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Altersvorsorge : Der Totengräber der Lebensversicherung

Der Mission der Debeka „Alles für den Kunden“ hat sich auch der Vorstandsvorsitzende Uwe Laue verschrieben. Bild: Marcus Kaufhold

Uwe Laue war nie ein Mann für Experimente. Deshalb wurde er Versicherungsmanager. Lebensversicherungen verkaufte er besonders gern. Jetzt muss er die liebste deutsche Altersvorsorge zu Grabe tragen.

          Als Uwe Laue das Beatmungsgerät abschaltet, ist er innerlich gefasst. Er konnte ruhig schlafen, denn er hatte es sich reiflich überlegt. Keine weiteren lebenserhaltenden Maßnahmen. Mehrfach war Laue mit sich selbst in den Wald gegangen, um die Argumente im Kopf durchzuspielen. Es wäre eine Illusion zu glauben, dass der Bettlägrige wieder auf die Beine käme. Also zog er an diesem Sommertag des Jahres 2016 den Stecker. Die klassische Lebensversicherung mit Zinsgarantie hörte auf zu atmen.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dann wurde der klinische Tod festgestellt. Technischer gesprochen: Sie ging in den Run-off. Für Kunden, die schon einen Vertrag abgeschlossen hatten, änderte sich zwar nichts. Aber neue Policen verkauft der Versicherungsmanager Uwe Laue nun nicht mehr. Dabei war die Lebensversicherung die Versicherung der Deutschen: das Modell, das Millionen in bundesrepublikanischen Jahrzehnten als besten Kompromiss zwischen Sicherheit und Profit angesehen haben. Sie zahlten kleine Monatsbeiträge ein und investierten so zusammen viele Milliarden Mark und Euro. Bis zum Jahr 2002 gab es noch die steuerbegünstigte Kapitallebensversicherung, anschließend die seither besser gestellten privaten Rentenversicherungen.

          Versicherungsverein Debeka ohne warmes Wasser

          Es ist heute ein trüber Wintertag in Koblenz. Wenn Uwe Laue aus seinem Vorstandsbüro aus dem Fenster schaut, hat er einen freien Blick auf die letzten Kilometer der Mosel vor der Mündung am Deutschen Eck. Seit den achtziger Jahren residiert sein Arbeitgeber, die Debeka, hier in diesem schlichten Hochhaus in einem Gewerbegebiet, das in seiner grauen Schmucklosigkeit die Mission dieses Unternehmens erzählt: Alles für die Kunden. Andere Versicherungsunternehmen bauten sich selbst Schlösser. Gut lebten viele von der Lebensversicherung.

          Bis heute gibt es im bescheidenen Gebäude der Debeka noch nicht einmal einen Warmwasseranschluss. Sind die Kosten niedrig, bleibt mehr für die Mitglieder. Denn die Debeka ist ein Versicherungsverein, der allen Mitgliedern gehört, und trotzdem immerhin sechstgrößter Anbieter auf dem deutschen Versicherungsmarkt. Im 15. Stock wurde gerade saniert, und großflächige Gemälde hängen aus; die Teeküche ist von einem Ei-artigen, bunt beleuchteten Kunststoffgehäuse umgeben. Die sieben Vorstände und der Aufsichtsratsvorsitzende haben jeweils eine eigene Toilettenkabine.

          Lebensversicherung galt lange als bestes Produkt

          Vor einigen Monaten musste der Vorstandsvorsitzende im Besprechungsraum eine Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede vor Mitarbeitern aus dem ganzen Land halten. „Ich erwarte von Ihnen, dass Sie mir folgen“, schmetterte Laue ihnen mit Nachdruck entgegen. Dass er den Stecker des Beatmungsgeräts gezogen hatte, kam in dieser Runde überhaupt nicht gut an. Denn über vier Jahrzehnte hatten dieselben Debeka-Mitarbeiter ihren Kunden erklärt, warum die klassische deutsche Lebensversicherung mit jährlicher Zinsgarantie das beste Vorsorgeprodukt der Welt sei. Und jetzt sollten sie mit einem Mal umdenken?

          Laue drohte seiner Mannschaft: Wenn sie den strategischen Schwenk nicht mittrage, könne er ungemütlich werden. Am Ende hatte er die Truppe eingefangen: „Alle folgten mir, und das ermöglichte, dass wir im vierten Gang bei voller Fahrt auf der Autobahn neue Produkte auf den Markt brachten“, sagt er. Die klassische Lebensversicherung war abgeschafft. So leidenschaftlich wie an diesem Tag hatten die Mitarbeiter ihren Chef noch nie erlebt. Grundsolide, allenfalls ein klein wenig jovial, führt er das Unternehmen seit fünfzehn Jahren.

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