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Autoversicherung : „Google verdient sehr viel Geld mit Versicherungen“

Der Vorstandschef der HUK Coburg Klaus-Jürgen Heitmann Bild: dpa

Keiner verkauft so viele Autoversicherungen wie die HUK-Coburg. Doch es gibt neue, mächtige Konkurrenten.

          Die Hauptverwaltung der HUK-Coburg ist ein bisschen aus der Zeit gefallen. Ein gesichtsloser Zweckbau im Stil der siebziger Jahre, vier Stockwerke, ein bisschen Glas, ein bisschen Grau. Seit fast einem halben Jahrhundert hat der Versicherer hier mitten in dem oberfränkischen Städtchen seinen Firmensitz. Um Formen und Farben geht es nicht bei dem früheren Beamtenversicherer. Der Glanz kommt aus dem Geschäft, und das ist in erster Linie die Autoversicherung. Hier ist die HUK unangefochtener Marktführer.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Mag die Fassade des Versicherungskonzerns so aussehen wie eh und je, dahinter stehen die Zeichen auf Veränderung. Denn der Marktführer weiß, dass sich keine Versicherung besser für den schnellen Internetabschluss eignet als die Autoversicherung. Das hat sich gerade erst wieder im Jahreswechselgeschäft gezeigt. Mehr als eine Million Policen vermittelte das Vergleichsportal Check 24, so viel wie noch nie. HUK-Coburg ist auf dieser Plattform nicht vertreten und stoppt auch den Verkauf über das Vergleichsportal Verivox.

          Autoversicherung verkauft sich am besten über Internet

          Aus gutem Grund, wie der Vorstandsvorsitzende Klaus-Jürgen Heitmann im Gespräch mit der F.A.Z. sagt: Es sei schlicht zu teuer. „Das Geschäftsmodell der Vergleichsportale zielt darauf ab, dass die Kunden jedes Jahr ihre Versicherung wechseln, weil dann die Provisionen fließen. So wird, angetrieben durch immer neue Provisionen, eine Preisspirale befeuert, die den Versicherungsschutz am Ende für alle Kunden teurer macht“, erklärt Heitmann. „Wir wollen den Vergleichsportalen nicht in die Hände spielen, indem wir ihre Wechselautomaten mit Provisionen füttern.“

          Tatsächlich ist in der Branche zu hören, dass Check 24 für Vertragsabschlüsse Provisionen von angeblich 100 Euro und mehr verlangt. Viele Versicherer machen notgedrungen mit, weil sie schlicht zu unbekannt sind, um in großem Stil Online-Abschlüsse auf ihren eigenen Websites zu gewinnen. Doch auch die HUK-Coburg, einst als „Haftpflicht-Unterstützungs-Kasse kraftfahrender Beamter Deutschlands“ gegründet, kann sich in der digitalen Welt auf ihre Markenstärke nicht verlassen. Vor Jahren scheiterte der kostspielige Versuch, mit Transparo ein eigenes Vergleichsportal zu etablieren. Seitdem ist der Wettbewerb noch härter geworden.

          Und für viele ist es nur eine Frage der Zeit, wann hierzulande Google und Amazon den Versicherungsmarkt richtig aufmischen. „Google verdient schon heute sehr, sehr viel Geld mit Versicherungen“, sagt Heitmann. „Um Neugeschäft zu bekommen, kaufen sich viele Anbieter in den ,Sponsored Link‘ ein, um bei den Suchtreffern vorne aufgelistet zu werden. Das ist für Google wahnsinnig lukrativ.“ Wer in der Suchmaschine das Wort Autoversicherung eingibt, findet als Erstes vier Einträge, die klein als Anzeige gekennzeichnet sind. Diese Werbeplätze versteigert Google unter Versicherern, und dort bietet auch die HUK munter mit.

          Das Rund-um-Sorglos-Paket

          An dem Silicon-Valley-Giganten kommt offenkundig niemand mehr vorbei. Mit Sorge sieht Heitmann, dass sich die großen Internetkonzerne ebenso wie die vielen jungen Start-ups immer stärker zwischen den Kunden und den Versicherer mit seiner Policenfabrik schieben. Für das eigene Unternehmen hat der seit knapp einem Jahr amtierende Vorstandschef ein klares Ziel ausgegeben: „Wir wollen nicht Zulieferer für Google, Amazon & Co. werden.“ Deshalb sucht die HUK-Coburg nicht nur beim Policenverkauf oder im Schadensfall den Kontakt zum Kunden.

          Vor einiger Zeit hat sie ein Netz von Autowerkstätten aufgebaut. Dort werden die Unfallreparatur, der Reifenwechsel und die klassische Inspektion angeboten. Und in Düsseldorf betreibt die HUK einen eigenen Autohandel. All das müsse um digitale Produkte auf dem Smartphone des Versicherungsnehmers ergänzt werden, sagt Heitmann. „Um den Kunden so wie heute zu bedienen, müssen wir künftig relevanter sein, indem wir sogenannte Ökosysteme aufbauen. Das heißt, wir bieten nicht nur die Autoversicherung an, sondern zum Beispiel auch den Autoservice in unseren Partnerwerkstätten. Und auch Apps auf dem Smartphone, die beim Finden von Parkplätzen oder Tankstellen helfen, können wir uns vorstellen.“

          Auf die Preise wird geachtet

          Später als andere ist der Versicherer aus Oberfranken in das Geschäft mit den Telematik-Tarifen eingestiegen, in dem der Autofahrer eine Versicherungsprämie abhängig vom Fahrverhalten zahlt. Während sich die meisten Konzerne darauf beschränkten, das Fahrverhalten per Smartphone-App zu überwachen, ließ die HUK eine Telematik-Box in das Fahrzeug des Kunden einbauen.

          Das erwies sich als zu teuer für den Massenmarkt, wie Heitmann jetzt einräumt. Spätestens in einem Jahr soll es eine neue Telematik-Versicherung geben – ohne Box, sondern mit einer Art Vignette in der Windschutzscheibe. Der Datenschutz sei garantiert, weil die sensiblen Kundendaten in einer eigenen Gesellschaft gesammelt würden, auf die der Versicherer keinen Zugriff habe.

          Penibel achten die Coburger zudem darauf, in den Augen des Kunden als preiswert wahrgenommen zu werden. Als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit können Überschüsse leicht in Produkte und Preissenkungen fließen, während die börsennotierten Gesellschaften unter den Versicherern ihren Aktionären eine Dividende zahlen müssen. Mit einer Vertriebs- und Verwaltungsquote von rund 10 Prozent gilt die HUK-Coburg als Kostenführer.

          Ihre Marktführerschaft will sie auch in diesem Jahr gegenüber der Allianz Deutschland verteidigen. 11,2 Millionen Fahrzeuge waren 2016 bei der HUK unter Vertrag, 2017 wurde die Zahl noch einmal gesteigert, wie Heitmann sagt: „Im vergangenen Jahr haben wir gut 400 000 Autos mehr versichert und auch die Beitragseinnahmen sind noch einmal deutlich gestiegen. So viel werden wir in diesem Jahr nicht drauflegen, gehen aber von einem erfreulichen Wachstum aus.“

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