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Schutz gegen Ungemach : Versicherungen, die kein Mensch braucht

Bild: Getty

Die Deutschen horten gerne Versicherungen. Dabei sind viele davon überflüssig. Welche Sie brauchen, und auf welche Sie getrost verzichten können.

          Wenn die Deutschen eines besonders gut können, das belegen Umfragen immer wieder, dann ist es das Schwarzsehen. Hiermit ist nicht etwa das Fernsehen ohne GEZ-Gebühren gemeint, sondern die Angewohnheit, besonders finster aufs Leben und in die Zukunft zu blicken. Die Bundesbürger sind ein Volk von Pessimisten, in Umfragen sagt nur jeder Dritte: Ich bin Optimist. Das Ausland hat für diese Lebenseinstellung auch einen Begriff gefunden, „German Angst“.

          Nadine Oberhuber

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wohl aus dieser Angst heraus ist unsere Nation noch in einer anderen Disziplin führend: beim Kauf von Versicherungen nämlich, die gegen möglichst jedes Ungemach schützen sollen. Dafür zahlen wir Geld ohne Ende. Im Schnitt kommt jeder Deutsche auf sechs Versicherungsverträge, für die er jährlich 2371 Euro zahlt. Das sind 630 Euro mehr, als ein Durchschnittseuropäer ausgibt, hat der europäische Versicherungsverband ausgerechnet. Und es ist weitaus mehr, als jeder Bundesbürger noch vor zehn oder 20 Jahren ausgab, 1995 kam man im Durchschnitt nämlich für solche Verträge nur auf 1362 Euro.

          Von den rund 2400 Euro, die wir heute für Versicherungen aller Art ausgeben, fließen üblicherweise knapp 1150 Euro in die Altersabsicherung, knapp 800 in Schaden- und Unfallversicherungen und 450 Euro in Policen für den Krankheitsfall. Insgesamt entspricht dies Ausgaben in Höhe von 200 Euro im Monat, was erst einmal gar nicht so dramatisch klingt. Aber: Es versteht sich pro Kopf, das bedeutet, ein Vierpersonenhaushalt gibt satte 800 Euro jeden Monat für die Absicherung von Risiken aus statt für die Ausgestaltung des eigenen Lebens. Auch das ließe sich vielleicht noch rechtfertigen, wenn es das Leben nach einem Notfall tatsächlich erleichtern würde. Doch die bittere Wahrheit lautet: Viele von uns haben Versicherungsverträge, die in Wirklichkeit kein Mensch braucht.

          64 Milliarden Euro jährlich zahlen Bundesbürger an Beiträgen

          Eine Zahl der Versicherungsbranche veranschaulicht das: Etwa 64 Milliarden Euro jährlich zahlen Bundesbürger an Beiträgen für Schaden- und Unfallversicherungen. Doch bloß 48 Milliarden Euro davon schüttet die Branche für tatsächliche Schäden an Betroffene aus. Heißt im Umkehrschluss: 16 Milliarden Euro pro Jahr zahlt die gesamte Nation zur Absicherung einer Situation, die nie eintritt. Das Geld dafür könnten wir uns glatt sparen.

          Die Sterbegeldversicherung ist aus Sicht von Finanzexperten die überflüssigste Versicherung. Sie ist ein Sparvertrag und im Prinzip nichts anderes als eine Mini-Kapitallebensversicherung (von der Versichertenverbände ohnehin abraten), an deren Ende eine Auszahlung von 5000 oder 7500 Euro steht. Dabei spart der Kunde selbst das Geld an, das später an seine Hinterbliebenen ausgeschüttet wird, damit die beispielsweise davon seine Beerdigungskosten bezahlen können. Die Idee ist im Prinzip gut, wenn jemand seinen Angehörigen nicht zur Last fallen will, doch die Policen sind in aller Regel viel zu teuer. Denn ein Großteil der eingezahlten Beiträge wird gar nicht angespart, sondern geht für die Verwaltung drauf oder verschwindet in den Risikopuffern der Versicherungsgesellschaften.

          Erst recht für ältere Kunden lohnen sich solche Verträge nicht. Wer beispielsweise mit 65 Jahren einen solchen Vertrag abschließt, der 20 Jahre läuft und der den Angehörigen ein Sterbegeld von 5000 Euro hinterlassen soll, der hat am Ende 7250 Euro eingezahlt, weil die Sicherheitszuschläge so hoch sind. Da wirft ein Banksparplan selbst in Niedrigzinszeiten mehr ab.

          Auch Jüngere können anderswo ertragreicher sparen. Zudem sind die Konditionen solcher Verträge meist schlecht. Stirbt ein Versicherter wenige Monate nach Abschluss der Versicherung, zahlen die Gesellschaften lediglich Bruchteile der bisher eingezahlten Beträge aus statt der vereinbarten Summe. Viel sinnvoller ist es, eine Risikolebensversicherung mit kleiner Auszahlsumme abzuschließen, das kostet nur wenige Euro im Monat. Auch Ältere bekommen solche Versicherungen noch.

          Absicherung gegen Berufsunfähigkeit notwendiger als gegen Unfälle

          Eine andere Versicherung, die man nicht braucht, ist die Unfallversicherung - auch wenn ihr Name etwas anderes suggeriert. Ein Unfall kann schließlich jedem und - noch schlimmer - auch den Kindern oder Enkeln überall passieren. Deshalb haben 28 Millionen Deutsche solche Policen abgeschlossen, ob in Form einer eigenen Unfallpolice, einer Kinderunfallversicherung oder auch Insassenunfallversicherung fürs Auto.

          Letztere kann man zuerst streichen. Sie bringt überhaupt keinen Zusatznutzen, weil bei einem Unfall alle Beifahrer bereits über die Kfz-Haftpflichtversicherung abgesichert sind, entweder über die eigene Haftpflicht (falls es ein selbstverschuldeter Unfall ist) oder über die Versicherung des Unfallverursachers (wenn beispielsweise ein Fremder das eigene Auto gerammt hat). Meist zahlen Insassenunfallversicherungen ohnehin nur sehr kleine Beträge aus.

          Zudem sind schwere Unfälle seltener, als man denkt, sagt die Statistik. So leiden Menschen nur selten in Folge eines Unfalls unter schweren Behinderungen. Viel häufiger sind sie die Folge einer Krankheit. In solchen Fällen zahlt die Unfallversicherung nicht. Rückenleiden, Depressionen oder Krebs sind dagegen diejenigen Gefahren, die im Ernstfall viel öfter dazu führen, dass man seinen Lebensunterhalt nicht mehr verdienen kann. In solchen Fällen ist eine Berufsunfähigkeitsversicherung die wesentlich bessere Wahl. Gerade einmal 60 Prozent der Berufstätigen haben allerdings eine solche Versicherung. Wer seine Kinder absichern möchte, kann auf die Kinderunfallversicherung ebenfalls getrost verzichten. Sinnvoller ist eine Kinderinvaliditätsversicherung.

          Versicherungen fürs Reisegepäck kann man sich sparen

          Auf Platz drei der unnützen Versicherungen steht die Krankenhaustagegeldversicherung. Von ihr bekommt man nämlich nur so lange Geld, wie man stationär behandelt wird. Muss man danach zu Hause noch längere Zeit genesen, gibt es kein Geld mehr. Besser ist die Krankentagegeldversicherung, denn sie ersetzt das Einkommen tatsächlich so lange, wie man krankgeschrieben ist. Entscheidend ist das vor allem für Privatversicherte und gesetzlich versicherte Selbständige, denen bei Krankheit sofort die Einkünfte entgehen. Für maximal rund 25 Euro im Monat können sie sich absichern. Die Versicherung lohnt sich aber auch für Arbeitnehmer, die mehr als rund 4300 Euro verdienen. Nur bis zu dieser Obergrenze ersetzt nämlich die gesetzliche Versicherung den Verdienstausfall.

          Auch Reisegepäck ist vielen Urlaubern lieb und teuer (vor allem jenen, die schon mal ohne Koffer irgendwo gestrandet sind), aber die Versicherungen gegen dieses Szenario kann man sich schenken. Für sie können Reisende oft locker 120 Euro im Jahr ausgeben, doch am Ende sieht man oft weder seinen Koffer noch den Gegenwert seines Inhalts wieder. Denn die Klauseln vieler Verträge beinhalten viele Einschränkungen. Die Gesellschaften erstatten nur in seltenen Fällen überhaupt den Schaden, warnen Verbraucherschützer. Im Prinzip muss der Reisende das Gepäck die komplette Fahrt über unter Kontrolle behalten, um sich nicht vorwerfen lassen zu müssen, man habe es fahrlässig aus den Augen verloren. Überspitzt könnte man sagen: Nur für Schiffsreisende mit extrem teurem Gepäck, denen der Koffer aus der Kabine geklaut wird, lohnt sich so etwas.

          Versicherungen gegen Bruch aller Art gibt es ebenfalls zuhauf. Aber da das Leben zwar ein großes Abenteuer ist, doch viele Malheure eher kleiner Natur sind, kann man es getrost darauf ankommen lassen, ob man wirklich jemals einen jener Sachschäden produziert, für die so gern Spezialversicherungen verkauft werden. Zumal viele Gesellschaften ohnehin nur den Zeitwert solcher Gebrauchsgegenstände erstatten, der meist übersichtlich ist. Gehen wirklich einmal Brille, Ski, Handy oder Glasscheiben zu Bruch, ist das selten so teuer, dass es einen in den finanziellen Ruin stürzt. Es sei denn, man besitzt einen Wintergarten vom Ausmaß eines königlichen botanischen Gartenhauses. Aber wer hat schon ein solches Glück?

          Quelle: F.A.S.

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