http://www.faz.net/-hbv-96btn

Digitalisierung : Soll die Versicherung das Haus kontrollieren?

Das Zuhause wird zukünftig von Apps gesteuert. Bild: obs

Immer mehr Versicherer wollen die Smart-Home-Technik nutzen. Kunden sollen so im Notfall schnell Hilfe bekommen. Doch noch reagieren diese zurückhaltend.

          Die Meinungen gehen weit auseinander: Werden alle Häuser und Wohnungen künftig von unterwegs aus komplett steuerbar? Oder wird sich das „smarte“ Leben auf die vorheizbare Espressomaschine beschränken? Wie weit die Bereitschaft geht, sich der Smart-Home-Technik zu öffnen, hängt von der Technikaffinität, dem Bedürfnis nach Komfort und dem Fortschrittsglauben des Hauseigentümers oder Wohnungsmieters ab. Bislang aber halten intelligente Sensoren und vernetzte Rauchmelder noch nicht serienmäßig Einzug in die deutschen Haushalte.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Von dieser Bestandsaufnahme ist es kein weiter Weg zu der Idee, dass Technikanbieter und Versicherungsunternehmen gut zusammenpassen könnten. Denn all die Sensoren, die schon vorzeitig Schäden erkennen können, lassen sich gut in das Angebot eines Wohngebäude- oder Hausratversicherers einbeziehen. Inzwischen gibt es nahezu ein Dutzend Kooperationen zwischen Versicherern und Anbietern der Technik in Deutschland. Die Allianz, Generali, die Bayerische, Provinzial Nordwest und Ergo sind auf Seiten der Versicherer dabei, Panasonic, Lupus, Devolo und Deutsche Telekom heißen ihre Projektpartner.

          Die Versicherer hoffen darauf, im Zeitalter der Digitalisierung, in der immer mehr Kommunikation ins Internet abwandert, den Kundendialog mit positiven Erlebnissen zu beleben. „Smart Home schafft positive Touchpoints des Kunden zum Versicherer“, sagt Peter Bornschein, der nach 15 Jahren in der Branche im vergangenen Jahr zum Technikanbieter Devolo wechselte und dort Kooperationen mit Versicherern aufbauen will. Mit vier Unternehmen bestehen schon Verbindungen. In diesem Jahr sollen weitere hinzukommen. „Unser Ziel ist, durch Prävention und eine optimierte Schadenregulierung die Kosten zu senken und zur Imageverbesserung beizutragen“, sagt er.

          Automatisierte Schadensmeldung

          Das Angebot sieht in abgewandelter Form bei allen Versicherern ähnlich aus: Ein Kunde bekommt ein Starterpaket an intelligenten Sensoren, die er im Haus an Wasserleitungen, Fenstern, Türen und an der Decke anbringen kann. Sie sollen ihm auf sein mobiles Endgerät – auch zum Beispiel im Urlaub – Hinweise auf einen Einbruch, Brand oder Wasserschaden senden. Die Einbindung der Versicherer macht es möglich, ein Netzwerk an erprobten Handwerkern einzubinden, die den Schaden frühzeitig durch automatisierte Schadenmeldungen beheben. Solche Netzwerke haben Versicherer seit Jahren für ihre Assistance-Dienstleistungen aufgebaut. Eine Meldung an die Feuerwehr ist oft ebenfalls integriert. Die Ergo, die seit vergangenem Jahr mit der Deutschen Telekom kooperiert, betont, dass auch Fehlalarme mit Kosten bis zu 3000 Euro durch die neuartige Police gedeckt sind, die Smart-Home-Services und Hausratschutz beinhaltet.

          Wie so oft war der Marktführer Allianz auch in diesem Feld einer der Pioniere. Im Jahr 2015 ist die Assistance-Tochtergesellschaft Allianz Worldwide Partners mit Panasonic eine Kooperation eingegangen. „Wir haben erlebt, dass der Kunde auf die Technik noch nicht anspringt und ihre Vorteile noch nicht sieht“, sagt Benedict Doepfer, Manager Sales und Marketing Smart Home von Panasonic. Zuvor konnte ein Kunde nur am Strand sitzen und die Nachricht erhalten, wenn zu Hause ein Wasserleck entsteht. Durch die Partnerschaft konnte man auch Handwerker einbinden, die den Schaden vor der Rückkehr beheben. Doepfer spricht von einer vierstelligen Nutzerzahl bis heute. Man habe sich mehr von der Kooperation erwartet, aber gleichzeitig davon profitiert. In ein neues Projekt, den Baukomplex Future Living Berlin im Stadtteil Adlershof, fließen Erkenntnisse aus dem Bündnis ein. Versicherungen seien neben Mobilität und Einkaufen ein Feld, um solche Konzepte voranzubringen.

          Ein entscheidender Nachteil einiger Anbieter ist ihre Vertriebsstruktur. Sie bieten ihre Smart-Home-Lösungen im Einzelhandel oder im Internet an, wo sie mit Wettbewerbern konkurrieren müssen. Auch deshalb erhoffen sie sich von Versicherern mit ihren großen Vertriebsmannschaften Unterstützung. Da aber die Zahlungsbereitschaft der Kunden durch die mangelnde Bekanntheit noch gering ist, ist auch nicht viel Raum für attraktive Vertriebsprovisionen an die Versicherungsvermittler. Die Ergo hat versucht, aus der Not eine Tugend zu machen: Ihr Kooperationspartner Deutsche Telekom habe ein technisch konkurrenzfähiges Produkt, das er zudem in seinen eigenen Shops verkauft – als Ergo-Schutzbrief für 24 Euro jährlich zuzüglich des Beitrags für die Hausratversicherung. Genauso wird ein Paket über die Ergo-Vertreter an Versicherungskunden verkauft. „Das ist ein doppelter Vertriebsansatz. So werden viele Kunden erstmals im Telekom-Shop mit der Ergo in Berührung kommen“, sagt Rolf Mertens, Bereichsleiter Spartenmanagement Haftpflicht- und Sachversicherung der Ergo.

          Keine Überwachung

          Entscheidend für den Erfolg solcher Modelle sei die Tatsache, dass der Versicherungskunde Herr über seine Informationen bleibe. „Wir bekommen keine Daten durch die Sensoren – nur den Alarm“, sagt Mertens. Kein Kunde wolle, dass seine Haushaltsführung überwacht wird. Das aber beschränke gerade die Wirkweise der neuen Technik, meint Panasonic-Manager Doepfer. „Ein Haus ist ein Einbruchsrisiko, wenn der Kunde nicht zu Hause ist. Je seltener er zu Hause ist, desto höher könnte sein Tarif sein“, sagt er. „Aber genau das will keiner preisgeben.“ Ganz ähnlich ist es bislang noch in der Autoversicherung, wo ein Kunde, der seinen Fahrstil durch die Telematiktechnik prüfen lässt, allenfalls überschaubare Rabatte erzielen kann.

          Doch für die Versicherer geht es momentan eher darum, ihren Kunden ein anderes Serviceerlebnis zu vermitteln. „Wir wollen ihnen ein stärkeres Gefühl von Sicherheit geben“, sagt Stefan Richter, Sachversicherungsvorstand der Provinzial Nordwest, der mit dem Anbieter Lupus zusammenarbeitet. Assistance-Leistungen, die dem Kunden das Leben erleichtern, würden oft als Gängelung erlebt – zum Beispiel, wenn der Versicherer ihn nach einem Autounfall in die für ihn günstige Werkstatt lenke. „Wir haben gute Erfahrungen mit der Hilfe innerhalb von Sekunden gemacht. Der Kunde soll uns öfter als Schutzengel erleben“, sagt Richter.

          Diese veränderte Form des Services sei wichtiger als der womöglich geringere Schadenaufwand, durch den der Versicherer weniger zahlen muss. Datenschutz sei ein wichtiges Thema für die Durchsetzung von Smart-Home-Versicherungen. In vielen Fällen würden Daten zumindest vorübergehend in der Cloud gespeichert. Außerdem müssten Anbieter darauf achten, kein Gefühl der Überwachung zu erzeugen. „Es darf nicht sein, dass der Rollladen gesenkt wird, und der Versicherer ist dabei“, sagt Richter. Jedenfalls kann er von zufriedenstellenden Zahlen berichten. Einzelne Kunden seien schon wegen der Smart-Home-Komponente zur Provinzial Nordwest gewechselt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          DFB-Pokal : Die Bayern verlernen das anständige Verlieren

          Nach der Niederlage im Pokalfinale geben die Münchner kein gutes Bild ab. Länger als Stilfragen dürfte den deutschen Fußball aber das Ausrufezeichen durch den künftigen Bayern-Trainer Kovac beschäftigen. Ein Kommentar.

          Schuldenstreit : Europa macht Druck auf Italien

          Die künftige Regierung in Rom wendet sich weiter verbal von ihren europäischen Verpflichtungen ab. Mehrere Länder mahnen Italien. Ihre krasseste Forderung zumindest haben die Populisten wieder einkassiert.

          Bamf-Skandal : Hinweise auf Probleme bereits 2016

          Schon im Januar 2016 gab es Hinweise auf Unregelmäßigkeiten in der Bremer Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Eine anonyme Information dazu war in Berlin eingegangen.
          Manchmal müssen Nutzer sogar telefonieren, um an ihre Daten zu kommen.

          Unternehmen müssen liefern : So kommen Sie an Ihre Daten

          In nicht mal einer Woche tritt die neue EU-Datenschutzgrundverordnung in Kraft. Nutzer haben dann das Recht zu erfahren, welche Daten Unternehmen über sie gespeichert haben. Aber es gibt einiges zu beachten

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.