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Weniger zu bekommen : Der Staat fördert Berufsunfähigkeits-Versicherungen

Nach dem Burn-out in die Einöde: Sanatorium in Braunlage Bild: Pilar, Daniel

Privatleute sichern sich zu wenig gegen ihre eigene Berufsunfähigkeit ab, findet der Staat. Nun greift er selbst in den Markt ein.

          Über wenige Finanzprodukte äußern sich Politiker, Unternehmen und Verbraucherschützer so gleichlautend: Eine Versicherung gegen Berufsunfähigkeit halten sie alle für notwendig. Denn spätestens seit im Jahr 2001 die gesetzliche Erwerbsminderungsrente erheblich eingeschränkt wurde, stellt sich für jeden Beschäftigten die Frage, woher sein Einkommen bei Invalidität oder längerer Krankheit kommen soll. Dennoch ist die Absicherungsquote gering: Auf 42 Millionen Erwerbstätige kommen gerade einmal 17 Millionen Verträge – und davon sind 13,7 Millionen nur Zusatzversicherungen, die an einen anderen Hauptvertrag geknüpft sind. Häufig sind zudem keine besonders hohen Absicherungsniveaus vereinbart.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Deshalb hat sich der Gesetzgeber in der abgelaufenen Legislaturperiode zu einer Reform entschlossen. Berufs- und Erwerbsunfähigkeitsversicherungen können seit Anfang dieses Jahres vollständig steuerlich geltendgemacht werden. Durch das Altersvorsorge-Verbesserungsgesetz wurden sie in den Katalog der geförderten Produkte aufgenommen, die bis zu einem Beitragsvolumen von 20.000 Euro von der Steuer abgezogen werden können. Doch ob die Förderung stark in Anspruch genommen wird, ist zweifelhaft. Bislang gibt es noch keine Angebote auf dem Markt. „Die richtige Idee der Regierung, für einen flächendeckenden Berufsunfähigkeitsschutz zu sorgen, verpufft im Nichts“, sagte schon Anfang des Jahres der Vorstandssprecher des Bundes der Versicherten, Axel Kleinlein.

          Abweichung von der bisherigen Praxis

          Seine Kritik hat einen einfachen Grund: Wie bei solchen neuen Förderinstrumenten üblich, wollte der Gesetzgeber gehörig in der Produktgestaltung mitmischen. Privilegiert werden nur solche Policen, bei denen im Invaliditätsfall eine monatliche Rentenzahlung bis zum Lebensende gewährt wird. Das weicht stark von der bisherigen Praxis ab. Der BU-Schutz wird in der Regel so lang aufrechterhalten, bis ein Kunde üblicherweise in Rente gehen würde. Die Logik dahinter: Von diesem Moment an hätte er ja einen Anspruch auf die gesetzliche Rente und Bezüge aus einer möglichen privaten Altersvorsorge. Damit das Versorgungsniveau in der Rentenphase durch die Berufsunfähigkeit nicht eingeschränkt wird, empfehlen selbst unabhängige Makler, die private Rentenpolice mit dem Zusatz zu versehen, dass im BU-Fall die Beiträge für die Rentenpolice gegen Aufpreis vom Versicherer sichergestellt werden.

          Die Absicherung bis zum Lebensende indes dürfte die Policen erheblich verteuern. Um das Zwei- bis Dreifache müsste rechnerisch der Beitrag steigen, hat das Analysehaus Morgen&Morgen berechnet. Am Ende könnten die steuerlichen Vorteile schnell durch die höheren Kosten aufgefressen werden. „Mir erschließt sich das Konzept nicht vollständig“, sagt Steffen Schulz von der unabhängigen GMFS Versicherungsmakler GmbH in Rostock: „Sonst sind die Deutschen eigentlich immer vorne mit dabei, wenn sie Steuern sparen könnten. Hier aber dürften die Produkte deutlich teurer werden als die ungeförderten Policen.“

          Wenn sie überhaupt ihren Weg auf den Markt finden. Denn bislang hält sich die Branche zurück. Anders als bei dem ebenfalls umstrittenen „Pflege-Bahr“, bei dem zumindest eine Handvoll Versicherer in den ersten Wochen auf den Markt drängten und inzwischen mehr als ein Drittel der Branche ein Produkt im Angebot hat, zeichnet sich hier wenig Bewegung ab. Dabei haben einige Unternehmen schon Erfahrungen mit lebenslang zahlenden BU-Policen gesammelt: Makler Schulz nennt die LV 1871. Auch bei der WWK, der Ergo und der Generali gibt es entsprechende Angebote. Allerdings: Sie zahlen nur dann, wenn der Grund der Berufsunfähigkeit bis zu einem bestimmten Alter eingetreten ist.

          Der Bundestag hatte in seinem Gesetz diese schon zuvor geäußerte Kritik aufgenommen und den Unternehmen die Möglichkeit eröffnet, die Höhe der BU-Rente mit zunehmendem Alter abzuschmelzen. „Durch den zulässigen, fallenden Verlauf wurde das Problem zwar abgeschwächt, aber nicht abgeschafft“, kommentiert ein Sprecher des Branchenverbands GDV diese Abwandlung der ursprünglichen Pläne. Führende Anbieter wie die Continentale haben schon erklärt, die Produkte nicht ins Angebot zu nehmen. Doch bei aller Kritik an der Politik kann die Assekuranz auch nicht verhehlen, dass das Problem des schwachen Absicherungsniveaus auch hausgemacht ist: Durch die immer stärkere Gliederung nach Berufsgruppen hat eine Rosinenpickerei um die günstigsten Risiken eingesetzt. Verbraucher mit risikoträchtigen Berufen bekommen bestenfalls noch eine Erwerbsunfähigkeitsversicherung. Diese zahlt anders als die BU-Police nur dann, wenn der Versicherte gar nicht mehr arbeiten kann. Der hochwertigere Schutz greift auch schon dann, wenn der zuletzt ausgeübte Beruf nicht mehr möglich ist.

          Quelle: F.A.Z.

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