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Vermögensfrage Viele sind reicher, als sie denken

17.01.2010 ·  Vermögensbilanzen sind für viele Anleger böhmische Dörfer. Die fehlende Gegenüberstellung langfristiger Einnahmen und Ausgaben kann bei Kapitalanlagen aber zu Problemen führen - vor allem, wenn es um die Altersvorsorge geht.

Von Volker Looman
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Geld ist und bleibt in Deutschland ein Tabu. Das wird zur Zeit in der Diskussion, wie stark der Staat die Finanzberatung regulieren beziehungsweise überwachen soll, wieder einmal in aller Deutlichkeit klar. Der Gesetzgeber will Beipackzettel für Kapitalanlagen einführen und die Haftung der Banken für „fehlerhafte“ Finanzberatung verschärfen, und die Privatleute träumen von geringen Risiken und hohen Zinsen. Solange die Rechnung aufgeht, ist die Welt in Ordnung, und wenn Holland in Not geraten ist, sollen Banken und Staat den Schaden ersetzen.

Die Vorstellungen und Ziele sind auf beiden Seiten fragwürdig, weil die wirtschaftlichen Ereignisse der letzten Jahre mit Nachdruck gezeigt haben, worauf es beim „richtigen“ Umgang mit Geld ankommt: Fleiß bei der Arbeit, Zurückhaltung beim Konsum, Augenmaß bei den Zinsen, Verteilung des Kapitals auf viele Töpfe und Hände weg von Produkten, die „kein“ Mensch versteht! Das gilt auch 2010, doch davon wollen die meisten Anleger in diesen Tagen nicht mehr viel wissen. Statt dessen geht sowohl in den Banken als auch in den Privathaushalten die alte Wirtschaft weiter!

Sinnvoll wäre aber, sich zu Beginn des Jahres wieder Gedanken über die Struktur des Vermögens zu machen. Die richtige Aufteilung des Vermögens beginnt mit der Auflistung der bestehenden Anlagen und Kredite, und in diese Aufstellung gehören, es kann nicht oft genug wiederholt werden, eben nicht nur Aktien, Anleihen, Immobilien und Kredite, sondern auch Arbeitskraft, Versorgungsansprüche und Lebenshaltungskosten.

Einkommen, Rente und Konsum fallen unter den Tisch

Das Einkommen, die Renten und der Konsum sind für die meisten Menschen aber keine Vermögenswerte, so dass es kein Wunder ist, dass die Positionen unter den Tisch fallen und zu suboptimalen Geldanlagen führen, wie der Ökonom gemeinhin sagt. Die fehlende Kapitalisierung der Pensionen kann in einzelnen Fällen aber auch Ängste und Sorgen auslösen, die unnötig sind wie ein Kropf. Wer beispielsweise 66 Jahre alt ist und einen lebenslangen Versorgungsanspruch von 2.000 Euro pro Monat besitzt, hat 371.000 Euro auf dem Konto. Dahinter verbirgt sich die Kalkulation, dass der Anleger noch 22 Jahre leben wird und die Zahlungen mit 3,5 Prozent auf die Gegenwart abgezinst werden. Sind außerdem noch ein lastenfreies Eigenheim im Wert von 300.000 Euro und ein Wertpapierdepot von 275.000 Euro vorhanden, kann sich der Anleger drehen und wenden, wie er will: Ihm fehlen nur noch 46.000 Euro bis zum Millionär!

Das Kopfschütteln über diese Betrachtung beginnt bei der Abzinsung der Renten. Die meisten Anleger multiplizieren die 371.000 Euro mit 3,5 Prozent und kommen auf jährliche Zinsen von 12.985 Euro. Der zwölfte Teil dieses Betrages führt zu einer Rente von 1.082 Euro pro Monat, so dass sich viele Anleger verwundert die Augen reiben, wie bei dieser Rechnung monatlich 2.000 Euro herauskommen sollen. In ihren Augen sind dafür 685.714 Euro notwendig. Das ist aber nicht richtig.

Die Lösung des „Problems“ ist ganz einfach und wäre der richtige Stoff für ein Schulfach über Geld und Recht. Die Abzinsung laufender Zahlungen unterstellt den Verzehr des Kapitals. Im vorliegenden Fall müssen die Renten, wenn die Sterbetafeln der deutschen Aktuare stimmen, noch 264 Monate bezahlt werden. Danach ist die Sache zu Ende. Wird aber „nur“ mit den Zinsen gerechnet, so wird unterstellt, dass am Ende auch noch das Kapital, in diesem Fall also 686.000 Euro, ausgezahlt werden müssen. Das ist bei Pensionen und Renten aber nicht der Fall, so dass der korrekte Wert bei 371.000 Euro liegt.

Noch kein Beamter hat seine Pension verloren

Die Berechnung des Barwertes, für viele Menschen bereits ein Ausflug in die höhere Mathematik, ist eng mit der Frage verknüpft, wie „sicher“ der Vermögenswert ist. Das hängt wie bei jeder Geldanlage von der Bonität des Schuldners ab. Beamte zum Beispiel haben gute Karten. Natürlich haben Staat, Länder und Kommunen das Geld der Staatsdiener nicht in Tresoren gehortet, doch die Sicherheit der Pensionen ist hoch, weil jeder Kämmerer die Zahlungen in den Haushalt einstellen muss, und nach dem Krieg ist kein Fall bekannt geworden, dass ein Beamter seine Pension verloren hat.

Staatsdiener können über sinkende Renten jammern, doch sie sollten die Kirche im Dorf lassen. Falls ein Richter mit 60 Jahren und einer Pension von 4.000 Euro in den Ruhestand geht, hat er 806.00 Euro auf dem Konto, und wenn ein Lehrer mit 65 Jahren und einer Rente von 3.000 Euro aus dem Schuldienst ausscheidet, hat er einen Vermögenswert von 521.000 Euro in der Tasche. Die beiden Zahlen zeigen, dass solche Anleger, auch wenn sie dessen nicht bewusst sind, bei der Geldanlage andere Risiken eingehen können als Menschen, die mit geringeren Sicherheiten und niedrigeren Zahlen rechnen müssen. Wer zum Beispiel in der freien Wirtschaft tätig war und eine Betriebsrente von 3.500 Euro erhält, kann nicht damit rechnen, das Geld auf Dauer zu bekommen. Die 608.000 Euro sind in der Bilanz ein wackeliger Posten

Trotzdem haben sowohl Beamte als auch Manager laufende Ausgaben. Wer zum Beispiel monatlich 2.500 Euro fürs tägliche Leben braucht, benötigt bei einer „Restlaufzeit“ von 22 Jahren und einem Zins von 3,5 Prozent mindestens 464.000 Euro, um über die Runden zu kommen. Das heißt im Klartext, dass vom Gesamtvermögen zwischen 450.000 und 500.000 Euro so sicher angelegt werden sollten, dass die monatlichen Entnahmen möglich sind. Das ist viel Geld, doch viele Rentner sind - allen Unkenrufen zum Trotz - reicher als sie denken. Nur sind die Möglichkeiten verschieden. Wer ein Vermögen von 600.000 Euro besitzt und 500.000 Euro braucht, sollte vorsichtig sein, die Hälfte in Aktien oder Beteiligungen zu investieren. Hier kommen für die Gestaltung des freien Vermögens nur einfache und sichere Anlagen in Betracht! Das sieht bei einem Anleger, der eine Million Euro auf den Konten hat, völlig anders aus. Er kann sich, so neidisch das viele Menschen machen mag, 100.000 Euro in den Sand setzen, weil ihn der Verlust nicht aus den Angeln heben wird.

Witwen- und Waisenrenten passen nicht mehr in diese Welt

Vor der Aufgabe, monatliche Einnahmen und Ausgaben zu kapitalisieren, stehen nicht nur Senioren, sondern auch Junioren. Mütter zum Beispiel, die sich zu Hause um den Nachwuchs kümmern, stehen jeden Tag vor dem Risiko, dass ihr Mann sterben kann. Das kann zu heftigen Konsequenzen führen. Wenn eine Frau zum Beispiel insgesamt 50 Jahre einen Betrag von 2.500 Euro pro Monat benötigt, der jedes Jahr um 2 Prozent steigt, ist bei einem Anlagezins von 3 Prozent nach Steuern ein Vermögen von 1.177.000 Euro notwendig, und dieses Geld muss völlig sicher angelegt werden.

Versicherungssummen in dieser Größenordnung lösen bei vielen Leuten nur Unverständnis aus. Einmal endet das menschliche Wahrnehmungsvermögen über Geld bei zwei Jahresgehältern, so dass eine Million für die meisten Menschen eine „irre“ Summe ist. Darüber hinaus fragen sich die meisten Männer, warum sie ihre Frauen in dieser Höhe absichern sollen, frei nach Motto: Je attraktiver die Frau, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch einen zweiten oder dritten Mann beziehungsweise Versorger finden wird.

Witwen und Kinder sind auf dem Heiratsmarkt jedoch Ladenhüter. Daher ist die finanzielle Absicherung der Familie ein Gebot von Anstand und Nächstenliebe. Beim Geld hört aber nicht nur die Moral, sondern in vielen Fällen auch die Zuneigung auf. Trotz geringer Monatsprämien ist es vielen Männern nicht zu vermitteln, ihre Familie angemessen abzusichern. Wozu gibt es bitte die Allgemeinheit? Die Versorgung von Hinterbliebenen ist freilich nicht Staatsaufgabe, sondern reine Privatsache. Wer die Freiheit haben möchte, mit seinem Geld zu machen, was er will, hat auch die Pflicht, die Konsequenzen zu tragen: Witwen- und Waisenrenten sind ein Überbleibsel aus alter Zeit und passen nicht mehr in diese Welt!

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.

Quelle: F.A.Z.
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