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Lebensversicherungen : Weniger Rente fürs angesparte Vermögen

Signalwirkung: Den Entscheidungen des Branchenführers Allianz folgen in der Regel die kleineren Versicherer. Bild: Edgar Schoepal

Der Niedrigzins zwingt die Versicherer Allianz und Zurich, den Rentenfaktor zu senken. Das hat keine Folgen für die Ersparnisse, aber für die monatliche Rente, die sich daraus ergibt.

          Das neue Jahr geht für viele Versicherungskunden gleich mit einer folgenreichen Nachricht los: Hunderttausende Lebensversicherte werden in den kommenden zwei Wochen darüber informiert, dass ihre Versicherer die Formel ändern, mit der ein Euro angesammelten Kapitals für die Altersvorsorge in eine monatliche Rente umgerechnet wird.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Allianz und Zurich haben für ihre fondsgebundenen Lebensversicherungen und weitere kapitalmarktnahe Policen einer bestimmten Vertragsgeneration den Rentenfaktor gesenkt. Für die Kunden hat das zur Folge, dass die zu Vertragsbeginn in Aussicht gestellte monatliche Rente niedriger ausfallen wird – am Kapitalaufbau in der Phase bis zum Rentenbeginn dagegen ändert sich für diese Kunden nichts.

          Treuhänder bestätigt Änderungen als angemessen

          „Die Anpassung des Rentenfaktors haben wir entsprechend den in den Bedingungen getroffenen Vereinbarungen von einem Treuhänder prüfen lassen. Der Treuhänder hat die Voraussetzungen und die Angemessenheit der Änderung bestätigt“, heißt es in einem Schreiben von Ende Dezember, mit dem die Allianz ihre Vertriebspartner über den Schritt informiert und das dieser Zeitung vorliegt.

          Mitte Januar sollen dann die etwa 700.000 Kunden unterrichtet werden, die zwischen 2001 und Ende 2011 eine fondsgebundene Rentenversicherung oder eine Police mit höherem Aktienanteil nach dem Modell Indexselect abgeschlossen haben. Hier wird künftig für die Umrechnung von Kapital in eine Monatsrente nicht mehr der Rechnungszins von 2,75 oder 2,25 Prozent zugrunde gelegt, sondern nur noch von 1,75 Prozent.

          Rentenfaktoren nicht zugesichert

          Ein Unternehmenssprecher bestätigte auf Anfrage dieses Vorgehen. „Das heißt nicht, dass wir unsere Garantie nicht erfüllen“, betonte er. Die Rentenfaktoren seien vertraglich zwar avisiert, nicht aber zugesichert worden. In den Verträgen sei darauf hingewiesen worden, dass sie in zwei Situationen angepasst werden dürften: wenn sich die Lebenserwartung der Kunden merklich verändere oder wenn der Kapitalmarktzins dauerhaft falle. „Wenn wir nicht handelten, müssten wir noch mehr Geld in sichere Anleihen investieren, es damit dem Kapitalmarkt entziehen und hätten geringere Renditechancen“, sagte der Sprecher.

          Kunden, die sich in früheren Jahren für eine fondsgebundene Rentenversicherung entschieden haben, hätten bewusst auf eine etwas riskantere Geldanlage gesetzt als Kunden mit einer klassischen Lebensversicherung. Es entspreche nicht dem Wunsch dieser Kundengruppe, für einen höheren Rentenfaktor noch mehr Geld in niedrig verzinsten festverzinslichen Wertpapieren anzulegen. Die Kunden hätten nach Ablauf der Ansparphase aber ohnehin die Wahl, sich das angesparte Kapital auszahlen zu lassen, statt es zu verrenten. Die Senkung jetzt verrate noch nichts darüber, wie hoch der Rentenfaktor zum Beispiel im Jahr 2030 ausfallen werde.

          Kunden vor dem Jahreswechsel informiert

          Auch die Zurich sieht sich zu diesem Vorgehen gezwungen. Sie hat Kunden, für die schon in diesem Jahr die Rentenphase beginnt, vor dem Jahreswechsel über diesen Schritt aufgeklärt. Für fondsgebundene Verträge müssen die Kunden mit einer Senkung des Rentenfaktors zwischen 18 und 25 Prozent rechnen, sagte ein Unternehmenssprecher.

          Beide Versicherungskonzerne mussten für dieses Verfahren einen unabhängigen Treuhänder einbeziehen, der von der Finanzaufsicht Bafin bestätigt wurde. Er hatte zu prüfen, ob eine Situation eingetreten ist, die eine Senkung erforderlich macht, und ob der Umfang der Anpassung angemessen ist. Da der Referenzzinssatz, aus dem sich das Level der Nachreservierung für höherverzinste Policen ableitet, in diesem Jahr von 2,54 auf unter 2,25 Prozent fallen dürfte, haben die Treuhänder das Vorgehen bestätigt.

          „Das ist ein besonderer Schritt, weil wir ein außergewöhnliches Zinsniveau haben“, sagte Miriam Michelsen, Leiterin Vorsorge des Finanzvertriebs MLP. Versicherer hätten zwei verschiedene Modelle eingeführt, nach denen sich der Rentenfaktor bestimmt: Entweder haben sie den Kunden einen bestimmten Prozentsatz des Rentenfaktors – oftmals zwischen 70 und 80 Prozent – garantiert. Oder sie haben den Rentenfaktor festgesetzt, aber den Vorbehalt eingeführt, ihn bei Änderungen der Lebenserwartung oder des Zinses anpassen zu können.

          „Nur wer sich für ein Produkt entschieden hat, mit dem er auf die höchste jährliche Rentensteigerung setzt, könnte den Schritt spüren. Bei solchen mit geringeren Rentensteigerungen hingegen wird der Schritt meist abgefedert“, sagt Michelsen. Hinzu komme der Zeitpunkt des Rentenbeginns.

          Mögliche Lücken in der Altersvorsorge

          „Denn die Versicherer können die Rechnungsgrundlagen auch wieder erhöhen“, sagt sie. Allerdings wird das nur der Fall sein, wenn sich die Zinssituation verbessert. Dennoch glaubt sie, dass die Entscheidung der Allianz eine Signalwirkung für die Branche haben dürfte. Solche Versicherer, die ebenfalls einen flexiblen Rentenfaktor gewählt haben, könnten sich an dem mächtigen Akteur orientieren.

          So kommentiert denn auch der Bund der Versicherten: „Die Vorgehensweise ist ,brisant‘, weil es immerhin der Marktführer ist, der ,schlecht gerechnet‘ hat.“ Kleinere Wettbewerber könnten sich nun ermutigt fühlen, ebenfalls das Verhältnis von Kapital und Monatsrente zu ändern. Und in der betrieblichen Altersversorgung könnten Lücken entstehen, die von Arbeitgebern gestopft werden müssten, befürchtet die Lobby der Versicherungskunden.

          Schlag für die Lebensversicherungen

          „Das kann neue Haftungsfragen für die Arbeitgeber aufwerfen“, teilte eine Sprecherin mit. Aus Sicht des Finanzvertriebs MLP dagegen stellt sich dieses Problem nicht. „Die Nachschusspflicht der Arbeitgeber wird auf die Ablaufleistung der Verträge bezogen. Sie ändert sich aber nicht“, sagt Michelsen. „Es sind also keine unangenehmen Folgen für die Arbeitgeber zu erwarten.“

          Die Entscheidung der Allianz und der Zurich ist ein weiterer Schlag für die Lebensversicherung. Der Niedrigzins hat Auswirkungen auf verschiedenen Ebenen: Für klassische Policen sinkt die Überschussbeteiligung, viele Anbieter haben diese Produktkategorie aus dem Markt genommen. Nun zeigt sich, dass selbst Kunden betroffen sind, die durch ein kapitalmarktnahes Produkt vermeintlich weniger abhängig von der Zinssituation sind.

          Quelle: F.A.Z.

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