mit den britischen Bankenregeln.

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