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F.A.S. exklusiv : „Wir Krankenkassen schummeln ständig“

Ein Skandal! Wie funktioniert das?

Die Kassen bezahlen zum Beispiel Prämien von zehn Euro je Fall für Ärzte, wenn sie den Patienten auf dem Papier kränker machen. Sie bitten dabei um „Optimierung“ der Codierung. Manche Kassen besuchen die Ärzte dazu persönlich, manche rufen an. Und es gibt Verträge mit Ärztevereinigungen, die mehr und schwerwiegendere Diagnosen zum Ziel haben. Zudem lassen sich die Kassen in diese Richtung beraten. Dafür fallen Honorare an. Für all das haben die Kassen seit 2014 eine Milliarde Euro ausgegeben. Die fehlt für die Behandlung der Patienten. Das ist der Skandal!

Welche Kassen machen das?

Alle, auch wir können uns dem nicht völlig entziehen.

Aber das ist illegal.

Eine Klärung dieser Frage wäre wirklich hilfreich.

Bei welchen Krankheiten kommt das besonders oft vor?

Bei den Volkskrankheiten, also Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und auch psychischen Krankheiten. Bei uns hat sich die Zahl der Fälle von Depressionen in den vergangenen vier Jahren vervierfacht. Und das sicher nicht nur, weil die Leute kränker werden und das Problem weniger stigmatisiert wird.

Wie lukrativ ist das „optimierte“ Abrechnen für die Kassen?

Sehr. Am intensivsten machen das die großen regionalen Kassen. Sie bekommen in diesem Jahr voraussichtlich eine Milliarde Euro mehr, als sie tatsächlich für die Versorgung ihrer Versicherten benötigen. Umgekehrt bekommen die Ersatzkassen wie die TK 700 Millionen Euro weniger, als sie tatsächlich bezahlen müssen. Das hat mit gesundem Wettbewerb nichts zu tun. Ohne diese Manipulationen könnte unser Beitrag um 0,3 Prozentpunkte niedriger liegen.

Und warum stellt die Aufsicht diese Praxis nicht ab?

Weil es die eine Aufsicht nicht gibt. Das Bundesversicherungsamt und die Landesaufsichten sehen das ganz unterschiedlich und agieren nicht einheitlich.

Warum machen Sie die Schummelei öffentlich und klagen sich selbst an?

Weil ich möchte, dass das System manipulationsresistent gemacht wird.

Themenwechsel: Überall wird die Welt digitalisiert, zuletzt wurde Industrie 4.0 zum Schlagwort. Was kann die Digitalisierung des Gesundheitswesens den Patienten bringen?

Die nächste medizinische Revolution findet im Internet statt. Aber ich muss gestehen, die Krankenkassen sind hier erst am Anfang, sagen wir mal Kasse 1.0. Wir können da als Techniker auch nicht so viel allein machen, denn das ganze System funktioniert noch mit ganz viel Papieraufwand. Da müssen alle zusammenarbeiten. Aber die großen Kassen sind alle dabei, das jetzt anzugehen.

Was macht die TK?

Eines unserer größten Projekte ist die digitale Gesundheitsakte. Wir wollen, dass alle Kassen verpflichtet werden, sie ihren Versicherten anzubieten. Ob ein Kunde sie nutzen möchte, bleibt ihm allein überlassen. Hier könnten wichtige Daten wie Diagnosen, verordnete Medikamente, Behandlungsschritte und Röntgenbilder auf einem sicheren Server gespeichert werden.

Was bringt das?

Qualität! Es vermeidet Doppelbehandlungen, weil auch die anderen behandelnden Ärzte sehen könnten, was der Kollege gemacht hat und welche Medikamente der Patient einnimmt. Es hilft dem Versicherten, den Überblick über seinen Zustand und die verordneten Therapien zu bewahren. Und wenn die Daten anonymisiert der Forschung zur Verfügung gestellt werden könnten, nutzt es der Wissenschaft, einen besseren Einblick in den Gesundheitszustand und die Behandlung der Menschen in Deutschland zu bekommen. Hilfreicher Nebeneffekt: Der Arzt wird von unnötiger Bürokratie entlastet und gewinnt Zeit für seine Patienten.

Die Idee kommt uns bekannt vor. Das soll doch die elektronische Gesundheitskarte leisten, die die Regierung mit Milliardenaufwand entwickeln ließ.

Ja, das sollte sie. Aber die Idee ist tot, das war kein Ruhmesblatt von Kassen und den Ärzten. Wir haben uns zerstritten über die Kosten und das, was wir dafür bekommen, aber auch die Folgen der Transparenz. Viele Ärzte und vor allem die Arztlobbygruppen haben Angst vor dieser Transparenz.

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