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Keine Ahnung von Risiko : Teure Umwelt- und Gesundheitspanik

  • -Aktualisiert am

Viele Länder lagerten 2007 einen großen Vorrat des Vogelgrippe-Medikaments Tamiflu ein. Später wurde es als Sondermüll entsorgt. Bild: AP

Die meisten Menschen können mit Risiken und Wahrscheinlichkeiten nicht umgehen. Für Angstmacher ein Vorteil, ein Hemmnis für alles Neue und am Ende schädlich. Ein Gastbeitrag.

          Wie erkennt man eine echte Prinzessin? Laut Hans Christian Andersen daran, dass sie auch durch zwanzig Matratzen von einer Erbse gepiesackt wird. Genauso lassen sich Millionen von Bundesbürgern seit Jahrzehnten durch Nichtigkeiten von einer Panik in die nächste treiben: Acrylamid und BSE, Nitrofen und Dioxin (alles natürlich immer nur in den praxisrelevanten Dosen), Glycol im Wein, Ehec im Salat und Amalgam in den Zähnen, Nitrat im Grundwasser und Glyphosat im Bier, Vogelgrippe und Schweinepest, Milzbrand, Strahlen und Elektrosmog – ein Wunder, dass wir noch am Leben sind.

          In Wahrheit nimmt die in Lebenserwartung gemessene Gesundheit aller Deutschen ständig zu. Die aktuellen Angstmacher heißen Feinstaub, Stickoxid und Fipronil, das neue Eiergift. Anders als bei der Dioxin-Eierpanik 2011, als viele deutsche Medien die Welt fast untergehen sahen, sind zwar die seriöseren Kommentare diesmal um Sachlichkeit bemüht und lassen offen, ab wie viel hundert täglich konsumierten Eiern eine Fipronil-induzierte Übelkeit zu befürchten ist. Aber die Nachrichten sind trotzdem voll davon, viele Deutsche sind in Angst.

          Die Aufregung ist ein Luxus

          Dieses Prinzessin-auf-der-Erbse-Syndrom ist ein weiterer Beweis für das berühmte Weber-Fechnersche Gesetz aus dem 19. Jahrhundert, wonach bei kleinen Reizen schon kleinste Zuwächse zu Irritationen führen: Je besser die Umweltqualität, desto mehr regt uns ein Staubkorn auf der Windschutzscheibe auf. Die meisten der in unseren Medien zelebrierten Mini- und Midi-Gefahren wären unseren Eltern wie Kleinigkeiten erschienen. Die aufgeregte Beschäftigung damit ist ein Luxus.

          Die Hypersensitivität auch gegen kleinste Risiken des modernen Lebens hat eine Wurzel wohl auch darin, dass es der großen Mehrheit an grundlegenden statistischen Kenntnissen fehlt, mit denen sie kleine oder bedingte Wahrscheinlichkeiten richtig einschätzen könnten.

          Die Verhaltensökonomie hat nachgewiesen, dass Menschen sich bei Entscheidungen unter Unsicherheit schwer damit tun, mit kleinen (oder auch größeren) Eintrittswahrscheinlichkeiten für bestimmte Ereignisse richtig umzugehen. Sehr kleinen Wahrscheinlichkeiten wird oft übermäßig viel Beachtung geschenkt, das verzerrt die Handlungen und Reaktionen und führt zu Fehlentscheidungen und inkonsistentem Verhalten.

          Dagegen könnte nur eine verstärkte Ausbildung und Aufklärung schon in den Schulen etwas ausrichten. Sie würde auch jenen, die mit verzerrten Statistiken die Menschen blenden oder irreführen wollen, das Handwerk erschweren.

          Milliarden gegen nicht-existente Gefahren

          Die hier kritisierte Hypersensitivität für Umwelt- oder Gesundheitsgefahren richtet zudem großen wirtschaftlichen Schaden an. Allein die völlig überzogene Sars-Panik vom Anfang 2003 und der dadurch erzeugte Einbruch des Fernost-Fluggeschäftes hat der Lufthansa rund 100 Millionen Euro Verluste eingebracht.

          Mit den 1,5 Milliarden Euro, die Verbraucherministerin Renate Künast seinerzeit in großer Hast und ohne viel Überlegung für die Bekämpfung einer in Deutschland nie existierenden BSE-Gefahr aus dem Fenster geworfen hat, hätte sich die Bundesrepublik für ein Jahr eine Universität vom Kaliber Harvard leisten können.

          Die Schweinepest und die Vogelgrippe schlugen mit je 500 Millionen verschwendeten Euro zu Buche. Von den mehrstelligen Milliardenkosten der Energiewende mit dem überhasteten Atomausstieg ganz zu schweigen. Aktuell schränkt die Ludwigshafener BASF ihre Fipronil-Geschäfte ein, was natürlich mit dem befürchteten Einbruch der Nachfrage als Folge der aktuellen Hysterie zu tun hat.

          Vor Schreck vom Regen in die Traufe

          Eine übertriebene Sensitivität für eingebildete Gesundheitsgefahren kann zudem die Gesundheit schädigen. Wir laufen vor einem Risiko davon und anderen Risiken umso sicherer in die Arme. Der eine oder andere Leser erinnert sich noch an den Schlecker-Babykost-Skandal.

          Damals liefen viele Eltern auf den Markt und bereiteten das Babygemüse selbst zu, nicht wissend, dass deutsches Marktgemüse einen über hundertfach höheren Schadstoffgehalt aufweisen darf und oft auch aufweist, als im am schlimmsten „verseuchten“ Schlecker-Gemüse jemals nachgewiesen worden ist.

          Die Irrationalität ist international. Zum Beispiel sind nach Gerd Gigerenzer durch die Panik nach dem 11. September 2001 in Amerika inzwischen fast mehr Menschen ums Leben gekommen als durch die Terroranschläge am 11. September selbst – die Amerikaner meiden Flüge und fahren vermehrt mit dem Auto, daher kommen mehr Menschen bei Unfällen auf der Straße um.

          Tödliche Vorsorge

          Auch die Asbest-Panik hatte fragwürdige Folgen. Nach Modellrechnungen amerikanischer Statistiker, publiziert in der renommiertesten Wissenschaftszeitschrift „Science“, sind durch die Asbestsanierung und zeitweise Schließung amerikanischer Schulen letztlich mehr Schüler ums Leben gekommen (etwa bei längeren Schulwegen oder im heimischen Swimmingpool), als jemals durch Asbest gestorben wären.

          Die moderne Risikophobie hat auch hohe indirekte Kosten, weil sie Vorbehalte gegen Innovationen und Unbekanntes weckt. Seit dem Farbfernseher trifft insbesondere in Deutschland fast alles Neue, Zukunftsweisende zunächst einmal auf eine große Koalition von „Reichsbedenkenträgern“ (Manfred Lahnstein).

          Es gibt ein riesiges freischwebendes Angst-, Protest- und Verweigerungspotential. Die Beweislast für den Neuerer hat sich umgekehrt: In dynamischen Gesellschaften müssten eigentlich die Gegner des Neuen beweisen, dass das Neue schadet. In Deutschland haben allzu oft die Neuerer zu beweisen, dass das Neue nicht schadet.

          Der Autor ist Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der TU Dortmund.

          Quelle: F.A.Z.

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