13.10.2009 · Großbanken bieten Kleinstkredite für die Dritte Welt. Sie unterbieten die Zinsen der Mikrokredit-Erfinder. Deren Empörung ist groß.
Von Harald Czycholl und Patrick BernauSo geht die bekannte Geschichte der Mikrokredite: Muhammad Yunus, Ikone der Mikrokreditbewegung, lieh als Wirtschaftsprofessor im Bangladesch der siebziger Jahre 42 bettelarmen Landsleuten insgesamt 27 Dollar. Einige Cent lieh er einer Frau, die Bambusstühle baute. Das Geld brauchte sie, um den Bambus selbst zu kaufen. Zuvor hatte sie sich das Geld von einem privaten Verleiher geliehen, doch der sicherte sich im Gegenzug alle Stühle, die sie herstellte, zum Dumpingpreis. Davon konnte sie kaum leben. Mit dem Geld von Yunus befreite sie sich aus der Abhängigkeit und verdiente mit ihrer Arbeit endlich angemessen Geld.
Yunus sah, wie solche kleinen Kredite das Leben der Armen verbessern. Also suchte er nach Banken, die in das Geschäft einsteigen wollten. Weil sich keine fand, gründete er selbst die Grameen-Bank (“Dorf-Bank“), die immer weiter wuchs und immer bekannter wurde. Für sein Engagement bekam Yunus 2006 den Friedensnobelpreis. Die Überschüsse der Grameen-Bank fließen in immer neue Kredite und in Projekte, in denen die Dorfbewohner etwas lernen oder billige Handys bekommen.
Fonds und Großbanken entdecken das Geschäft
Doch die heile Welt der Mikrokredite, von der da erzählt wird, ist inzwischen nur noch Geschichte. Jetzt entdecken die Großbanken das Geschäft, und die wollen Geld verdienen. Yunus' Erfolg hat sie davon überzeugt, dass Mikrokredite Gewinne abwerfen können. Großbanken wie Morgan Stanley, Credit Suisse und die Deutsche Bank haben Hunderte Millionen bereitgestellt. Sogar Microsoft-Gründer Bill Gates und C & A-Erbe Stephen Brenninkmeijer investieren. Tausende andere Anleger beteiligten sich, als die mexikanische Mikrokreditbank Compartamos an die Börse ging: 30 Prozent ihrer Anteile kamen an die Börse und brachten 450 Millionen Dollar.
Wieder andere Investoren stecken Geld in Fonds. Der größte Mikrokreditfonds der Welt wird von Sal. Oppenheim verwaltet und ist inzwischen mehr als 500 Millionen Euro schwer. Die Entwicklungshelfer machen es den Investoren leicht: Ministerien und Förderbanken wie die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) geben bis heute Kapital dazu und versprechen, alle Verluste zu tragen, solange ihr Geld reicht.
Ausbeutung ist keine westliche Erfindung
Der neue Aktivismus der Investoren sorgt für Unfrieden. Mancher sagt, inzwischen sei zu viel Geld im Markt und es drohe eine Mikrokreditblase. Nobelpreisträger Yunus ist sogar richtig verärgert über die einstmals so umworbenen privaten Geldgeber. Er wirft ihnen Wucher vor: „Wer den Armen Geld leiht, um ihnen bei der Überwindung der Armut zu helfen, darf nicht an den Gewinn denken“, findet er.
Dabei hatte er vermutlich vor Augen, dass es in Indien Straßenzüge gab, in denen viele Mikrokreditbanken einander gegenseitig Konkurrenz machten und dabei die armen Leute ausnahmen. Was die aber oft nicht merkten, denn die Bedingungen waren kompliziert formuliert: Da verlangte zum Beispiel eine Bank zwar einen niedrigeren Zinssatz als die benachbarte, dafür verlangte sie die Zinsen über die ganze Kreditlaufzeit und auf die komplette Ausgangssumme - und nicht, wie üblich, auf den Restkredit, der mit der Zeit kleiner wird.
Missbrauch und Blasen
Das scheinen allerdings nur Einzelfälle zu sein. Eine Untersuchung der Mikrokreditberatung CGAP jedenfalls zeigt, dass die Zinsen auf Mikrokredite insgesamt sinken. Schließlich sind die bisher ganz enorm: Selbst Yunus verlangt für einen Kredit an einen Selbständigen mindestens 20 Prozent und rechtfertigt das damit, dass die Kosten für einen kleinen Kredit verhältnismäßig viel höher sind als für einen großen.
Mit der Zeit wurden allerdings nicht nur die Mikrokredit-Banken immer professioneller, auch das zusätzliche Geld der privaten Investoren sorgte für Konkurrenz und drückte die Zinsen. Das wiederum ist schlecht für die Investoren, weil sie dann weniger Geld verdienen. Daher gehen bei einigen die Alarmlampen an, sie reden von der Mikrokreditblase. Aus Indien stammen Erzählungen von Frauen, die sich Kredit erschleichen: Sie geben vor, von dem Geld einen Laden zu eröffnen, stecken es aber dann nur in den alltäglichen Konsum. Andere verschweigen einer Bank, dass sie von einer anderen schon einen Kredit haben - und überschulden sich.
Hilfsgelder drücken Fondsrenditen
Zwar könnten sich Investoren auch auf Regionen konzentrieren, in denen der Markt der Mikrokredite noch nicht so überlaufen ist. Weltweit gebe es 180 Millionen Kleinstunternehmer, die einen Mikrokredit brauchten, hat die Stiftung von Bill Gates ausgerechnet. Derzeit sind aber wohl noch keine 100 Millionen Kredite vergeben.
Doch eine üppige Rendite kommt für private Investoren oft trotzdem nicht heraus. Denn das meiste Geld der Fonds stammt von Förderbanken und Entwicklungshelfern. Allein die deutsche Staatsbank KfW hat mehr als 1,3 Milliarden Euro in Mikrokrediten angelegt. Und wenn Fonds oder Mikrokreditbanken viel Geld von Staaten bekommen, achten die Manager erst als Zweites auf die Rendite - zuerst auf die Entwicklungshilfe.
Mexikanische Absahner
So ist das etwa im Fonds von Sal. Oppenheim: Fondsberaterin Fatma Dirkes von der Frankfurt School of Finance und Management erzählt, dass die zuständigen Mikrokreditbanken nicht nur Geld verleihen, sondern Bauern auch beibringen, wie man Tomaten anbaut und wie sie Genossenschaften gründen können, damit sie für ihre Produkte höhere Preise durchsetzen.
Zwar beteiligen sich an dem Fonds private Großinvestoren nur mit Millionenbeträgen, und für solche Beteiligungen gibt es normalerweise auch höhere Renditen. Doch der Mikrokreditfonds zahlte in den vergangenen Jahren durchschnittlich nur drei bis fünf Prozent Rendite - nicht viel mehr, als damals ein Tagesgeldkonto abwarf. Doch ist das Investment viel weniger flexibel als ein Tagesgeldkonto: Die Investoren dürfen ihr Geld auf Jahre hinaus nicht abziehen.
Richtig profitabel sind am Ende nur ein paar Mikrokreditbanken, die mit Entwicklungshilfe kaum noch etwas zu tun haben. Das sind diejenigen, auf die Muhammad Yunus besonders sauer ist. Zum Beispiel die mexikanische Mikrokreditorganisation Compartamos. Sie erreicht eine Eigenkapitalrendite von riesigen 40 Prozent. Für die Deutsche Bank hat deren Chef Josef Ackermann nur 25 Prozent als Ziel ausgegeben.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |