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Mittelstandsanleihen Die erste Insolvenz

 ·  Mit dem Windtürmebauer SIAG Schaaf ist der erste Emittent einer Mittelstandsanleihe insolvent. Es dürfte nicht der letzte sein. Kandidaten gibt es genug.

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Niemand konnte ernsthaft annehmen, dass unter den zahlreichen Emittenten von Mittelstandsanleihen keiner sein würde, der seine Anleihe nicht würde bedienen können, noch bevor diese zur Tilgung anstünde. Nun hat es den ersten erwischt: Der Windkraft-Zulieferer Siag Schaaf Industrie wird an diesem Montag beim Amtsgericht Montabaur Insolvenzantrag stellen.

SIAG baute Türmen sowie Maschinen- und Generatorträger für Windkraftanlagen sowie Gründungsstrukturen für Windkraftanlagen im Meer, zudem eine schwimmende Umspannplattform. Just dieses Geschäft ist derzeit in der Krise, vor allem die Skepsis über eine schnelle Anbindung der Windparks an das Festland wächst von Tag zu Tag. Das macht es schwierig, für die an diesen Projekten Beteiligten, eine ausreichende Finanzierung zu erhalten, weil die Amortisationsdauer der Investitionen ungewiss ist.

Ungünstige Voraussetzungen in einem Krisenmarkt

Im Falle SIAG waren die Voraussetzungen ungünstig. Zum einen ist das Unternehmen klein und verzeichnete 2010 auch noch einen Rückgang der Gesamtleistung auf 133 Millionen Euro sowie einen operativen Verlust von 3,7 Millionen Euro. Der Auftragseingang war zusammengeschmolzen.

Gleichzeitig setzte SIAG auf Wachstum, übernahm in den Vereinigten Staaten den Turmbauer Aerisyn Energy, gründete in Ägypten in Form eines Gemeinschaftsunternehmens mit El Sewedy Cables ein Rohrturmwerk und kaufte für einen Euro von Thyssen-Krupp die auftragslose Werft Nordseewerke.

Emission mit Hindernissen

2011 verzeichnete SIAG zwar einen Rekordauftragseingang, doch das finanzielle Fundament war schwach. Dieses wollte man mit der Anleihenemission Ende Juni 2011 verbessern. Doch die schwache Eigenkapitalausstattung führte dem Vernehmen nach dazu, dass auf Mittelstandsanleihe spezialisierte Emissionshäuser nicht zu gewinnen waren. Begleitet wurde die Emission dann schließlich von der angeschlagenen Mittelstandsbank IKB.

Vertrauen hatte wohl ein Rating der amerikanischen Agentur Standard & Poor’s (S&P) gewinnen sollen, doch diese gewährte dem Unternehmen nur die schwache Note „B-“ und der Anleihe sogar nur ein „CCC+“. Im langjährigen Durchschnitt fällt nach Daten der Agentur jede vierte bis fünfte Anleihe in dieser Rating-Klasse innerhalb eines Jahres aus. Das dürfte wohl auch bei SIAG so kommen, wobei der Zahlungsverzug erst im Juli eintreten wird.

Negativ bewertet Analystin Anna Steigert seinerzeit vor allem einen hohen Fremdkapitaleinsatz und ein anfälliges Geschäftsmodell. Die Nachfrage sei zyklisch, die Rentabilität schwach, das Verhältnis von bereinigter Verschuldung und operativem Gewinn werde Ende 2011 voraussichtlich zwischen 5 und 6 betragen und erst 2012 unter 5 sinken können. Zudem habe SIAG in den vergangenen drei Jahren im Durchschnitt fast die Hälfte seines Umsatzes mit dem Generatorenbauer Repower getätigt und weise daher eine ziemlich konzentrierte Kundenbasis auf.

Rating-Wahrheiten

Was noch schwerer wiegt, sind Vorwürfe von Investoren hinsichtlich des Ratings, über die der Branchendienst Bondmagazine berichtete: Demnach sei der zur Emission veröffentlichte Ratingbericht von S&P nur vorläufig gültig gewesen und SIAG hätte innerhalb von 90 Tagen weitere Informationen liefern müssen. Das aber soll das Management nicht getan haben, woraufhin S&P das Rating zurückgezogen haben soll. Tatsächlich war bei S&P auch kein Rating zu SIAG Schaaf mehr zu finden, wohingegen der Ratingbericht beim Unternehmen selbst immer noch auf den Internet-Seiten zu finden war.

Tatsache ist, dass das Rating vorläufig war und unter anderem daran gebunden, dass die Emission erfolgreich abgeschlossen werden würde. Indes hatte SIAG im Juli belannt gegeben, dass die Anleihe nicht völlig platziert werden konnte. Die Gesellschaft beabsichtigte, auf institutionelle Investoren in Europa zuzugehen. Über den Erfolg dieses Unterfangens wurde nichts bekannt, auch nicht über das tatsächliche Plazierungsvolumen. Zudem habe es wiederholt technischer Schnittstellenprobleme einzelner Banken zur Deutschen Börse gegeben, was die Zeichnung für Privatanleger erschwert habe.

Schnell in die Existenzkrise

Dass es um SIAG finanziell nicht zum Besten bestellt war, zeigte sich schon zum Jahresende, wenige Monate nach der Emission. Mitte Dezember vermeldete der Aufsichtsrat der SIAG Nordseewerke den Rückzug von Rüdiger Schaaf als Vorsitzender der Geschäftsführung. Das sei vereinbarungsgemäß erfolgt, nachdem Kurzarbeit und grundlegende Restrukturierungsarbeiten abgeschlossen gewesen seien. Der Aufsichtsrat gab aber auch bekannt, dass „insbesondere die Verzögerung der politischen Rahmenbedingungen zur Netzanbindung von Offshore-Anlagen eine Anpassung der bisherigen Planungen zur Folge habe“.

Kurz vor Weihnachten berief das Unternehmen dann plötzlich Finanzvorstand Roland Schüttpelz mit sofortiger Wirkung ab und stellte den Manager frei. Dies deutete schon Ungemach an, kurz darauf gab man bekannt, für die ersten neun Monate des Jahres einen Verlust von 11,5 Millionen Euro bei einer Gesamtleistung von 115 Millionen Euro verbucht zu haben. Zudem sei das Eigenkapital um mehr als 70 Prozent zurückgegangen und die Eigenkapitalquote so von knapp 11 auf nur noch 3 Prozent gefallen.

Ende Februar dann hatte SIAG für 2011 nach vorläufigen HGB-Zahlen einen Verlust von mindestens der Hälfte des Grundkapitals angekündigt. Als Ursache waren Verzögerungen bei der Abwicklung von Projekten angeführt. Damals betonte ein Unternehmenssprecher, das Unternehmen verfüge über erhebliche Reserven und sein Bestand sei nicht gefährdet.

Insgesamt ist die Kommunikation von SIAG Schaaf in mehrerlei Hinsicht als unbefriedigend einzustufen. Ein Rückzug des Ratings hätte kommuniziert werden müssen, dementiert wurde dieser bislang nicht. Vor allem stößt es sauer auf, wenn Insolvenzgefahr noch rund drei Wochen vor dem Antrag dementiert wird.

Sorgen um Windreich und BKN

Die Anleihe der SIAG Schaaf ist seit Donnerstag vom Handel ausgesetzt. Unter Druck gerieten dafür die Anleihenkurse des Off-Shore-Windpark-Bauers Windreich. Der Kurs der 2016 fälligen Anleihe fiel am Freitag von knapp 63 bis auf 54,50 Prozent. Schon das niedrige Ausgangsniveau zeigt, dass sich Anleger auch um Windreich Sorgen machen. Seit der Emission im Juli hat sich der Kurs fast halbiert. Der Kurs der 2015 fälligen Anleihe fiel von seinem Hoch bei 104,55 Prozent im Juli auf zuletzt 83 Prozent.

Ob und wie schnell ein weiterer Emittent folgen wird, ist derzeit nicht abzusehen. Aber es gibt neben Windreich weitere Sorgenkinder. So schied auch beim Projektentwickler von Biogasanlagen, BKN Biostrom, an dessen Solvenz Kapitalmarktkenner hinter vorgehaltener Hand immer wieder Zweifel äußerten, Ende Februar, bisheriger Finanzvorstand Stephan Sander mit sofortiger Wirkung auf eigenen Wunsch nach weniger als einem Jahr im Amt aus. Seine Befugnisse wurden zunächst von Alleinvorstand Günter Schlotmann übernommen. Grund genug für den Branchendienst Bondguide zu empfehlen, das Unternehmen zu beobachten.

Schwierigkeiten in der Höhe

Air Berlin, der mit Abstand größte Emittent am Stuttgarter Bond-M und den Mittelstandsbörsen überhaupt, hat 2011 einen Rekordverlust von 272 Millionen Euro sowie erstmals einen operativen Jahresverlust in Höhe von 161 Millionen Euro. Die Eigenkapitalquote ist auf schwache 11 Prozent gefallen, die Nettoschulden haben 813 Millionen Euro und damit fast das Rekordniveau des Jahres 2008 wieder erreicht. Einen freien Mittelzufluss verzeichnete das Unternehmen zuletzt 2005, aus Betriebstätigkeit zuletzt 2009.

Vorstandschef Hartmut Mehdorn sieht das Unternehmen dennoch als nicht gefährdet an und will 2012 operativ ein ausgeglichenes Ergebnis erzielen, was eine Verbesserung wäre, aber auch nicht mehr. Mit der neuen Strategie, nicht mehr eine Art besserer Billigflieger, sondern als „Full-Service“-Unternehmen in globale Netzwerke und Vielfliegerprogramme eingebunden zu sein, will Air Berlin sich stabilisieren. Doch die Branche ist zyklisch, große Fluggesellschaften wie Airfrance-KLM stecken tief in der Krise. Und die Insolvenznamen der vergangenen Jahre sind ein Who is who der Branche: American Airlines, Delta Airlines, Swissair, Sabena, Alitalia und andere mehr.

Ganz zu schweigen wäre von der Solarindustrie: Bei einer Kürzung der Solarförderung im vorgesehenen Umfang dürfte sich der Markt deutlich ausdünnen. Wen es von den zahlreichen Anbietern erwischt, ist heute kaum auszumachen. Folgt man dem Kursverfall, so gelten Centrosolar, Payom Solar und Solarwatt als wahrscheinlichste Pleitekandidaten.

Aber auch Autozulieferer gerieten bei Branchenkrisen in der Vergangenheit immer wider unter existenzgefährdenden Druck. Die Marke Valensina kam vor rund 10 Jahren durch die Insolvenz der Rolf Dittmeyer KG zur Underberg-Gruppe. Das ist zwar kein Omen, zeigt aber, dass es Risiken in stagnierenden Märkten gibt, die es zu beherrschen gilt. Das gilt für Fruchtsäfte wie für Spiritousen, auch wenn sie Underberg heißen.

Und in Deutschland vermögen nur wenige wirklich zu beurteilen, wie stark die Marktstellung des französischen Süßwarenherstellers Lamy Lutti ist, der unter dem Namen Katjes International eine Anleihe begeben und mittlerweile um 50 Prozent aufgestockt hat.

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Jahrgang 1964, Redakteur in der Wirtschaft.

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