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Vergleichsportal in der Kritik : Die Check24-Masche

Viele Anbieter verzichten auf die Zusammenarbeit mit Check24. Dass der Markt so nicht vollständig abgebildet wird, kennzeichnet das Portal nicht. Bild: dpa

Das Vergleichsportal Check24 behauptet, für jeden das beste Angebot zu finden. Doch das ist weit gefehlt. Verbraucherschützer fordern jetzt mehr Transparenz.

          Vergleichsportale sind eigentlich eine prima Sache. Mit einigen Klicks kann ein Verbraucher erfahren, bei welcher Bank das Girokonto am günstigsten ist, wo es fürs Tagesgeld noch einen Zinssatz von 0,8 Prozent gibt, welcher Stromanbieter einen attraktiven Tarif offeriert, bei welcher Versicherung die Kfz-Police am billigsten ist.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Im besten Falle wird auch noch ein Wechselgutschein oder ein Bonus versprochen, wenn man den Vertrag über das Portal abschließt. Das alles erscheint übersichtlich, nutzerfreundlich aufbereitet und wird ständig aktualisiert. 15 Millionen Deutsche nutzen Check24, acht Millionen Verivox, viele andere nehmen Tarifcheck, Biallo oder weitere Portale in Anspruch. 48 Prozent glauben laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa, auf einem Vergleichsportal das beste und billigste Produkt zu finden. Wenn sie sich da mal nicht täuschen.

          Verbraucherschützer warnen vor falschen Versprechungen

          Auf den ersten Blick lassen die Vergleichsportale keine Kundenwünsche offen. „Konsequente Markttransparenz im heutigen Tarif- und Produktdschungel“ verspricht Check24. Verivox veröffentlicht auf seiner Internetseite sogar eine Unabhängigkeitserklärung, in der das Portal erklärt, warum es einen Markt „objektiv“ darstelle. Das alles klingt danach, als ob sich die Vergleichsportale allen Verbraucherinteressen verschrieben haben. Was selbstverständlich diejenigen Verbraucherschützer in Rage bringt, die vom Staat finanziert werden und sich deshalb eines unabhängigen Urteils rühmen.

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          Vor allem die Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) fährt schweres Kaliber auf, um vor falschen Versprechungen zu warnen: Vergleichsportale vermittelten den Eindruck, Verbrauchern beizustehen, das für sie objektiv beste und passendste Produkt zu wählen. „Wer solche Portale nutzt, hat kaum eine Chance, Verzerrungen im Vergleich zu erkennen“, sagt Dorothea Mohn, die beim VZBV das Team Finanzmarkt leitet. Auch Vertreter aus der Versicherungsbranche, die mit Vergleichsportalen zusammenarbeiten, kritisieren im Hintergrund, wie sich Check24 als neutrale Plattform aufspiele.

          Firmen müssen hohe Provisionen zahlen

          Was man als Verbraucher in jedem Falle wissen muss: Vergleichsportale finanzieren sich über Vermittlungsprovisionen und Werbung – Verivox zudem über den Verkauf von Daten. Das heißt, wer als Stromanbieter oder Versicherer mit seinen Tarifen auf dem Portal erscheinen möchte, muss bei einem Abschluss eine Stange Geld bezahlen.

          Aus der Versicherungsbranche verlautet, dass die Provisionssätze, die bei einem Vertragsabschluss an Check24 zu zahlen sind, mitunter deutlich höher liegen als die Sätze für Makler aus Fleisch und Blut. Weil Check24 inzwischen zu einem mächtigen Spieler auf dem Markt geworden ist, ziehen die Provisionen an. Schließe ein Kunde eine Kfz-Versicherung ab, erhalte das Vergleichsportal bis zu 100 Euro Provision, bei Stromtarifen etwa die Hälfte. Deshalb streiten sich Firmen immer mal wieder mit dem Vergleichsportal.

          Viele Tarife tauchen auf den Portalen gar nicht auf

          Viele Firmen verzichten auf eine Zusammenarbeit, beispielsweise Versicherer, die auf dem Markt Rang und Namen haben. Allianz taucht bei Check24 als Marke gar nicht auf, die HUK Coburg, Deutschlands größter Kfz-Versicherer, ebenso wenig. Dass deren Tarife für ein bestimmtes Fahrzeug besser und billiger sein können, ist auf den Portalen nicht zu erfahren. Unlängst hat R+V, hierzulande der fünftgrößte Versicherer, die Zusammenarbeit mit Check24 beendet, so dass die Policen des Direktanbieters R+V24 nicht mehr gelistet werden. Das führt dazu, dass auf dem Markt viel mehr und womöglich bessere Finanzprodukte existieren, die auf den Vergleichsportalen aber gar nicht empfohlen werden.

          Auch bei den Stromanbietern umfasst der Marktvergleich nicht alle Tarife, was aber nicht immer an den Konditionen von Check24 liegt. Manche Stromfirmen bleiben dem Portal fern, weil ihre Tarife nicht zu den allergünstigsten zählen und sie damit gar keine Chance haben, auf dem Vergleichsportalen auf den vordersten Plätzen aufzutauchen. Die Erfahrungen zeigen, dass die meisten Portalnutzer sich nur die fünf bis sieben oben gelisteten Angebote anschauen und den großen Rest weitgehend ignorieren, obwohl sie ihrem Bedarf womöglich besser entsprächen. Einen Verdacht, der oft kursierte, hat eine Studie der Beratungsfirma Morgen&Morgen im Auftrag des VZBV entkräftet: Ein guter Platz auf den Vergleichslisten werde offensichtlich nicht durch höhere Provisionszahlungen erkauft.

          Die voreingestellten Filter sorgen dafür, dass der Kunde vorerst nur die Anbieter sieht, die auch Provision an Check24 zahlen.
          Die voreingestellten Filter sorgen dafür, dass der Kunde vorerst nur die Anbieter sieht, die auch Provision an Check24 zahlen. : Bild: dpa

          Filter erschweren die Suche

          Während Verivox ausdrücklich zugibt, dass einige Firmen nicht aufgelistet werden wollen und deshalb der Markt „nicht vollständig“ abgebildet werde, ist das bei Check24 so nicht zu lesen. Wer feststellen will, welche Versicherungen am Vergleich teilnehmen und welche nicht, der muss einige Male klicken und scrollen. Bei der Suche nach einer privaten Haftpflichtversicherung, so hat eine Stichprobe gezeigt, werden 114 Tarife angezeigt. Unter dem Link „teilnehmende Versicherungen“ kann man nachzählen, dass die Angebote von 39 Versicherern kommen – und 65 Versicherer gar nicht teilnehmen. Wer in einen Supermarkt geht, weiß auch, dass er dort nicht alles kaufen kann, heißt es von Check24 dazu. Zudem weist das Vergleichsportal darauf hin, dass ein Makler, der einen Kunden berät, auch nicht die gesamte Angebotspalette sondiere, sondern aus einer überschaubaren Zahl von Produkten auswähle.

          Zu der eingeschränkten Marktübersicht kommen noch weitere Tücken hinzu, wie Studien zeigen. So wird die Suche nach den besten Angeboten durch voreingestellte Filter erschwert, die zunächst nur die Vertragspartner in den Vergleich einbeziehen, die Provisionen zahlen. Das Hamburger Institut für Finanzdienstleistungen hat im VZBV-Auftrag die fünf Vergleichsportale Check24, Verivox, FinanceScout24, Toptarif und Biallo untersucht und dabei die Vergleiche für Girokonten, Ratenkredite und Kfz-Versicherungen betrachtet.

          Versicherungen decken Bedarf nicht immer ab

          So kam bei den Konten und Krediten heraus, dass zunächst nur von „Check24 geprüfte Banken“ angezeigt wurden. Wer den Filter ausschaltet, sieht dann eine andere Rangliste und erkennt das tatsächlich preiswerteste Angebot. Bei den Ratenkrediten kam es von der Deutschen Skatbank. Sie ist allerdings kein Vertragspartner von Check24, so dass kein Abschluss über das Vergleichsportal möglich ist.

          Dass die empfohlenen Versicherungen nicht immer den wirklichen Bedarf des Konsumenten abdecken, hat Morgen&Morgen in seiner Untersuchung herausgefunden. In drei speziellen Fällen wurde durchgespielt, ob eine private Haftpflichtversicherung zum Kunden passt. Zweimal war das Ergebnis bei den vier untersuchten Portalen Check24, Verivox, Mr-Money und Tarifcheck tadellos, im dritten Fall aber waren bestimmte Risiken durch die empfohlene Haftpflichtversicherung nicht abgedeckt. Das galt vor allem für Check24, bei dem nur zwei der ersten 15 genannten Tarife passten, weil Heizöltank, Photovoltaikanlage oder vermietete Eigentumswohnung nicht versichert waren.

          Begriff „Vergleichsportal“ soll geschützt werden

          Die Studie kommt zu dem Schluss: Je komplexer die Risikosituation des Kunden ist, desto größer die Gefahr, einen falschen Tarif abzuschließen. „Damit für denjenigen, der anfragt, das beste Angebot geliefert werden kann, sind mehr und genauere Fragen nötig. Aber damit würde man die Leute wohl überfrachten“, sagt Nikolai Dördrechter, Finanzchef der Policen Direkt-Gruppe, zu der auch ein Vergleichsportal von Zusatzversicherungen namens Covomo gehört.

          „Vergleichen“ und „Sparen“? Das vielleicht. Aber nicht immer passt das Angebot auch zum Bedarf der Kunden.
          „Vergleichen“ und „Sparen“? Das vielleicht. Aber nicht immer passt das Angebot auch zum Bedarf der Kunden. : Bild: dpa

          Weil es Vergleichsportalen bei sogenannten Vertrauensgütern wie Versicherungen und Krediten an Transparenz mangelt, fordern Verbraucherschützer vom Gesetzgeber einen Begriffsschutz: Finanzvermittler, die auf Provisionen angewiesen sind, sollen sich nicht „Vergleichsportal“ nennen dürfen. „Zahlungen, die den Vertrieb lenken, müssen ausgeschlossen werden“, sagt VZBV-Finanzfrau Mohn. In letzter Konsequenz würde dies bedeuten, dass Check24 in seiner jetzigen Form die Geschäftsgrundlage entzogen würde.

          Check24 soll sich als Makler kennzeichnen

          Schon jetzt weist Check24 darauf hin, dass es als Makler arbeitet; jedoch allzu sehr im Verborgen, wie das Oberlandesgericht München nach einer Klage des Bundesverbandes Deutscher Versicherungskaufleute jüngst in letzter Instanz entschied. Zwar erklärt Check24 in der Fußzeile seiner Versicherungsseite unter dem Punkt „Erstinformation“ in einem zu öffnenden Dokument, dass es als Versicherungsmakler tätig ist.

          Allerdings fordern die Richter, dass dies deutlicher herausgestellt werden müsse. Check24 hat angekündigt, an einer sichtbareren Lösung zu arbeiten, sobald das Gericht seine Urteilsbegründung zugestellt hat. „Wir sehen aber, dass unser Geschäftsmodell bestätigt wurde“, heißt es aus dem Unternehmen. Konkurrent Verivox ist schon weiter, weist sofort im Zentrum der Homepage darauf hin, dass man sich durch Provisionen finanziert. Check24 dagegen glaubt, dass die Kunden längst wüssten, mit wem sie sich einlassen.

          Fragen zum Kundenbedarf werden verbessert

          Was die vom Gericht überdies geforderte Beratungsleistung angeht, so ist Check24 schon im Laufe des Verfahrens auf einige Kritikpunkte eingeschwenkt und hat nachgebessert. Die Richter hatten bemängelt, dass die persönliche Situation des Kunden nicht ausreichend abgefragt würde. Check24 hat inzwischen die Fragen zum Bedarf der Kunden erweitert. Beispielsweise werden vor Abschluss einer privaten Haftpflichtversicherung nun auch bestimmte Hobbys oder ehrenamtliche Tätigkeiten abgefragt. Oder es wird gefragt, ob es sich bei einer Hausratversicherung eines Studenten um einen Hauptwohnsitz handelt oder um einen Nebenwohnsitz, der womöglich schon von der elterlichen Police abgedeckt wird. Das alles, sagt Check24, hätte auch ohne Gerichtsverfahren geklärt werden können.

          Vielleicht geht das größte Vergleichsportal demnächst ja von sich aus weiter. „Check24 wäre aufgrund seiner Marktmacht in der Lage, überall bessere Vertragsbedingungen durchzusetzen“, sagt Versicherungsmann Dördrechter: „Im Idealfall bekommt ein Kunde mehr Leistung für weniger Geld.“ Danach sieht es aber längst noch nicht aus.

          Quelle: F.A.S.

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