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Branchenkrise : Rendite der Lebensversicherer im freien Fall

Erdbeeren im Überfluss: Viele Lebensversicherungen haben eine einheitliche Bauart Bild: Kretzer, Michael

Der Lebensversicherungsmarkt besteht aus vielen verschiedenen, aber vergleichbaren Versicherungen. Die Branchenkrise bringt neue Modelle hervor - die den Verbrauchern nicht so recht schmecken.

          Mit Erdbeermarmelade hat die deutsche Lebensversicherung schon lange keiner mehr verglichen. Selten werden Versicherungskunden nach dem Kauf einer Police mit demselben Lächeln gesichtet, das Konfitüreliebhabern beim Frühstück aufs Gesicht geschrieben steht. Und doch passt der Vergleich von Reiner Will: Heute bestehe der Lebensversicherungsmarkt aus 70 verschiedenen Erdbeermarmeladen, die alle zwar eine unterschiedliche Rezeptur hätten, sagte der Geschäftsführer der Ratingagentur Assekurata am Montag in Köln. Durch ihre einheitliche Bauart seien sie aber immerhin noch vergleichbar.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Demnächst wird es auch Brombeere, Stachelbeere, Banane und vielleicht Orange geben“, prognostizierte er, nachdem er seine diesjährige Studie zur Überschussbeteiligung in der Lebensversicherung vorgestellt hatte. Doch für die Altersvorsorge werde die Ausweitung des Sortiments negative Folgen haben, schloss er aus seinem fruchtigen Vergleich. „Mehr Produktauswahl wird nicht zu mehr Geschäft führen“, sagte Will voraus.

          Die Transparenz leidet

          Mit seiner Analogie aus dem Lebensmittelsektor veranschaulichte er eine Konsequenz aus der Branchenkrise, die Verbrauchern nicht so recht schmecken kann. Denn Produkte mit verschiedenen Garantiekonzepten, wie sie sich die unter Druck stehenden Versicherer ausdenken, lassen sich schwer vergleichen. Die Transparenz leidet. Der Kunde wird noch verunsicherter. Ursache dieser Entwicklung ist der Niedrigzins, der von Jahr zu Jahr stärker an den Lebensversicherern nagt. Denn in der Hochzinsphase haben sie großzügige Nominalzinsversprechen an ihre Kunden abgegeben.

          Heute belasten sie diese Garantien, weshalb immer weniger Mittel zur Verfügung stehen, um ihre jüngeren Policen zu bedienen. Für das am besten verkaufte Produkt, die private Rentenversicherung, bedeutet das: Gegenüber dem Vorjahr hat sich die durchschnittliche laufende Verzinsung um 0,2 Prozentpunkte auf 3,4 Prozent vermindert. Nur noch 4 von 65 untersuchten Unternehmen (Mylife, Targo, Ideal, Heidelberger Leben) bieten eine laufende Verzinsung von mehr als 4 Prozent. 52 Anbieter haben ihre Überschussbeteiligung gesenkt.

          Niedrige Zinsen und lange Laufzeiten

          Für einen Kunden, der eine Rentenpolice abschließen will, ist eine andere Zahl noch aufschlussreicher: Konnten die Unternehmen noch im Jahr 2008 einem Kunden bei 25 Jahren Vertragslaufzeit eine Beitragsrendite von 4,2 Prozent in Aussicht stellen, liegt sie für Neukunden sechs Jahre später genau um einen Prozentpunkt niedriger. So hoch würde die Verzinsung der Beiträge jährlich ausfallen, wenn das Zinsumfeld so bliebe wie derzeit. Die besten Werte weisen hier die Interrisk, Europa, Targo und VHV auf.

          Und gerade noch zwei Anbieter garantieren eine Verzinsung oberhalb der Inflationsrate. Die durchschnittliche garantierte Beitragsrendite liegt wegen der Kostenbelastung der Verträge nur bei 0,9 Prozent. Weil sich Verbraucher durch die lange Vertragsbindung finanziell einschränken, kommen Zweifel auf. „Es muss ein Fragezeichen gesetzt werden, ob der Verzicht auf Liquidität durch solche Beitragsrenditen noch gerechtfertigt ist“, sagte Will, der grundsätzlich wohlwollend auf die Branche blickt.

          „Die Überschussbeteiligung wird weiter sinken“

          Die geringe Verzinsung aus festverzinslichen Papieren greift das Geschäftsmodell an. In diesem Jahr mussten die Versicherer laut der Studie 7 Milliarden Euro in eine Zinszusatzreserve einstellen, die dazu dient, Verträge mit Garantiezinsen von 3,5 und 4 Prozent sicher bedienen zu können. Das ist eine Milliarde Euro mehr als von der Finanzaufsicht Bafin prognostiziert. Er basiert auf einem Referenzzins, den die Unternehmen bei höchster Bonität des Emittenten erwirtschaften können. Assekurata prognostiziert, dass dieser Referenzzins von 3,4 weiter auf 3,2 Prozent sinken wird.

          „Die Überschussbeteiligung wird also auch im kommenden Jahr weiter sinken“, stellte Will in Aussicht. Denn zu den 13,5 Milliarden Euro, die schon in der Reserve liegen, dürften 8 bis 10 Milliarden hinzukommen. Dadurch wird der auf die Kunden verteilbare Zinsüberschuss weiter geschmälert. Aus Sicht der Ratingagentur ist es angesichts der Zinssituation auch kaum abwendbar, dass der Höchstrechnungszins sinken wird.

          Man darf gespannt sein

          Bliebe die Umlaufrendite festverzinslicher Papiere auf dem heutigen Stand von 1,4 Prozent, würde ihr Zehnjahresdurchschnitt das aktuelle Garantiezinsniveau von 1,75 Prozent Mitte 2016 unterschritten. Spätestens dann wäre das Bundesfinanzministerium gezwungen, es zu senken. Erst wenn sich die Umlaufrendite bei 3,25 Prozent einpendelte, würde der heutige Garantiezins gar nicht unterschritten. Da dies aber sehr unrealistisch ist, rechnet eine große Mehrheit von 45 Anbietern mit einem Garantiezins von 1,25 Prozent.

          Eine solche Senkung wiederum hätte gravierende Folgen: Die durchschnittliche Beitragsrendite eines 25 Jahre laufenden Vertrags würde auf 0,3 Prozent sinken. „Es ist eine Branche, die sehr hart mit der derzeitigen Zinslage zu kämpfen hat“, sagte Will. Und um sich zu entlasten, sind immer mehr Anbieter versucht, andere Garantieformen zu entwickeln. Allianz, Ergo und Axa sind zuletzt mit neuartigen Produkten auf den Markt gekommen. Man darf gespannt sein, was in den Geschmackslaboren der Branche noch für neue Geschmacksrichtungen hervorgebracht werden.

          Quelle: F.A.Z.

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