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Vorsorge Der Pflege-Bahr erfreut sich reger Nachfrage

 ·  Trotz des negativen Urteils der Stiftung Warentest: Viele Kunden sichern sich 5 Euro staatliche Förderung im Monat. Ein Abschluss muss überlegt sein, weil sich die Produkte stark unterscheiden.

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© dapd Vergrößern Teure Heimpflege: Für eine Unterbringung reicht die Gesetzliche nicht

Die beste Methode, als Bundesminister unvergessen zu bleiben, ist es, ein neues Vorsorgeprodukt zu erfinden. An den SPD-Sozialminister Walter Riester wird jeder der mehr als 15 Millionen Riestersparer regelmäßig erinnert. Ein Jahrzehnt später folgt ihm der FDP-Gesundheitsminister Daniel Bahr mit dem „Pflege-Bahr“. Fünf Monate nach seiner Einführung weckt er ein reges Kundeninteresse. Bis Mitte April waren 65.000 staatlich geförderte Pflegeversicherungen abgeschlossen, berichtete der PKV-Verband kürzlich.

Mit ihnen sichern sich Verbraucher 5 Euro Förderung im Monat, wenn sie mindestens 10 Euro Prämie in eine neu abgeschlossene Versicherung einzahlen. Täglich verkauften die Vertriebe der Krankenversicherer rund 1.000 Policen, hieß es. Hätte sich die Dynamik seither so fortgesetzt, würde demnächst die Hunderttausender-Marke geknackt. Anfangs war das Interesse der Versicherer verhalten. Inzwischen haben fast 30 Anbieter eigene Tarife auf den Markt gebracht. Dabei sind die Vertriebe wegen der auf zwei Monatsbeiträge gedeckelten Abschlussprovision nicht allzu leicht zu motivieren.

Zudem droht den Unternehmen eine negative Risikoselektion, weil sie keine Kunden ablehnen dürfen - die Tarife sind deshalb so kalkuliert, dass sie für Gesunde unter Umständen weniger attraktiv als rein private Produkte sind. Dennoch loben Versicherungsvorstände das neue Produkt als Einstieg, sich überhaupt mit dem Pflegebedarf auseinanderzusetzen. Den meisten sei nicht bewusst, dass die gesetzliche Pflegeversicherung nur einen Teilkaskoschutz biete und der finanzielle Aufwand für eine Heimbetreuung oft ihre Auszahlung um das doppelte übersteige.

Nichts für Auswanderer

Der Entschluss für eine staatliche Police müsse daher in den gesamten Absicherungsplan einer Familie eingebettet sein, sagt Michael Franke, Geschäftsführer des Analysehauses Franke & Bornberg. Wichtiger als der Pflegeschutz seien eine umfassende Absicherung gegen Berufsunfähigkeit, Haftpflicht- und Wohngebäudeschäden und die Altersvorsorge. „Bevor man eine Police abschließt, muss man sich klar machen, dass der Beitrag ein Leben lang gezahlt werden muss“, rät Franke. Denn wird der Vertrag gekündigt, geht auch der Risikoschutz verloren.

Zudem lohnten sich die Verträge nur für Kunden, die im Alter ganz sicher in Deutschland leben wollen, weil die Leistungen an die gesetzliche Versicherung gekoppelt sind, sagt der Makler Stephan Witte. „Wer also einen Umzug nach Thailand anstrebt, sollte keinen Pflege-Bahr abschließen.“ Die Stiftung Warentest hat kürzlich ein negatives Gesamturteil über den Pflege-Bahr abgegeben. Die Policen böten keine ausreichende Absicherung, die Vertragsbedingungen seien meist schlechter als bei ungeförderten Tarifen. Vor allem die Leistungen bei einer Demenzerkrankung hinkten deutlich hinter den rein privaten Produkten zurück.

Viele Anbieter haben gerade einmal die gesetzliche Vorgabe erfüllt, dass bei Demenz 10 Prozent der Leistung der Pflegestufe III (des höchstmöglichen Pflegebedarfs) gewährt werden. Über dieses Level gehen nach einer Aufstellung des Maklerhauses Witte Financial Services sechs Versicherer hinaus (Bayerische Beamten, Debeka, Hanse Merkur, LVM, Provinzial Rheinland und Union). Für Makler Stephan Witte ist dies aber nicht das entscheidende Bewertungskriterium. Unverzichtbar sei es, dass Kunden Verträge alle drei Jahre aufstocken können.

„Ein Tarif muss eine ausreichende Dynamikregelung beinhalten, sonst ist man nicht gegen Inflation geschützt“, sagt er. Aus seiner Sicht ist der Beitrag nachrangig. Um herauszufinden, welcher Versicherer stressfrei im Pflegefall leistet, empfiehlt er Verbrauchern, sich den Rat eines unabhängigen Sachverständigen einzuholen. Für seine Beratung hat er ein Rating der existierenden Tarife erstellt. Dabei ging die Dynamikregelung mit 40 Prozent in die Wertung ein, die Höhe der Leistungen mit 30 Prozent sowie Wartezeiten und Geltungsbereich mit ebenfalls 30 Prozent.

Nach seiner Untersuchung erfüllen sechs Versicherer die höchsten Anforderungen. Darunter ist überraschenderweise keiner, der großzügiger bei Demenzerkrankungen ist (Central, Deutsche Familienversicherung, DEVK, Domcura, Envivas und VPV). Ihre Tarife haben jeweils sehr unterschiedliche Produkteigenschaften. Die Central zahlt in allen Altersstufen dieselbe Leistung aus (1.890 Euro in Pflegestufe III), verlangt dafür aber schon von einem dreißigjährigen Kunden mehr als die anderen Gesellschaften.

Für einen Siebzigjährigen liegt der Beitrag mit 128,55 Euro fast dreimal so hoch wie beim günstigsten Anbieter SDK (43,56 Euro für 600 Euro Pflegeleistung). „Hier muss man Beitragshöhe und Leistungen gegeneinander abwägen und mehrere Angebote nebeneinander legen, am besten geförderte und auch nicht geförderte Tarife“, rät Produktanalyst Michael Franke.

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